Wolken schieben sich über die Gipfel, Cabrios rauschen um die Kurven, und irgendwo ist hier auch mal ein Bär durchs Dickicht gestürmt. Die Wiese vor dem Gehöft brennt fast, so gelb ist sie. Es ist Hahnenfuß, der hier wächst, wunderbar anzuschauen, und doch; Hahnenfuß, erklärt später der Professor, ist ein Zeichen für Stickstoffüberdüngung und geringe Artenvielfalt. Mit dieser Natur stimmt etwas nicht.

Hier ist der Bär also nach Bayern gekommen, über das österreichische Reutte und zwischen Hochplatte und Kreuz-Spitze hindurch, vorbei an all den Gasthäusern und den Radlern in engen Neonhosen, an Reisebussen und Porsches, hinein in dieses Freizeitwunderland, das Bayern ist, wo sie die Natur verkaufen und sich dann sehr erschrecken, wenn sie tatsächlich mal an die Tür klopft, die Natur. Oder der Bär. Oder das Fremde: Willkommen, das war das Erste, was sie sagten; Abschießen, das war das Zweite, was sie sagten. Dazwischen kam der Bär, den alle nun Bruno nennen, hier in Graswang vorbei und nahm sich ein paar Schafe.

Das ist schon ein paar Tage her, und Felix Knauer und seine beiden Kollegen schauen müde und unrasiert aus und ziemlich leer an diesem Morgen. Gestern haben sie im Wald bei Kufstein nach Bärenspuren gesucht; heute werden sie auf einer Lichtung im Inntal nach Bärenhaaren suchen; morgen werden sie im Zillertal durch den Schnee steigen und sich mal wieder fragen, wie alles so schief gehen konnte. Sie treffen sich in Graswang bei Oberammergau, wo alles begann, als wollten sie noch mal zurück zum Anfang.

Felix Knauer ist promovierter Wildbiologe, er arbeitet an der Universität Freiburg, er ist Bärenkenner und fährt einen blauen Renault Kangoo, in dem es riecht, als habe der Bär dort übernachtet; tatsächlich liegt das wohl eher an den beiden Hunden, die er seit Tagen kreuz und quer durch die Alpen kutschiert, auf der Suche nach dem Bären. Knauer hat lange Haare und hat den bayerischen Umweltminister Schnappauf beraten, der den Schießbefehl gab. Knauer und seine Kollegen, sie sind die Experten. Und irgendwie fühlen sie sich in den letzten Tagen wie die Idioten. "Na ja", sagt Knauer und steigt ein.

170 Jahre lang war er fort, der Bär, ausgerottet, zum Klischee verniedlicht – und als er wieder kam, war niemand wirklich vorbereitet. Meinhard Süß schüttelt den Kopf, halb belustigt, halb verwundert, er kann noch immer nicht so richtig fassen, was da passiert ist. "Verrückte Woche", sagt er nur, und er meint damit alles: die Medien, die Bilder von wilden Jägern sehen wollten; die Politik, die stotterte und strauchelte und dabei doch Stärke zeigen wollte; und die Menschen, die eine Art Bürgerwehr bildeten.

Meinhard Süß ist der Leiter des Forstamts in Oberammergau; sein Hund heißt Walter und liegt in einem Korb auf dem Boden, wenn er nicht gerade dem Besucher zwischen die Knie kriecht; sein Amt ist neben der Kirche, die Straße gegenüber heißt Lüftlmalereck, und über der Forstamtstür steht die Zahl "1753". Während der Säkularisation 1803 bekam der Staat dieses Haus von der Kirche, kurz darauf verschwanden die letzten Bären aus der Region, es ist also vielleicht kein Zufall, dass die katholische Kirche, so steht es in der Bild, einen Zusammenhang sieht zwischen dem Bären und dem kommenden Papstbesuch. Das sind so die mehr oder weniger historischen Dimensionen dieser Affäre, bei der die Reaktionen zwischen Hysterie und Humor changieren.

"Nicht der fehlende Lebensraum ist das Problem der Bären", sagt Süß, ein Mann mit grauen Haaren und einem klaren Gesicht, "sondern die fehlende Akzeptanz". Und tatsächlich wirkten die ersten Reaktionen eher so, als gehe es hier darum, großflächig Migrantenströme zu regulieren oder die Jugendkriminalität zu bekämpfen, es klang nach Rasterfahndung und Überwachungsstaat. Der Bund Naturschutz forderte ein "Bärenmanagement", Meinhard Süß sieht die Lösung mal wieder in "runden Tischen".