Nürnberg

David ist ein Findelkind, als etwa Dreijähriger aufgelesen auf der Straße während der Wirren des Krieges zwischen Armenien und Aserbajdschan. Seine Eltern: umgebracht, er kommt in Obhut Fremder, erst in Armenien, dann in Russland. Von dort floh er vor vier Jahren nach Deutschland, fand Hilfe und ein Zuhause im SOS-Kinderdorf in Nürnberg. Konnte zum ersten Mal in seinem Leben voller Schrecknisse die Schule besuchen.

Nun ist er achtzehn, und ihm droht, wovor er sich verzweifelt fürchtet: die Rückführung nach Armenien, in ein bitterarmes Land aus der Konkursmasse der Sowjetunion, in dem er niemanden hat und niemanden kennt. Am 8. Juni läuft seine "Duldung" aus, und die armenischen Behörden haben sich offenbar bereit erklärt, ihn zurückzunehmen, obwohl seine Identität nicht geklärt ist und er keinerlei Papiere besitzt.

In unserer Neujahrsausgabe hatten wir 100 gute Wünsche zur Rettung der Welt aufgeschrieben, und einer davon galt David: Er möge bekommen, wonach er sich so sehr sehnt, ein Stück Papier, einen Pass - etwas, was er noch nie besessen hat und was, wie er es ausdrückt, "Freiheit und Leben" bedeutet.

David ist integriert, er hat Freunde und Helfer - viele Menschen haben Geld gespendet, eine Nürnbergerin hat ihn bei sich aufgenommen, damit er nicht ins Asylbewerberheim muss, und sie ermöglicht ihm einen Englischkurs. Längst könnte er eine Lehrstelle haben, aber er darf ja nicht arbeiten.

Es gibt viel Bürgerengagement, das auch um politische Unterstützung wirbt: beim Oberbürgermeister Maly - "Nürnberg ist doch die Stadt der Menschenrechte!", sagen sie -, bei Innenminister Beckstein, auch bei Renate Schmidt, der ehemaligen Bundesfamilienministerin, schließlich bei der armenischen Botschaft.

Es wäre schwer zu verstehen - menschlich, politisch, juristisch -, wenn nicht wenigstens dies möglich wäre: David einen Aufenthaltstitel zu gewähren, der seine Existenz legalisiert und ihm eine Ausbildung ermöglicht.