So viele träumerische und blumenumkränzte Brautpaare, Gaukler auf Pferdchen im Zirkusrund, biblische Szenen und Stillleben, allesamt aus der Hand Marc Chagalls, wurden noch nie auf einen Schlag zum Kauf angeboten. Christine Stauffer von der Berner Galerie Kornfeld nennt das bescheiden eine "Weltsensation". Die 55 Werke stammen alle aus dem Nachlass von Chagalls Tochter Ida. Seit ihrem Tod im Jahr 1994 sind die Bilder und Drucke nie im Zusammenhang gezeigt worden.

1985 war Marc Chagall fast hundertjährig verstorben. Nun haben sich die drei Enkel des russisch-französischen Künstlers entschieden, den Nachlass zu verkaufen. Dass sie das Konvolut der Galerie Kornfeld überantwortet haben, scheint selbstverständlich. Schließlich sind die Familien eng befreundet.

Dem Vorwort des Ausstellungskatalogs ist zu entnehmen, dass Ida Chagall den Auktionator Eberhard W. Kornfeld "innig verehrte". Als "EWK" ist er in die Annalen des internationalen Kunsthandels eingegangen. Marc Chagall selbst schätzte ihn "für sein gutes Auge und die Liebe zur Kunst und als Person".

Kornfeld war 27 Jahre alt, als er dem damals 64-jährigen Chagall zum ersten Mal begegnete. Der jüdische Maler war bereits eine Legende, sein Werk genoss die Bewunderung und Förderung von so unterschiedlichen Größen wie dem Chefdenker des Surrealismus, André Breton, dem Dichter Guillaume Apollinaire und vor allem dem Verleger des Sturms , Herward Walden.

1956 organisierte Eberhard W. Kornfeld parallel zu einer großen Chagall-Schau in der Kunsthalle Bern eine Übersicht über das grafische Schaffen des Malers in seiner eigenen Galerie. Diese Ausstellung intensivierte den Kontakt zu dem Künstler und mündete in den von Kornfeld erarbeiteten Katalog zum grafischen uvre Marc Chagalls. 1970 erschien der Band Verzeichnis der Kupferstiche, Radierungen und Holzschnitte von 1922 bis 1966 mit einer beigelegten farbigen Radierung als Vorzugsausgabe in 100 Exemplaren. Scherzhaft bezeichnete Chagall Kornfeld als "mon Koechel", in Anlehnung an den Verfasser des Mozartschen Werkverzeichnisses.

Dass sich Chagalls grafische Produktion später auf farbige Lithografien verlagerte, "deren Massenproduktion von geschäftstüchtigen Verlegern mehr als nur gefördert wurde", hatte Kornfelds Qualitätsanspruch nie so recht genügt, wie er 1995 in der Schweizer Zeitung Der Bund schrieb. Der lebenslangen Freundschaft tat es jedoch keinen Abbruch.

Ebenso verbunden war Kornfeld mit vielen anderen Künstlern. Alberto Giacometti ließ ihn als einen der wenigen Besucher in sein Atelier, und ohne Kornfelds Einsatz wäre das Kirchner Museum in Davos wohl nie entstanden.