Der Ärger wird gewaltig sein. Matthias Matussek, neuerdings Chef des Kultur-Ressorts im Spiegel (ja, das gibt es tatsächlich), hat ein Buch geschrieben, das seine Gegner in der empfindsamen Branche des politischen Feuilletons (doch, er hat sie) attackieren werden, als handelte es sich um das verräterische Pamphlet eines Diversanten. Und das ist es ja auch. Der Mann, der als Londoner Korrespondent seine beträchtliche satirische Kraft am unverrückbaren Deutschlandbild der Briten erprobte – die Hoodlums der Londoner Journaille antworteten mit einem verbalen Bombenangriff –, kehrt mit geradezu sentimental aufgeladener Wut in die Heimat zurück, um sie heftig, vielleicht ein wenig zu heftig zu umarmen. Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können kann betrachtet werden wie ein Vulkanausbruch von Vaterlandsliebe, die in dieser geballten Form bisweilen schmerzhaft wirkt und doch zugleich glaubhaft bleibt; denn Matussek legt die Karten seiner eigenen politischen Sozialisation – über den Maoismus zum Internationalismus der siebziger und achtziger Jahre – auf den Tisch. Er war mal ein anderer. Einer, der sich kaum traute »Nation« zu sagen, weil seine politischen Spielkameraden immer nur »Nationalismus« verstanden.

Wer in den letzten zehn Jahren als deutscher Auslandskorrespondent die Untergangsberichte britischer und amerikanischer Korrespondenten in Bonn und Berlin las, die um Holocaust, Arbeitslosigkeit, German decadence und schwule Politiker kreisten, vom Abstieg der Republik ins Armenhaus Europas ganz zu schweigen, wird sich – wie der Heimkehrer Matussek – gewundert haben, dass das Land überhaupt noch existierte. Aus dieser zornüberglänzten Überraschung mag auch dieses Buch entstanden sein, das Interviews mit prominenten Deutschen (von Heidi Klum bis Klaus von Dohnanyi) collagiert mit zum kleinen Teil veröffentlichten Texten (zum Beispiel einer schwer missverständlichen »Rede ans Vaterland«). Getragen wird das ein wenig flott lektorierte Werk von einer imitatio heroica: Heinrich Heine heißt das Vorbild des Autors, und dass er ihm in einigen Passagen nahe kommt, gehört zu den Schönheiten des Buches. Noch schöner allerdings ist der Hang Matusseks zur polemischen politischen Inkorrektheit. Der Mann will Krach machen, und den wird er auch kriegen. Wer »Vaterlandsliebe«, »Patriotismus« und eine erstarkende Produktivität der deutschen Wirtschaft in Zusammenhang bringt, wird sich außerdem ein paar Fragen gefallen lassen müssen. Zum Beispiel nach dem mangelnden Patriotismus des deutschen Topmanagements in ihrem Globalisierungswahn. Und wer von den deutschen »Wonnen der Pünktlichkeit« spricht, wer es angenehm findet, »in Sicherheit zu leben und nicht erschossen zu werden«, schleppt offenbar traumatische Erfahrungen aus Südamerika mit sich (Matussek war auch Brasilien-Korrespondent). Doch er spricht nur aus, was inzwischen zum akzeptierten Lebenskonsens der Republik zählt – aber er sagt es eben viel deutlicher als die älter werdenden, murmelnden Deutschlandskeptiker im Feuilleton, die ihre eigene Skepsis wahrscheinlich schon skeptisch betrachten.

Wir Deutschen ist das schön unordentliche Buch eines fröhlichen Neu-Konservativen, der es liebt, auf unser immer noch verschattetes Selbstbild mit unermüdlicher Taktlosigkeit ein paar kräftige Farbspritzer zu setzen, schwarz, rot, gold. Die Prophezeiung sei gewagt, dass so viel Deutschlandschwärmerei nur aus der geografischen Distanz trägt – und dass der Autor früher oder später wieder Abstand nehmen wird von der neuen Liebe. So bleibt sie erträglich.