Solothurn, Himmelfahrt 2006

Immer war es so gewesen: Man kam an, und auf der Brücke über die Aare flatterten die Fahnen, "Solothurner Literaturtage", blaue Schrift auf weißem Grund, und am anderen Ufer an der gewaltigen, dem Wasser zugewandten Rückwand des mittelalterlichen Landhauses stand es noch mal, in allen vier Landessprachen: Giornate letterarie …Journées littéraires … Sentupada litterara, in Rätoromanisch oder, wie man hier sagt: Rumantsch. Immer war es so, die Schriftzüge schrieben sich hinein in die grüne Mai-Juni-Landschaft – die Literaturtage finden am Himmelfahrtswochenende statt oder, wie man hier sagt, an der "Uffart" −, die wuchtigen uralten Häuser lehnten sich mit ihren krummen Rändern ans Wasser, und dahinter stieg das Gassengewirr des idyllischsten aller Schweizer Städtchen an, drüber die Umrisse der Barockkirchenkuppel, und man war der Spur poetischer Verheißung gefolgt, ein paar Schritte nach links zum Landhaus, wo drei Tage lang der Literatur ein Fest abgehalten wurde, in Lesungen, Diskussionen, Hörspielstudios und Theaterexperimenten, Übersetzungsateliers und Spontanvorträgen, Filmvorführungen und Kinderlesungen, und hatte nachher und zwischendurch im "Kreuz" gehockt, der Kneipe, oder Beiz, wie man hier sagt, gegenüber, mit Judith Hermann oder Peter Kurzeck oder Peter Bichsel, mit dem Buchhändler aus Recklinghausen, der seit 17 Jahren herkommt, oder mit Vrony Jäggy und Noldi Lüthy von der Geschäftskommission, die den Laden "Literaturtage" seit 28 Jahren hauptverantwortlich schmeißen, immer war es so gewesen – wie lange noch?

Ja, wirklich, es gibt etwas an den Solothurner Literaturtagen, diesem Oldie unter den Festivals; dieser Pionierin in Sachen Literaturtreffen, die 1978 von Otto F. Walter, Peter Bichsel, Rolf Niederhauser gegründet wurden mit dem Anspruch, einmal jährlich eine Schweizer Werkschau zu unternehmen, was einen zu unvorsichtigen Sentimentalitäten hinreißen könnte. "Sehr romantisch, sehr didaktisch", findet auch Matthias Zschokke, gebürtiger Berner und immer wieder Gast bei der alten Dame Sentupada, der, gerade mit dem Solothurner Literaturpreis geehrt, hier vor großem Publikum die nachdenklichen Wege seines Helden "Maurice mit Huhn" beschreibt. Solothurn habe sich über die Jahre vergrößert, professionalisiert, internationalisiert – aber, das sagt er fast erstaunt, "Literatur ist die Mitte geblieben".

Die Fahnen auf der Aarebrücke flattern, aber dies Jahr geht man nicht übern Fluss. Das alte Landhaus wird umgebaut, und so stiefelt man nach links, zum Alten Spital an der Aare, am "Dunkel-Zelt" vorbei, das für einmal die Sehenden einlädt, sich Literatur in einer von mehreren Schichten schwarzer Planen erzeugten totalen Finsternis anzuhören.

Literatur als Erfahrung. Literatur als Dunkelheit. Düster ist es in den Bildern, die Zoran Drvenkar aus dem Inneren der Familie holt und ins gewalttätige Gegeneinander unter Jugendlichen projiziert; während im Literaturkino Knallhart läuft, für den Drvenkar – zusammen mit Gregor Tessnow – das Drehbuch schrieb, diskutiert er selbst auf dem Podium mit dem sensiblen Andreas Schendel über die Mannwerdung aus dem Geist des Vaters. "Gefühle zwischen zwei Menschen legen eine schöne Landschaft frei", sagt Judith Kuckart, deren Stimme neben jenen von Thomas Hettche und Marion Poschmann, Urs Widmer und Helen Meier zu den tragenden gehört. Fähige junge Autoren wie Michel Mettler, Felix Epper, Monique Schwitter mischen neue Stimmen ein.

Es gibt – ein Wunder – in Solothurn 2006 jordanische Literatur zu hören, dazu ein Begleitheftchen, es scheint das allererste Dokument jordanischer, ins Deutsche übersetzter Literatur zu sein. Das Publikum, ans Wandern zwischen Lesungen gewöhnt, verharrt wie angenagelt 120 Minuten in der konzentrierten Präsenz von Samiha Chrais, Ibrahim Nasrallah und Iljas Farkuch und ihrer hoch differenzierten, modernen Texte.

Am Abend liest Nobelpreisträger John M. Coetzee und antwortet auf die Frage, warum er in seinem jüngsten Roman Slow Man ausgerechnet Amputation, Behinderung und Verfall eines Menschen thematisiere, ihm scheine die Periode, in der ein Mensch vor Gesundheit und Schönheit strotze, eine kurze im Leben, und also käme ihm die Thematik nicht extrem, sondern im Gegenteil sehr normal vor. Am nächsten Tag wird Martin R. Dean in einer Podiumsdiskussion über "Relevanten Realismus" Coetzee als Beispiel dafür heranziehen, wie engagierte Literatur zeitgemäß aussehen kann. Der weitere Verlauf der Diskussion mit Corinna Caduff, Beate Rothmaier und Thomas Hettche wird eine allseitige Erschöpfung und fruchtloses Mühen um Begriffe wie "relevant" und "Elfenbeinturm" und "Nabelschau" ergeben, die sich als nutzlos für irgendeine Verständigung erweisen, vielleicht, weil sie sich kategorisierend über eine Literatur stellen wollen, die vollständig anderen Gesetzen folgt.