Der im letzten Oktober mit vierundsiebzig Jahren verstorbene ungarische Dichter, Dramatiker, Essayist und Dauerrebell István Eörsi war nicht nur ein gefürchteter Kritiker der politischen Zustände seines Landes, sondern auch ein unbarmherziger Analytiker seiner selbst. Das beweist – nach den Gefängnismemoiren Erinnerungen an die schönen alten Zeiten – sein (von Heinrich Eisterer prägnant übersetzter) Roman Im geschlossenen Raum, in dem Alter Ego Borsi einer jungen Journalistin Rede und Antwort steht, wobei das Interview zur skrupulösen Selbstbefragung gerät.

Zunächst meldet sich, mit Eörsis Stimme, der Erzähler zu Wort. Er gesteht, dass ihn literarische Beschreibungen (ob von Balzac oder Dickens) furchtbar langweilten, weshalb er sich "heute, am 8. Juli 2001", vorgenommen habe, ohne Umschweife aus seinem Leben "zwischen der Entlassung aus dem Gefängnis und der Wende von 1989" zu erzählen. Nachsatz: Hier werde der Wirklichkeit Fiktion "beigemischt". Aus Eörsi wird im Folgenden Held Borsi. Allen Ginsberg und Georg Lukács dürfen ihre Namen behalten.

Sommer 1989. Die ungarischstämmige, nach England emigrierte Journalistin Erzsébet Frederik kehrt nach Budapest zurück, um Schriftsteller Borsi über sein Gefängnisstück Im geschlossenen Raum zu interviewen. (Eine bibliografische Notiz verrät dem Leser, dass das – in Ungarn jahrzehntelang verbotene Bühnenwerk – in Wirklichkeit Das Verhör hieß und 1984 in West-Berlin uraufgeführt wurde.) Der Schriftsteller hat sich auf eine kleine Donauinsel, in selbst gewählte Isolation, zurückgezogen. Für das Tête-à-tête bedeutet dies Konfrontation auf engstem Raum, denn die Fähren gehen selten. Und schon ist sie da: die angespannte Atmosphäre zwischen der hartnäckig Fragenden und dem bereitwillig Auskunft Gebenden, zwischen der jungen Frau und dem älteren Mann, der sie unverhohlen begehrt. Eine Spannung, die noch verstärkt wird durch das plötzliche Auftauchen eines auf Rache sinnenden ehemaligen Zellengenossen sowie einer Geliebten von Borsi. Es wird eng auf der Insel. Vor der eigenen Vergangenheit gibt es kein Entweichen, desgleichen vor den Abgründen von Seele und Geschlecht.

Eörsis autobiografischer Roman ist über weite Strecken Bekenntnis – in der Tradition der Confessiones von Augustin bis Gombrowicz. Selbstanalyse, ja Selbstbezichtigung werden mitunter auf die Spitze getrieben, sodass die hellhörige Interviewerin von narzisstischer Koketterie spricht. Führt der Mann nicht selbstverliebte Monologe? Antwortet er überhaupt auf ihre Fragen, auf ihre kritischen Einwürfe? Ja doch, sie ist der Motor des Ganzen. Just in der Interviewsituation, die an ein gemildertes Verhör erinnert, kommt Borsi zu sich selbst. Entfaltet Eörsi seine dramatischen Fähigkeiten.

Das Stück, um das es eigentlich geht, wird als Ganzes wenig fassbar. Man erfährt nur, dass es 1953, nach Stalins Tod, in einer Gefängniszelle spielt, wo Kommunisten und Bürgerliche, Katholiken und Proleten sich gegenseitig zerfleischen und ehemalige Genossen sich in entgegengesetzten Lagern wiederfinden. Eörsi, der 1956 bis 1960 in ungarischen Gefängnissen saß, hatte persönliche Erfahrung mit dem Stoff. Und die Kulturnomenklatura, die das 1965 entstandene Stück systematisch verbot, ihre guten Gründe. Davon lässt Eörsi seinen Helden berichten: von den erpresserischen Machenschaften der Politbonzen und Kulturbürokraten, von Verrat und Opportunismus, Vergangenheitsfälschung und Spitzelwesen, Zensur und Lüge in der Kádár-Zeit. Geschichte reiht sich an Geschichte, Name an Name. Die Fakten sind allesamt desolat, auch wenn sie das Absurde streifen. Und belegen, dass die Metapher des "geschlossenen Raums" den Alltag unter der Diktatur meint.

Und die Wende, was hat sie gebracht? Endlich wird das inkriminierte Stück auch in Ungarn gespielt, ja mit einem Preis ausgezeichnet. Doch "die Wahrheit ist miserabel in Form", wie Borsi – einen Traum protokollierend – lakonisch bemerkt. Und: "Eine Gesellschaft mit schlechtem Gewissen ist nicht imstande, sich zu ihrer Vergangenheit zu bekennen." Genau dieser Vergangenheit aber ist Borsi alias Eörsi auf der Spur. Detailversessen und unnachgiebig gegenüber Feind, Freund – und sich selbst. Der streitlustig-ruppige Wahrheitsfanatiker weiß um den Umstand, dass Selbstgerechtigkeit keine Glaubwürdigkeit erzeugt. Also hinterfragt und denunziert er sich ohne Pardon. Die Selbstentlarvung reicht tief ins Private, ja Intime. Sie zeigt den Moralisten und überzeugten Lukács-Schüler als Frauenhelden, als prinzipienlosen Herzensbrecher mit langer "Opferliste". Schuld wird eingeräumt, wenn auch abgeschwächt durch die Bemerkung: "Von den Menschen mit revolutionärem Naturell liegt nur den Genussfreudigen der Gedanke an Terror völlig fern."

Als Leser mag man Eörsi seine Genussfreudigkeit nicht verargen. Denn sie ist es, die ihn trotz allem menschlich und verletzlich erscheinen lässt – und die seinem beeindruckenden Roman Witz und sinnlichen Charme verleiht. Neugierigen sei verraten: Borsi hat Erzsébet nicht angerührt. Tabu ist Tabu oder das trennende Ruder auf dem Bett ein Zauberding.