Glanz und Gloria sind keineswegs automatisch die Begleiterscheinungen eines Politikerlebens, so manche Karriere erfuhr mehr Abstürze als Höhenflüge. In solchen Fällen ist es meist ratsam, darüber wenig Worte zu machen. Es gibt jedoch Beispiele dafür, dass Scheitern und Rückschläge aufschlussreich sein können. Die Erinnerungen des langjährigen CDU-Schatzmeisters Walther Leisler Kiep an ein Leben, das voller Chancen war, dessen Perspektiven sich aber dramatisch verengen sollten, gehören dazu.

Der heute 80-jährige Christdemokrat blickt ohne Zorn zurück, nicht ohne Bitterkeit, ein wenig melancholisch, aber auch mit Stolz. Am 5. Oktober 1971, schreibt er , »willigte ich in das schlechteste Geschäft meines Lebens ein«: Auf dem CDU-Parteitag in Saarbrücken hatte er sich zum »Kassenwart« der Partei wählen lassen, angesichts der Finanzlage der Union damals, zwei Jahre nach dem ersten Bonner Machtverlust, ein Himmelfahrtskommando zwar, doch nicht ohne Reiz. Ich erinnere mich sehr gut an diesen Vorgang und die Hoffnung, die der aufsteigende Mann – für viele ein möglicher CDU-Außenminister – damit verband: Kiep gehörte zu den wenigen Politikern in der Union, die in der damaligen feindselig geführten Debatte über die Deutschland- und Ostpolitik der Bundesrepublik Positionen der Vernunft vertraten. Die starre Haltung des totalen Neins zur Politik Willy Brandts hielten Kiep und die wenigen liberalen Köpfe in der Bundestagsfraktion, darunter auch Richard von Weizsäcker, für unproduktiv, nicht zukunftsfähig und daher falsch. Den populistischen Scharfmachern, allen voran Franz Josef Strauß, waren diese Männer verdächtig. Da war das Schatzmeister-Amt, da es mit Sitz und Stimme im Parteipräsidium verbunden war, eine große Verlockung. Die Position versprach, so flüsterten uns Kieps emsige Helfer, darunter der später als Helmut Kohls Wahlkampfmanager so erfolgreiche Peter Radunski, voll Hoffnung zu, neuen Einfluss und größere Manövrierfähigkeit. Jetzt bekomme Kiep den Fuß in die Tür zur großen Politik.

Welch ein Irrtum! Mehr als mit der deutschen Ostpolitik und internen Kursdebatten sollte Kiep fortan mit Westspendern, Geldwäschern, Lobbyisten, Steuerjuristen und Staatsanwälten zu tun bekommen, die Grenzen der Loyalität seines Vorsitzenden und Duzfreundes Helmut Kohl kennen lernen und Mitte 1991 den berüchtigten Karlheinz Schreiber im Schweizer St. Margarethen treffen, der mit einem prall gefüllten braunen Kuvert angekommen war, ein Vorgang, der Kiep Ende 1999 einen Haftbefehl wegen Steuerhinterziehung eintrug – nicht die erste Konfrontation mit dem Rechtsstaat. »Im Rückblick stehen den 21 Jahren als Schatzmeister der CDU 22 Jahre an gerichtlichen Verfahren gegenüber«, fasst der Autor resigniert zusammen. »Die Hoffnung, mit Hilfe dieses Amtes für meine politische Überzeugung zu wirken, hat sich nicht erfüllt.« Sein Hauptarbeitsfeld hatte eben anderswo gelegen: in der »Grauzone«.

Vermutlich wird Walther Leisler Kiep vielen Zeitgenossen vor allem so in Erinnerung bleiben, aber das ist eben bei weitem nicht die ganze Geschichte. Interessant sind seine Erinnerungen gerade da, wo er sich mit den Erfolgen und Rückschlägen im Ringen um eine vernünftige Außenpolitik der Union beschäftigt und die geistigen Frontlinien jener Zeit beschreibt. Kieps Bericht aus dem von Ideologie und Intoleranz bestimmten Innenleben der Union ist beklemmend, zugleich aber auch erhellend: Die Ära Kohl wirkt, so gesehen, wie ein 16-jähriger Prozess der Umerziehung mit Hilfe der Realität.

Interessant sind Kieps Erinnerungen aber auch da, wo der Mann, der nie Minister wurde, weder für Entwicklungshilfe noch für auswärtige Beziehungen, seine entwicklungs- und außenpolitischen Aktivitäten als Abgeordneter der Opposition beschreibt, erst zum Aufbau der Demokratie in Portugal, später zur Rettung der Türkei vor dem Staatsbankrott, Letzteres eine globale Aktion in Absprache mit dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Helmut Schmidt, als Vermittler zwischen Bonn, Tokyo, Washington und den internationalen Finanzinstitutionen. Dieser Abschnitt über das Wirken hinter den Kulissen vermittelt mehr Kenntnis über das globale Monopoly-Spiel als jede normale Zeitungslektüre. Dass Kiep die skeptische Haltung der Union gegenüber einer EU-Mitgliedschaft der Türkei nicht teilt, versteht sich danach beinahe von selbst. Droht eine muslimische Menschenflut? »Ich halte diese Ansicht für Panikmache.«

Bedeckt hält sich der bekennende Amerika-Freund und langjährige Kopf der »Atlantik-Brücke« zum Thema Irak, was bedauerlich ist. Der kurze Vergleich mit Vietnam mag vielsagend gemeint sein, ist jedoch unergiebig. Das Urteil über George W. Bush ist deutlicher: dezent formuliert in Fragen der Persönlichkeit und der Sachkenntnis des US-Päsidenten, ungeschminkt aber da, wo Kiep sein eigenes demokratisches Amerika-Bild zu Recht bedroht sieht: Der aktuelle Neo-McCarthyismus, von Guantánamo bis zum Abbau der Bürgerrechte, »summiert sich zu einem eklatanten Verrat an den Idealen der Gründerväter, an den Prinzipien der amerikanischen Verfassung und jenen Freiheiten, für die die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg zogen, um Europa und Deutschland von der Tyrannei zu befreien«. Hear, hear!