Sechs Jahre ist es her, dass die Dresdner Bank für Joanne Hart zur Feindin wurde. Sie war eines Mittags ins Regent Hotel an der Wall Street Nummer 55 gekommen, antike Säulen, ein Gebäude wie ein Tempel. Sie wollte Vorträge einiger Abgesandter aus Frankfurt und London über die Zukunft von Dresdner Kleinwort Wasserstein, der Investmentbank der Dresdner Bank, hören. Anschließend wurde zu einem gemeinsamen Lunch gebeten. Joanne Hart saß am Tisch von Michael K. (Name von der Redaktion geändert), dem jungen Vizechef aus Frankfurt, 34 Jahre, dunkle Haare, markantes Gesicht, groß, erfolgreich – ein Bild von einem Investmentbanker.

Um die New Yorker Kollegen besser kennen zu lernen, bat K. jeden um eine kurze Vorstellung. Er forderte zuerst den männlichen Kollegen zu seiner Rechten auf, dankte, übersprang die weibliche Kollegin daneben, fuhr mit dem nächsten Mann fort, dem übernächsten, übersprang auch Joanne Hart, die zweite Frau am Tisch, und machte mit den restlichen Männern weiter.

So erinnert sich Joanne Hart an die Situation. Sie sitzt im 57. Stock des Empire State Building in New York, im Konferenzraum der Anwaltskanzlei Thompson Wigdor and Gilly. Joanne Hart trägt einen schwarzen Nadelstreifenanzug, ihr blonder Pagenkopf sieht auch am Ende des Tages noch frisch geföhnt aus. In diesem Jahr wird sie 50. Normalerweise spricht sie sehr bestimmt, Fragen kürzt sie gerne ab, indem sie einfach in sie hinein antwortet. Heute ist dies anders, unruhig sitzt sie auf ihrem Stuhl. Was damals geschah, bringt sie immer noch auf, als habe sich der Vorfall erst gestern ereignet. Joanne Hart ist überzeugt, dass es für K.s Verhalten nur eine Erklärung gibt: seine Einstellung, dass Frauen in der Bank nichts zu sagen haben. Für Joanne hat die Bank bei diesem Mittagessen ihr wahres Gesicht gezeigt. Deshalb hat sie jetzt, gemeinsam mit fünf anderen Frauen, die Konsequenzen gezogen.

"For immediate release", zur sofortigen Veröffentlichung, ist die Presseerklärung ihres Anwalt Douglas Wigdor am 9. Januar 2006 überschrieben. Und darunter: "Sechs Frauen haben heute Morgen im südlichen Distrikt von New York Klage gegen die Dresdner Bank wegen sexueller Diskriminierung eingereicht." Sie fordern 1,4 Milliarden Dollar Schadensersatz für sich selber und die zu erwartenden 500 Mitklägerinnen dieser Sammelklage. Es ist die höchste Summe, die je in einem Fall von sexueller Diskriminierung in den USA gefordert wurde. 1,4 Milliarden, das hört sich an wie ein Witz oder eine bodenlose Unverfrorenheit.

In der 70-seitigen Klage bietet Douglas Wigdor den Medien genügend Stoff, um den Fall interessant zu machen. Da ist die Rede von einem unehelichen Kind aus der Beziehung zwischen einem früheren Vorstandschef und seiner Assistentin; da werden Bürorespektlosigkeiten wiedergegeben wie: "Sie ist die Pamela Anderson der Handelsabteilung"; da wird von einem Strip-Club-Besuch nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss berichtet. Zahlreiche Zeitungen und Fernsehsender in den USA und in Deutschland greifen die Geschichte auf.

Wenn Douglas Wigdor mit seinen Mandantinnen in die Fernsehstudios geht, sind die Fragen der Talkshow-Moderatoren immer die gleichen: "Wie war das mit dem Strip-Club, mit den Prostituierten in der Mittagspause und den anzüglichen Bemerkungen?" Und Jyoti Ruta, eine der sechs Klägerinnen, erzählt wieder und wieder, wie es war, als ihre männlichen Kollegen sie nach einem Geschäftsessen in einem edlen New Yorker Restaurant baten, nach Hause zu gehen, weil die Herren mit dem Kunden noch einen Strip-Club besuchen wollten.

In der CNBC-Sendung On the Money werden bläuliche, unscharfe Aufnahmen von Stripperinnen gezeigt, die den Anschein vermitteln, sie zeigten ebenjene Situation, von der Ruta erzählt. In einer anderen Sendung beginnt die sonst so disziplinierte Joanne Hart nach der Aufzeichnung plötzlich zu weinen. Die Kameras bleiben an, filmen die Tränen. Bei der Ausstrahlung der Sendung am Abend wird diese Szene in voller Länge gezeigt – wie ein letzter Beweis für die Glaubwürdigkeit der Klägerinnen. Es ist jetzt die Geschichte einer Misshandlung geworden. Opfer und Täter sind in den ersten Wochen klar identifiziert. Die Medien haben erwartungsgemäß reagiert, Douglas Wigdor hat seinen ersten Sieg errungen.