Ein Windstoß, es regnet Blüten über dem Bouleplatz von Erbalunga. Der Mann, dessen Kugel im duftend weißen Teppich unter den Robinien stecken bleibt, seufzt. »Pass auf den Libecciu auf!«, ruft ein kleiner Junge. Denn auch der Libecciu, der typische Wind von Südosten, stört das Spiel, sodass der nächste Wurf wieder missglückt. Der Junge schluckt die Tränen runter und küsst den Verlierer, der sein Vater ist.

Noch ist man unter sich in dem Dorf – nur eine halbe Autostunde vom lärmenden Bastia, der zweitgrößten Stadt Korsikas, entfernt. Am Hafen, vor den graugrünen Schieferhäusern, stehen Blumentöpfe, Rosen, Aloe, Orangenbäumchen. Auf der Terrasse des L’Esquinade beschneidet der junge Wirt die Tamariske.

»Worüber reden die Leute hier?«, frage ich ihn. »Über mein Restaurant natürlich – und über die Macchia«, sagt er und deutet mit der Schere in Richtung Berg. »Sind Sie von da oben?« – »Nein.« Eine seiner Großmütter kam aus Rom, die andere aus der Normandie, ein Familienzweig ist sardisch. »Und mein Onkel ist weiter nach Amerika ausgewandert. Wir vom Cap Corse sind beweglich.«

Die Banditen sind ausgestorben, und Hirten gibt es nur noch drei

Auf Korsikas gebirgiger Landzunge zeugt viel von dieser Beweglichkeit: Fischerhäuser, ehemalige Handelskontore und die maisons d’américains, jene prächtigen Villen der Heimkehrer, die ihr Glück in Mittelamerika gemacht haben. In der noblen, zum Hotel umgewandelten Casa Calisti wohnte einst ein Millionär, der Ende des 19. Jahrhunderts in Santo Domingo reich geworden war und eine kreolische Prinzessin mitbrachte. Dort verbringe ich die Nacht. Diesen Luxus brauchte es, um für die Wildnis empfänglich zu werden.

Am Mittag des ersten Wandertages stehe ich schwitzend und staunend auf einem Hochplateau, vor mir die Spitze des Cap Corse, die 40 Kilometer nach Norden reicht, links und rechts das Mittelmeer und dazwischen die Macchia. Rosmarin in voller Blüte, Thymian, Zistrosen, mannshohe weiße Lilien, Immortellen mit ihren gelben Pompons, Lavendel. Ein herb würziger Duft geht von ihnen aus. Der Bergführer Robert und ich sind von einem fast verfallenen, auf halber Höhe gelegenen Dorf aufgestiegen. Der schmale Pfad führte durch struppigen Macchiawald, in dessen Unterholz die Alpenveilchen leuchteten. Behände ist Robert vorausgeeilt, um irgendwo überraschend aus dem Dickicht wieder aufzutauchen. »Das alles waren einmal Gärten.« Als wir aus dem Wald heraus in die Zone niedriger Vegetation eintraten, zeigte er auf die gegenüberliegenden Berge: »Als meine Mutter jung war, wuchs da oben Weizen.«

»Die Macchia ist die Heimat der korsischen Hirten und all derer, die mit dem Recht in Konflikt geraten sind«, schreibt Prosper Mérimée in seiner Novelle Mateo Falcone von 1829. »Nur mit dem Handbeil könnte sich der Mensch einen Weg hindurch bahnen.« Längst sind die Banditen ausgestorben, Hirten gibt es nur noch drei. Der Pfad, dem wir folgen, ist für Touristen freigeschnitten, die legendäre Macchia: Vergangenheit. Noch um 1950 wurden circa 80 Prozent des Cap Corse landwirtschaftlich genutzt, schätzt Robert, heute sind es etwa 10 Prozent. Der Rest ist Macchia, der Wildwuchs nimmt mehr Fläche ein als zu Mérimées Zeiten.