Grimmig entschlossen gehen die Ärzte in die zehnte Streikwoche. Genau genommen sind es nicht »die Ärzte«, sondern die Assistenzärzte. Sie leiden unter den Arbeitsbedingungen, von denen ihre Chefärzte profitieren. Sie leisten Millionen unbezahlte Überstunden, verdienen vergleichsweise wenig und müssen sich häufig mit befristeten Arbeitsverträgen zufrieden geben. Lange Zeit nahmen die Klinikärzte diese Bedingungen klaglos hin. Jetzt ist es mit ihrer Geduld vorbei.

Die Zahl der im Marburger Bund organisierten Ärzte ist innerhalb weniger Monate von 80000 auf 100000 gestiegen. Noch ist ihre Forderung nach 30 Prozent mehr Gehalt lediglich Ausdruck großer Frustration. Noch hat der Protest keine gestalterische, politische Dimension. Aber der größte Ärzteaufstand der Nachkriegsgeschichte könnte auch der erste Hinweis auf ein neues, für das Gesundheitswesen gesünderes Selbstverständnis der Mediziner an den Kliniken sein.

Möglicherweise zeigt sich hier das neue Selbstverständnis eines professionellen Angestellten und Dienstleisters, dem deswegen nicht weniger am Wohl seines Patienten gelegen sein muss. Es wäre der endgültige Abschied des alten paternalistischen, freien Arztes nach Art des Dr. Ferdinand Sauerbruch, der sich für seine Patienten aufopfert, dafür aber auch größten Respekt und Gehorsam erwartet. Das Besondere am Ärztestreik ist weder die exorbitante Gehaltsforderung noch die Länge des Arbeitskampfes. Erstaunlich ist, dass überhaupt gestreikt wird. Jahrzehntelang erduldeten Ärzte in den Kliniken selbst härteste Arbeitsbedingungen. Ihre Arbeit war anstrengend, aber befriedigend. Lohn der selbstlosen Verausgabung war der hohe gesellschaftliche Status.

Mediziner, die dagegen rebellierten, lebten und leben gefährlich. Die allmächtigen Chefärzte, selbst durch diese harte Schule gegangen, dulden keinen Widerspruch. Wer aufmuckt, riskiert die Verlängerung seines Zeitvertrags oder handelt sich Schwierigkeiten in der Facharztausbildung ein. Heute haben die Klinikärzte ihre Ängste und Skrupel abgestreift und kämpfen nun für ihre Rechte wie jeder andere Angestellte auch. Es ist eine kleine Revolution. Sie lässt hoffen, dass die Ärzte endlich ihr Duckmäusertum überwinden und selbstbewusst ihr Schicksal mitbestimmen.

Dabei sollte es ihnen nicht allein um den eigenen Vorteil gehen, sondern auch um ein menschlicheres Krankenhaus. Bisher beschränken sich ihre Forderungen auf mehr Geld und mehr Freizeit. Doch mit der Erfüllung dieser Forderungen wären ihre Nöte nicht behoben. Denn weder Geld noch Freizeit verändern die Kernprobleme: Vor lauter Formularen haben die Klinikärzte immer weniger Zeit für die Patienten; ihre Ausbildung verschlechtert sich; die Chefärzte gängeln sie wie eh und je; befristete Verträge trüben ihre Zukunftsaussichten.

Dabei sind die Bedingungen für weitergehende Veränderungen günstig. Die Ära des feudalen Chefarztes geht zu Ende. Zug um Zug fallen seine Privilegien und die Insignien der Macht. Betten werden abgebaut, das Recht zur Privatliquidation wird beschnitten oder gleich ganz einkassiert. Und auch seine Herrschaft über die Assistenten bröckelt. In ostdeutschen Kliniken können Tausende Stellen nicht besetzt werden; wer ausharrt, droht mit Auswanderung. Der Chefarzt wird lernen müssen, dass er nur noch ein leitender Angestellter ist, der sich um das Wohl seiner im Wettbewerb stehenden Klinik kümmern muss.