Aus dem Ausland kommen immer wieder Experten, um hierzulande ein kleines Wunder zu bestaunen: das Jugendstrafrecht. Auch unter den heimischen Fachleuten genießt es hohes Ansehen, nur einige deutsche Politiker, vornehmlich auf der rechten Seite, halten nichts davon. Immer wenn, wie jetzt in Berlin, ein 16-jähriger Jugendlicher Amok läuft oder wenn, wie in der vergangenen Woche in Sachsen-Anhalt, junge Gewalttäter zu milde bestraft werden, ertönt der gleiche Ruf: Weg mit dem Jugendstrafrecht!

Doch an zu nachsichtigen Urteilen ist allenfalls der Richter schuld, nicht aber das Gesetz. Es gibt viele gute Gründe, auf das Jugendstrafrecht stolz zu sein, vor allem auf sein Prinzip "Erziehen statt vergelten". Das haben indirekt soeben auch Deutschlands höchste Richter bestätigt. Sie trugen dem Parlament auf, die Jugendgefängnisse mit ihren vielen Erziehungsmaßnahmen, Therapieangeboten und Sonderregelungen endlich auf eine umfassende gesetzliche Grundlage zu stellen.

Natürlich gibt es junge Straftäter, die extrem gefährlich und kaum noch zu retten sind. Selbstverständlich müssen die Gerichte nicht routinemäßig jedem 18- bis 21-jährigen Delinquenten ("Heranwachsende" im Juristenjargon) die Segnungen des Jugendstrafrechts zuteil werden lassen. Aber das Gesetz gründet auf einem positiven und nach wie vor richtigen Menschenbild: Junge Leute, vor allem die zwischen 14 und 18, sind noch leichter zu formen – und zu läutern.

Mehr noch: Dieses Prinzip ist von Erfolg gekrönt. Weil die Jugendrichter nicht mit der ganzen Härte des Gesetzes zuschlagen müssen, weil sie viel schon im Vorfeld ausräumen können, weil sie Gesetzesbrecher ermahnen und zum Beispiel zu gemeinnütziger Arbeit verurteilen dürfen, können sie flexibel und fantasiereich strafen. Darum beneiden sie viele Kollegen an den Erwachsenengerichten – und im Ausland.

Wen man auch fragt, fast alle Experten sind sich einig: Hände weg vom Jugendstrafrecht, es hat sich bewährt. Und es ist, allen Vorurteilen zum Trotz, auch nicht unverantwortlich milde, sondern, im Gegenteil, manchmal verdammt hart. Das belegen viele Studien. Wann begreifen das auch einige Politiker, die daran immer noch ihren Populismus wetzen?