Es ist 35 Meter hoch und 625 Tonnen schwer, vom Boden bis zum Scheitel deutschester Granit. Es ist das gewaltigste der vielen hundert Denkmäler für Reichskanzler Otto von Bismarck, eines der gigantischsten überhaupt, das je für einen Politiker in Deutschland errichtet wurde – allein die Statue misst 15 Meter. Und doch wird es mit Fleiß ignoriert. "Eine Scheußlichkeit sondergleichen", nannte es 1991 Hamburgs berühmter Opernprinzipal der Komponist Rolf Liebermann. Kaum eine Postkarte zeigt es, keine Stadtwerbung rühmt es. Angeschmuddelt, im toten Winkel zwischen Michel, Reeperbahn und Landungsbrücken, steht er heute da, wie weggestellt, der Koloss von Hamburg.

Vor genau 100 Jahren wurde er enthüllt, am 2.Juni 1906. Eine Huldigung der Hansestadt an das Kaiserreich sollte es sein, wie zuvor schon das prunkvolle Reiterdenkmal für Bismarcks Herrn, Wilhelm I., auf dem Rathausmarkt, das allerdings noch vor dem Zweiten Weltkrieg in die Wallanlagen abgeschoben wurde.

Hamburgs kaiserzeitlichen Monumenten war wenig mehr Fortune beschieden als dem Reich, dem sie einst geweiht wurden. Tatsächlich waren sie ohnehin weniger Ausdruck eines entfesselten Nationalismus als vielmehr Instrument einer Wirtschaftsförderung der ganz besonderen Art. Ihr Bau entsprang nicht nur dem zeittypischen Hurrapatriotismus, nicht nur dem Wunsch des Bürgertums, die aufstrebende Sozialdemokratie wenigstens optisch in die Schranken zu verweisen, sondern mindestens ebenso kühlem kaufmännischem Kalkül: Sie sollten sich auszahlen. Es musste sich rechnen.

Der Kaiser vor dem Rathaus und der kolossale Bismarck über dem Hafen – sie waren beide Teil einer konzertierten Aktion von Wirtschaft und Politik, die dem Standort Hamburg vor einem Jahrhundert das schuf, was man heute "günstige Rahmenbedingungen" nennt. Vor allem mit dem ersten Denkmal, Wilhelm I. zu Pferde, wurde weniger einem toten Kaiser gehuldigt, als vielmehr ein lebender gekobert. Es war eine der erfolgreichsten PR-Kampagnen der Stadtgeschichte, ausgerichtet auf ein Ziel: Majestät als Förderer Merkurs.

Alt-Hamburg mochte die Hohenzollern nicht sonderlich. "Preußen mit seinem Militarismus und seiner pedantischen Buerocratie ist dem Hamburger unsympathisch", fasste der Reeder Ferdinand Laeisz die Stimmung an der Elbe zusammen. Erst mit der Reichsgründung 1871 begann sich das Verhältnis zu ändern, gefördert vor allem durch die guten Geschäfte, die Hamburgs Status als Zollausland innerhalb des Reiches ermöglichte. Bis Otto von Bismarck sich 1880 anschickte, der Stadt dieses Privileg zu nehmen. Nach heftigen Kontroversen einigte man sich schließlich auf einen begrenzten Freihafen. 1888 legte Wilhelm II., mit 29Jahren eben Kaiser geworden, feierlich dessen Schlussstein.

Wilhelm II. beschimpft Hamburgs Bürgermeister als "dicken Rüpel"

Der Zank war bald vergessen. Die Zugehörigkeit zum Reich zahlte sich weiterhin aus und stärkte die Bilanzen der Reedereien, Banken und Handelshäuser. Jetzt schmückten auch die Fassade des Laeiszhofs an der alten Trostbrücke im Herzen der Stadt die Statuen von Bismarck, Roon und Moltke. Nur eines störte immer noch die Geschäfte: Wilhelm II. konnte die Freie und Hansestadt nicht ausstehen. Deren Bürgermeister beschimpfte er öffentlich als "Dussel", "Kamel" oder "dicken Rüpel". Viel schlimmer noch: Er tat das im traditionell rivalisierenden Bremen, das sich in allerhöchster Zuneigung sonnte.

Es gab zwei Gründe, die Wilhelm Hamburg verleideten. Da war zunächst der Altkanzler (und hamburgische Ehrenbürger) Bismarck, der im Sachsenwald residierte, gleich vor den Toren der Stadt. Wilhelm II. hatte ihn 1890 abrupt entlassen, da er seinem "persönlichen Regiment" im Wege stand. "Ich bin der dicke Schatten, der zwischen ihm und der Ruhmessonne steht", kommentierte der Alte bitter. Fand allerdings einen Trost ganz eigener Art darin, den jungen Kaiser, den er für unfähig hielt, aus dem Sachsenwald heraus unter Beschuss zu nehmen. Dafür benutzte er gern die Hamburger Nachrichten.

Ein Zweites kam hinzu: Wilhelm II. sah von der Elbe her die "rote Gefahr" dräuen, die Sozialdemokraten. August Bebel, ihr Vorsitzender, vertrat den Hamburger Wahlkreis 1 im Reichstag, was den Kaiser in dem Verdacht bestärkte, "daß in Hamburg alle Fäden der sozialistischen Verschwörung zusammenlaufen". Bebel und Bismarck – es war eine bizarre Koalition, welche die Freie und Hansestadt bei Seiner Majestät heftig in Misskredit brachte.

Das durfte so nicht bleiben, darin waren sich Hamburgs Herren einig. Wollte die Stadt des neuen Reiches Tor zur Welt sein – und entsprechend verdienen –, konnte sie sich das Missfallen des mächtigen Souveräns nicht leisten.

Das Problem Bismarck löste sich sozusagen biologisch. Am 30. Juli 1898 starb der Überkanzler. "Der Kaiser wird immer ein dummer Junge bleiben", ist einer seiner letzten Kommentare zu Deutschlands Zukunft gewesen.

Bereits kurz zuvor hatte sich Albert Ballin, Direktor der Hapag, der größten Reederei der Welt, an die Spitze einer Sympathiekampagne gesetzt, mit der Hamburgs Wirtschaft den Kaiser zu umwerben begann. Tatkräftig unterstützte sie der Senat, der immer mehr vom freiheitsstolzen althamburgischen Partikularismus abrückte. Wilhelms bestimmende Charakterzüge kamen den Hamburger Interessen dabei auf das erfreulichste entgegen: Der Souverän zeigte sich überaus empfänglich für Huldigungen.

Als er die Repräsentanten der Stadt näher kennen und schätzen lernte, als er sich endlich als ein von stolzen Hanseaten freudig anerkannter und geliebter Landesvater fühlen durfte, wurde ihm Hamburg plötzlich überaus sympathisch. Außerdem war er ein Schiffsnarr, der wenig so sehr liebte wie die Seefahrt. Die Hanseaten sicherten sich die wachsende Zuneigung ihres "erhabenen Bundesgenossen" mit einer Reihe perfekt dem kaiserlichen Geschmack angepasster Festlichkeiten. Um die Jahrhundertwende durfte sich Hamburg schon zu den Lieblingsstädten Seiner Majestät zählen, und so war es denn auch ein Hapag-Dampfer, auf dem 1901 das Kaiserwort fiel, das bald zu einem geflügelten werden sollte: "Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser!"

Um in dieser Zukunft die Favoritenrolle zu halten, musste nun auch ein grandioses Denkmal her. Die Republik Hamburg hatte sich da lange zurückgehalten. Ein Standbild Wilhelms I. war zwar kurz nach dessen Tod geplant worden, aber mit wenig Enthusiasmus. Nun jedoch hatten sich die Zeiten gewandelt, und der altehrwürdige Hamburgische Correspondent räumte auch freimütig ein, weshalb: "Zu der Liebe für die reine und große Persönlichkeit Kaiser Wilhelms I. ist ein mächtiges Gefühl dafür getreten, dass Handel und Schiffahrt im Kaisertum ihren entscheidenden Hort begrüßen dürfen."

Ein Denkmal für Wilhelm I.: Das musste den Enkel begeistern. Schon allein um Bismarck als bloßen "Ratgeber" und "Diener" zu marginalisieren, glorifizierte der Serenissimus seinen Großvater, den er gar zu "Kaiser Wilhelm dem Großen" proklamieren wollte. Dieser "herrliche Greis" nun in Bronze, hoch zu Ross, direkt vor dem neuen Hamburger Rathaus – da war man der Bremer Konkurrenz wieder einmal weit voraus! Zumal der auch noch ein schwerer taktischer Fehler unterlief: Dort plante man ein Standbild Friedrichs III., des 99-Tage-Kaisers, und mit seinem liberalen Vater hatte WilhelmII. absolut nichts im Sinn. Hamburg kalkulierte da zielführender, wie der Feuilletonist (und zeitweilige Kultursenator) Ascan Klée Gobert, Sohn eines Großkaufmanns, festhielt: "Wenn der Monarch mit seinem sehr nützlichen Seefahrtskomplex seinen Großvater gern als Denkmal ›reitet für Deutschland‹ sehen wollte – nun, das Geld war da."

Es ging an Professor Johannes Schilling aus Dresden, eine siebzigjährige Säule des deutschen Denkmalschaffens, Schöpfer der Niederwald-Germania bei Rüdesheim am Rhein. Für stolze 750000 Mark erbot sich der Meister – den jüngere Konkurrenten wie Ernst Barlach für "künstlerisch mausetot" erklärten –, gleich den ganzen Rathausmarkt zum Gesamtkunstwerk umzugestalten.

Hatten die frühen deutsche Kolossalplastiken, etwa die 1850 enthüllte Münchner Bavaria oder das Detmolder Hermannsdenkmal, dessen Bau bereits 1838 begonnen worden worden war, noch einen eher naiven Patriotismus gespiegelt, so entstanden nach der Reichsgründung deutlich monströsere, aggressivere Monumente. Besonders dräuend war die 1897 vollendete Denkmalanlage am Deutschen Eck in Koblenz ausgefallen, von Kurt Tucholsky später "ein Faustschlag aus Stein" genannt.

Der Hamburger Reiter geriet dagegen zwar etwas dezenter, aber lückenlos dekoriert war das Gesamtkunstwerk ebenfalls. Von Allegorien wie dem Genius des Ruhmes, in dessen Händen der neugeschaffene Reichsschild ruht, über reichlich Lorbeer, Schwert und Palme bis hin zum modernen Weltverkehr hatte man an nichts gespart. Im Mittelpunkt prangte, fünfeinhalb Meter hoch und das Rathaus der Republik immer fest im Blick, der "preußische reitende Normalfürst", wie das sozialdemokratische Hamburger Echo spöttelte.

Angesichts eines derartigen Engagements war Wilhelm II. sogar bereit, sich vom überwältigenden Wahlsieg der Sozialdemokraten nicht die Stimmung verderben zu lassen. Kurz bevor er am 20.Juni 1903 mit einem rauschenden, noch einmal 250000 Mark teuren "Kaisertag" das Gesamtkunstwerk enthüllte – und, bezeichnend, gleich noch eine neue Hapag-Hafenanlage einweihte –, hatte die SPD bei den Reichstagswahlen erstmals satte 61Prozent aller Hamburger Stimmen erobert.

Damit stand genau die Tatsache im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die man gerade so sorgfältig vergessen machen wollte: Hamburg wurde nicht nur von "königlichen Kaufleuten" bevölkert, es war gleichzeitig eine Hochburg der Arbeiterbewegung. Und deren Kommentare ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Wilhelms II. Zeitepoche hat die Bourgeoisie vollständig entmarkt, ganz zu einer Lakaienschar umgestaltet, ihr den letzten Rest von Manneswürde entzogen. Und ein boshafter Witz der Zeitgeschichte ist es, dass gerade die ›stolzen‹ Hanseaten alles bisher Dagewesene an Byzantinismus übertreffen müssen."

Doch der Höhepunkt dieses – wohl kalkulierten – Byzantinismus war noch lange nicht erreicht. Jetzt kam Bismarck dran. Der allerdings sollte etwas Besonderes werden, kolossal und doch modern, Demonstration der Eigenständigkeit und der Reichstreue zugleich. Des Kaisers Favorit, der neobarocke Berliner Bildhauer Reinhold Begas, hatte 1901 das bisher größte Bismarck-Standbild vor dem Reichstag errichtet (heute steht es neben der Siegessäule im Tiergarten). Das war wohl auch eine Art Entschädigung gewesen, hatte doch der Monarch lange vor Bismarcks Tod geplant, Begas ein prunkvolles Grabmal entwerfen zu lassen und den Nationalhelden darin für die Hohenzollerngruft im Berliner Dom regelrecht zu beschlagnahmen. Diese anbefohlene "großartige Schaustellung" war jedoch an Bismarcks letzten Wünschen gescheitert, der Alte blieb auch postum im Sachsenwald. Bei der Denkmalsenthüllung in Berlin versuchte der Souverän dann, wieder einmal, die Rangordnung zu klären. Diesmal per Kranzschleife: "Des großen Kaisers großem Diener".

Im selben Jahr, 1901, wurde nun auch der Wettbewerb für Hamburgs Denkmal ausgeschrieben. Höchste Zeit. Schon 1879 hatten die Kölner dem Reichskanzler das erste Monument errichtet; seither war der Bismarck-Türme und -Säulen, der Statuen und Büsten, der Bismarck-Steine und -Eichen kein Ende mehr. 1906 zählte man 306 Gedenkstätten. Bismarcks viel beschworener "Sinn für Maß und Mitte" war da schon lange verloren gegangen.

Auch in Hamburg dachte man mehr großartig als groß. Alfred Lichtwark, der legendäre erste Direktor der Kunsthalle, zog sich, indigniert ob all der Kolosse unter den 219 Entwürfen, aus der Jury zurück. Danach fiel das Votum einmütig: der kolossalste von allen sollte es sein.

Die Entscheidung bedeutete den Durchbruch für den Sieger: den dreißigjährigen, aus Mähren stammenden Berliner Bildhauer Hugo Lederer, der in verschiedenen deutschen Ateliers gearbeitet hatte, darunter bei Johannes Schilling in Dresden.

Der glühende Bismarck-Verehrer Lederer hatte für sein Denkmal eine traditionell hanseatische Form gewählt: die der Rolandsäule, deren berühmteste in Bremen steht. Roland, bretonischer Graf und Gefolgsmann Karls des Großen, war Volksheld und Freiheitssymbol gleichermaßen. Als schwerttragender Ritter wachte er seither auf den Marktplätzen vieler Städte und Städtchen, Sinnbild von Marktrecht und Gerichtsbarkeit, von Freiheit und Wohlstand. Bismarck als Roland des ganzen Reiches – Lederers Entwurf betonte die Parallelen bis an die Grenzen der Karikatur, und das musste in Hamburg ankommen. "Jene Auffassung", urteilte die Jury, "verkörpert in treffender Weise nicht nur die sich im Volksbewusstsein allmählich vollziehende Steigerung der Gestalt Bismarcks ins Heldenhafte, sondern entspricht auch am besten dem Aufstellungsorte, der ein weither, womöglich auch vom Hafen aus sichtbares Standbild erwünscht erscheinen lässt."

Dreißig Meter hoch über diesem Hafen sollte Lederers Riesenroland stehen. Dafür entwarf der junge, in Stuttgart geborene Architekt Emil Schaudt eine Sockelanlage, die weiteres Aufsehen erregte: ein wuchtiges Granitgefüge, von innen begehbar und mit Wandmalereien verziert, von außen klar in den Linien. Schon wurde Schaudt als neuer Stern der deutschen Denkmalsarchitektur gefeiert, doch entsagte er dem Kolossalen und wurde berühmt für Bauten wie das Kaufhaus des Westens in Berlin.

Lederers puristischer Recke in klassischer Wächterpose mit Rüstung, Mantel und Schwert, zwei streng stilisierte Adler zu Füßen, hatte indes nichts mehr gemein mit der verspielten Dekorfreude à la Begas. Seinen Platz zwischen Himmel und Erde füllte er durch archaische, fast bedrohliche Wucht. Kein pompöser Tortenaufsatz, sondern eher ein martialischer Bote des Art nouveau, des Jugendstils, dem sich Lederer später weiter zuwandte.

So etwas war beispiellos. Von Anfang an wurde über das Werk heftig gestritten: Lichtwark schalt es ein "peinvoll stilisiertes Götzenbild", die Sozialdemokraten verstanden es erwartungsgemäß als Provokation – und große Teile des Hamburger Bürgertums sahen ihr Selbstverständnis fortan in der "waffenstarken" Reckengestalt verkörpert.

Angesichts dieser Gigantomanie ist es schwer, zu glauben, dass es derselbe Lederer war, der für Hamburg auch eine Bronzestatue Heinrich Heines schuf, die 1911 in Auftrag gegeben, vor dem Krieg aber nicht mehr aufgestellt wurde. Lederers Heine war unaufdringlich, fast zart, in sich gekehrt und melancholisch – der absolute Konterpart zum trutzigen Granitgebirge über dem Hafen. 1926 im Stadtpark enthüllt, wurde die lichte Figur schon wenige Jahre später von den Nazis vernichtet; eine Kopie steht heute vor der Düsseldorfer Universitätsbibliothek.

Bismarck aber blieb. In diesem Denkmal, so schrieb ein Bewunderer, "offenbarte sich … der ganzen Welt ein Monument, nach Idee und Form von einer Größe, wie sie der Erdball nur wenige besitzt. Dieser Sieg war vollkommen. Hugo Lederer hatte sich freigemacht von den Einflüssen seiner Zeit. Lederers Bismarckstatue ist Skulptur schlechthin."

Als die "Bismarck" vom Stapel läuft, ist die Versöhnung vollendet

Gemessen an diesem Anspruch, fiel die Einweihung des über 500 000 Mark teuren Monuments – Hamburgs Wirtschaft hattte sich spendabel gezeigt – bemerkenswert bescheiden aus. Vor allem: Der Kaiser fehlte. Das war umso auffallender, als er Hamburg inzwischen regelmäßig im Juni besuchte. Ob es schlicht unmöglich gewesen war, ihn und die mit ihm immer noch verfeindete Familie Bismarck unter ein Denkmal zu bekommen, oder ob der Schutzherr der deutschen Kunst, für den alles Moderne aus dem "Rinnstein" kam, ein derart gewagtes Monument ostentativ ignorieren wollte, bleibt ungeklärt.

Noch auffallender ist, dass der so meinungsfreudige Monarch den Giganten auch bei späteren Aufenthalten keines Kommentars würdigte. WilhelmII. war damit wohl der erste Hamburg-Besucher von vielen, dem es gelang, den größten Bismarck der Welt glatt zu übersehen.

Der entscheidende Coup, das grandiose Finale der verwickelten Dreiecksgeschichte zwischen Hamburg, Hohenzollern und Bismarck, gelang schließlich der Hapag – auf dem Wasser, auf dem Deutschlands Zukunft lag, unter den seltsam blicklosen Augen von "Hamburgs neuem Wahrzeichen". Auf der Werft von Blohm & Voss lief der größte und modernste Luxusliner der Welt vom Stapel, getauft auf den Namen Bismarck.

Neben Hunderttausenden begeisterter Zuschauer war, bei Kaiserwetter, natürlich auch Wilhelm II. mit von der Partie. Als die junge Patin Hannah von Bismarck, die Enkelin des Kanzlers, Schwierigkeiten hatte, die Sektflasche zu zerschmettern, griffen S. M. höchsteigenhändig ein. Das wurde prompt als Versöhnung der Häuser Bismarck und Hohenzollern auf Hamburger Boden gefeiert und mythisch verbrämt: als Vorzeichen "halkyonischer Tage" für Schiff und Reich.

Doch das verheißungsvolle Fest sollte tatsächlich zur Abschiedsgala des Kaiserreiches werden. Es war der 20. Juni 1914. Eine Woche später fielen die Schüsse von Sarajevo.

Die Autorin ist Journalistin und lebt bei Hamburg. Mehr zum Thema in dem Buch von Jörg Schilling, "Distanz halten – das Hamburger Bismarckdenkmal und die Monumentalität der Moderne", das dieser Tage im Göttinger Wallstein Verlag erscheint (472 S., 27,– €)