Verehrter Leser, schließen wir bitte mal für drei Minuten die Augen, versuchen uns zu konzentrieren und überlegen, wie viele berühmte Neuseeländer jeder zusammenbringt. … So! Bei mir sind es zweiundzwanzig: Mount-Everest-Bezwinger Sir Edmund Hillary, die Filmemacher Jane Campion und Peter Jackson, der Segler Russell Coutts, der Kiwi, der Kea, der immergrüne Kauri-Baum und natürlich die All Blacks, die beste Rugby-Fünfzehn der Welt. Ich wette, bei den meisten sieht das Ergebnis nicht viel anders aus. Aber das wird sich demnächst ändern. Merken Sie sich den Namen Jonathan Lemalu. Er ist auf dem besten Wege, weltberühmt zu werden.

Ehrlich gesagt, war mir der Herr vor einem Jahr noch völlig unbekannt. Ich stöberte im CD-Shop und sah auf einem Cover dieses kraftstrotzende, von zwei Pausbacken gerahmte Gesicht aus einem Paisleyhemd ragen. Die ganze Erscheinung gemahnte eher an einen samoanischen Ringer als an einen Klassik-Interpreten. Aber der Titel war eindeutig. Jonathan Lemalu ‒ Opera Arias (EMI-Classics 5752032) stand neben dem Hünenfoto. Als ich einen Blick auf die Trackliste geworfen hatte, landete die CD sofort im Einkaufskorb. Der Mann ist nämlich Bassbariton, also Kollege, und viele der darauf versammelten Arien habe ich ebenfalls schon aufgenommen oder gesungen.

Gespannt schob ich das gute Stück zu Hause in den Player. Das heißt, ob es wirklich gut war, wusste ich ja noch nicht, wappnete mich also vorsichtshalber mit einem Glas Rioja. Nach vier Stücken war das Glas leer. Der Sänger hatte mich am Haken. Vor allem die beiden Rossini-Arien aus Figaros Hochzeit sind echte Glanznummern und rücken die Stärken Lemalus ins rechte Licht: elegante Phrasierung dank profunder Technik, großes Stimmvolumen und eine Ausdruckskraft, die für einen erst dreißigjährigen Sänger wirklich erstaunlich ist. La calunnia è un venticello, der sinistre Intrigenentwurf Basilios, und das Wutgeheul Dr. Bartolos über sein verlogenes Mündel Rosina A un dottor della mia sorte werden mit genau der richtigen Portion Schadenfreude und Raserei vorgetragen. Dass Lemalu auch das hochdramatische Fach beherrscht, zeigen zwei dämonische Mephisto-Einlagen von Gounod und Boito und die Auftrittsarie des Fliegenden Holländers, Die Frist ist um . Die Weltkarriere Lemalus indes hat gerade erst begonnen.

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