Meinen Sie nicht, Port-au-Prince wäre ein klingender Geburtsort für einen Musiker? Als der junge Pianist Andrew Hill mit dem haitischstämmigen Schlagzeuger Andrew Cyrille durch die New Yorker Szene zog, bildete sich jene Legende vom polyrhythmisch fließenden Blut eines Haitianers, obwohl Hill doch verbürgt am 30. Juni 1937 in der South Side von Chicago geboren wurde. Andrew Hill beließ es lange dabei, der leicht exotische Touch passte zu einem der eigenwilligsten Pianisten zwischen Tradition und Avantgarde der sechziger Jahre. Doch selbst die euphorischen Kritiken über Platten wie Point Of Departure, Black Fire oder die Gesellschaft von Größen wie Eric Dolphy, Joe Henderson und Roland Kirk konnten nicht verhindern, dass Andrew Hill ins Niemandsland des Jazz geriet. Dort, wo man jedes Jahr eine Platte aufnimmt, die kaum einer hört, sich mit Nebenjobs am Leben hält, Lehraufträge bekommt und im besten Fall – wie Andrew Hill 2000 – ein Comeback feiert: zwei hoch gelobte Alben, A Beautiful Day und Dusk als Jazzplatte des Jahres bei Down Beat gefeiert, dann der Jazzpar-Preis 2003. Erinnert sich jemand an Andrew Hill?

Und jetzt? Time Lines, ein kleines Wunder, eine Platte außerhalb der Zeit, ganz altmodisch, ganz modern. Getragene Themen wie gerade eben improvisiert, Soli wie lange zuvor ausgeschrieben, die Stücke klingen wie kleine Welten, in die man eintaucht und sie nach zehn Minuten verlässt. Mit Malachi , einer Elegie auf den verstorbenen Freund und Bassisten Malachi Favors vom Art Ensemble of Chicago, beginnt und endet das Album und bisweilen erinnert es in seiner komplexen Einfachheit an eine Gruppe, der man beim Verfertigen von Gefühlen zusehen kann: mit dem Schlagzeuger Eric McPherson, einem klangmalenden Wirbelwind, dem Bass von John Herbert, dazu die Saxofonfamilie von Greg Tardy, der Trompeter Charles Tolliver und dazwischen das eigensinnige Klavier von Andrew Hill, das mönchisch an dunklen Akkorden festhält und sie nicht aus den Händen gibt. Ungewöhnlich, wie diese Stücke mahlstromartig vorbeifließen und doch phasenverschoben ruhen. Sie sind von einer melancholischen Kraft, die oft in Spätwerken zu finden ist. Dass Andrew Hill seit zwei Jahren gegen den Tod kämpft, verleiht ihm die Souveränität, die Platte des Lebens zu machen.

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Andrew Hill: Time Lines
EMI/Blue Note 55 533