Jetzt ist auch er endlich so ein richtiger Wiener Liebling geworden, wie der Voss, der Brandauer oder der Heltau. Davor, bekannte er, müsse sich der Theatermacher in Obacht nehmen. Doch den Abstieg zum umjubelten Darling des Publikums ertrug Claus Peymann bei seinem Wiener Festwochen-Gastspiel zu Beginn der Woche mit Erleichterung. Das Publikum johlte, trampelte, die kleinen Digitalkameras blitzten sehnsuchtsvoll. Und Peymann, er war beglückt. Sichtbar. Sehr sogar. Zum Abschied winkte er kurz in die Halle. Kokett. Ein wenig.

Es floß viel Schweiß. Er hatte gewusst, es würden sich Bäche von seiner Stirn ergießen, wenn er in Wien die drei Peymann-Dramolette von Thomas Bernhard wie einen authentischen Tatsachenbericht lesen und spielen wird. Fette Tropfen triefen nun über Hemd und Hose, spritzen bei jeder heftigen Bewegung vom Schädel. Am Ende des Abends ist Peymann, man muss diesen Begriff wörtlich nehmen, in Schweiß gebadet. Er war so nahe dran am Leben, so unmittelbar zurückversetzt in die große Weltkomödie Österreich, die mit jedem Satz Rettung und Untergang verheißt, dass alle Ventile versagen und der Heimkehrer nur im Schweiße seines Angesichtes der verwaisten Stadt gegenübertreten konnte.

Theater, auch ein großer Theaterspaß wie dieser, kann eine Zeit- und Weltreise sein in ein anderes Jahrhundert, ein anderes Land: retour in die Waldheimat, zurück auf den Heldenplatz. Aufgebahrt liegen dort die gefallenen Ideen, die Wünsche und Verwünschungen, die verstümmelten Träume und zerfetzten Hoffnungen, die der Illusion entstammten, das Theater, sein Theater, könnte die Welt, zumindest aber den winzigen Wiener Mikrokosmos davon, aus den Angeln heben. Die biedere Ordnung eines unanständigen Gemeinwesens ersetzen durch die Gesetze seines Größenwahns und Bernhards monomanen Ekel vor allem und jedem in Österreich.

Peymann spielt Peymann, den Feldherrn, der über den Kampfplatz stolziert nach geschlagener Schlacht. Alle haben überlebt. Keinem der vielen Getreuen ist auch nur ein Haar gekrümmt worden, nur ergraut ist es. Bloß das Rückgrat haben sie eingebüßt und die Selbstachtung, und wenn sie eines Tages zurückblicken, wie an diesem Abend, so liegt hinter ihnen eine verklärte Epoche.

In dieser Zeitblase regiert Theaterkönig Peymann, Herrscher von Bernhards Gnaden, und Hermann Beil, der große Ruhepol, sorgt als Haushofmeister dafür, dass in diesem Reich jeder Statist und jede Kulisse an Ort und Stelle ist. Die Residenz, das Burgtheater, ist ein mythischer Ort, teilweise ein Camelot, wo Peymann und seine Tafelrunde die Suche nach dem Gral auf den Spielplan setzen, und teilweise ein Spukschloss, in dem das Geisterheer der Burgschauspieler sein Unwesen treibt. Peymann und die Seinen sind die ghostbusters, die all die bösen Gespenster, die Mimen, Kritiker, Politiker, Abonnenten und stadtbekannten Lemuren zurück in ihre Schattenwelt verscheuchen wollen. Aber in ihren Albträumen verfolgen sie die Wiener Nachtmahren immer noch – auch in Berlin und gerade dort.

Im Kontext einer blassen, nüchternen Gegenwart, in der Pathos nichts mehr beschwören kann, erzählen die drei Dramolette ein schönes Schauermärchen. Der alte Peymann ist wieder jung und knistert. Er leidet und wütet, jammert und flucht. Gefährlich nah am Leben. Es bleibt unklar, ob Bernhard Peymann sehr genau beobachtet hat oder ob Peymann immer mehr in die Persona eine Bernhard-Figur geschlüpft ist.

"Ich setze alles auf eine Karte. Auf die Peymann-Karte", verspricht, droht, prahlt Bernhards Prophet, kaum in Wien eingetroffen, im ersten Dramolett und heimst in Folge beim wilden Trischaken Stich um Stich und alle Lacher ein. Leider haben sie aber in Tarockanien zwischenzeitlich die Karten neu verteilt und auch die Spielregeln geändert. Nun wird gepokert, geschachert, abgezockt. Ein Kulturbruch, wenn man will, den diese zwei Theaterspaßabende sehr deutlich zeigen können. An ihnen macht der Peymann-Gschtiss nach wie vor jeden Stich. Und die anderen, die draußen geblieben sind, haben immer das Bummerl.