In Bergen gewesen, nass geworden. Das darf man eigentlich nicht machen, über Bergen schreiben und mit dem Klima anfangen. Reisejournalisten nennen das: Die Regen-Eröffnung. Aber vielleicht ist der Regen von Bergen ja doch ein Schlüssel zu den Kunstwerken, die hier entstehen.

Es regnet in Bergen an 300 Tagen, manche sagen: an 350 Tagen im Jahr. Ein Klima, das alle verbindet. Man steht sozusagen mit der ganzen Stadt unter der Dusche. Man spürt den großen Zusammenhang, die Sehnsucht nach Wärme, Alkohol und Bett, und man hütet sich, einander zu dicht auf den Leib zu rücken. Was liegt da näher, als Dramatiker zu werden?

Henrik Ibsen, der größte norwegische Dramatiker (1828 bis 1906), hat in Bergen als Dramaturg und Regisseur gearbeitet, von 1851 bis 1857, ehe er nach Oslo und dann nach Rom, Dresden und München zog. Und der 47-jährige Jon Fosse lebt hier, der seit Ibsens Tod als der erste Norweger gilt, der wieder Welttheater schreibt.

Bergen hat das bedeutendste Bühnenfestival Skandinaviens; dieses Jahr steht es im Zeichen von Ibsens 100. Todestag. Calixto Bieito, der katalanische Theaterregisseur, hat den Peer Gynt inszeniert, außerdem gibt es eine neue Version von Ibsens Lille Eyolf. Das Bergen-Festival steht aber auch im Zeichen Fosses: Fosse soll in der Ära des neuen Festivalchefs Per Boye Hansen (ehemals Direktor der Komischen Oper Berlin) jedes Jahr ein Stück schreiben, als Playwright in Residence, als Ibsens Urenkel, sozusagen.

An dem natürlich verregneten Samstagnachmittag, an dem wir durch Bergen gehen, wird klar, wie fern Jon Fosse der große Ibsen ist. »Er war nie eine Bezugsgröße für mich«, sagt Fosse, »der Vergleich mit ihm ist also unfair. Für ihn sowieso, aber für mich auch.«

In gewisser Weise verhalten sich Ibsen und Fosse zueinander wie zwei Torwächter an den Pforten des Unterbewusstseins. Ibsen stieß den Eingang wütend auf und ließ Luft und Publikum hinein. Fosse steht ruhig am Hinterausgang, im Begriff, das Gewölbe für immer zu schließen.

Ibsen brachte die Bürger zum Reden. Fosse bringt sie nun wieder zum Schweigen. Ibsens Figuren leben für jenen Moment, da die Wahrheit, die Schuld aus ihnen herausbrechen und sich in Beichten und Verwünschung Luft machen. Für Fosses Figuren hingegen ist Sprechen nur eine Funktion des Atemzwangs; ihre Rede ist ein peinliches, klammes Gemurmel.

Ibsens Figuren sind grandiose Redner, ein zerstörerischer Drang zur Selbsterkenntnis treibt sie voran: Sie wollen einmal alles durchschauen, auch wenn danach alles kaputt ist. Fosses Figuren sind Extremlakoniker, die nichts durchschauen, sondern nur durchkommen wollen.

Ibsens Figuren wurden von Verdrängung geformt, aber am Ende muss die Schuld ans Licht. Sie verraten, betrügen, verkennen, täuschen, zerstören einander. Die Selbstanzeige ist ihr Weg ins Freie, und die Beichte bedeutet, manchmal, ihre Erlösung. Fosses Figuren hingegen haben keine Aussicht auf Erlösung; ihre Chance liegt in der bedingungslosen Verdrängung.

Ibsen gab der Eifersucht, dem Hass, der Selbstsucht eine Stimme und einen stolzen Eigenwert. Ibsen ist heute allgegenwärtig. Ohne ihn gäbe es keinen Psychokrimi, keine TV-Nachmittagsshows mit Vaterschaftstest und Lügendetektor, keine Soap Opera und keine Familienaufstellung.