Der Zufall als Lehrstück: Da greift der iranische Präsident Ahmadineschad im Spiegel in die Jauchegrube, aus der sich sonst nur alte Antisemiten und neue Nazis bedienen. Zeitgleich bittet der deutsche Papst in Auschwitz, an "diesem Ort des Grauens", um "Vergebung und Versöhnung".

Den Pontifex und den Hassprediger in einem Atemzug zu nennen soll Ahmadineschad nicht die Ehre erweisen, die allein Benedikt gebührt. Die zufällige Gleichzeitigkeit offenbart aber auf wundersame Weise einen moralischen Disput, der die uralten Fragen aufwirft, für die Deutschen wie für den Rest der Welt: Was ist wahr, was ist falsch - was ist gut, was ist böse? Anno 2006 hat nur Benedikt die richtigen Antworten gegeben.

Beginnen wir mit Ahmadineschad, dem Führer eines "fundamentalistischen" Regimes, der sich listig (man spürt geradezu das innere Grinsen) in den Mantel postmoderner Beliebigkeit wickelt - also zum Westen in einer vertraut-verführerischen Sprache spricht. Der Holocaust - "hat der sich wirklich ereignet?" Dazu gebe es "in Europa doch zwei Meinungen". Die Wahrheit sei also bloß ein "politisch motiviertes" Konstrukt. Die Wahrheits- als Machtfrage ist ein Klassiker der westlichen Postmoderne, die umso grotesker aus dem Munde eines Menschen klingt, der einer Offenbarungsreligion voller absoluter Gewissheiten - faktischer wie ethischer - anzuhängen behauptet.

Die Menschenrechte - auch sie dreht er gegen den Westen: Wer den Holocaust leugnet, der werde "inhaftiert". Pressefreiheit? Wieder tröpfelt der Hohn, als Ahmadineschad die deutschen Journalisten scheinbar besorgt fragt, ob sie denn die "Wahrheit über den Holocaust" schreiben dürfen. In Iran "können Sie unbesorgt sein". Das ist Neusprech aus Orwells 1984 im Jahre 2006, aber nur Vorlauf für das Ungeheuerliche, das hierzulande tausendfach aus der rechten Ecke kriecht. " Warum wird dem deutschen Volk so viel auferlegt?", will der Präsident wissen. " Warum akzeptiert es seine Erniedrigung", die noch "1000 Jahre" währen wird?

Ein Präsident als Skin, der Vertreter einer alten Zivilisation, der den Zivilisationsbruch verneint und an die niedrigsten Instinkte appelliert - der Kontrast zum deutschen Papst könnte krasser (und erzieherischer) nicht sein.

Ein paar tausend Kilometer weiter sprach Benedikt, als wollte er auf Ahmadineschad antworten. Die Geschichte, die angeblich als Knute gegen die Deutschen geschwungen wird - für den Papst ist sie "nicht vergangen". Die Wahrheit ist keine antideutsche Verschwörung, sondern gehorcht dem "bleibend gültigen Maße des Menschseins", das Gott allen abrahamitischen Religionen gegeben hat. Auschwitz ist kein Hirngespinst, sondern eine reale "Stätte des Grauens", wo "Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele" begangen wurden. Der Auftrag an die Menschheit: "Dem Bösen eine Grenze setzen, dem Guten Kraft" geben.

"Gut" und "Böse" sind das Gegenteil von jenem postmodernen Vokabular, das der Fromme aus Teheran so zynisch als Waffe gegen den Westen aufbietet. Nein, schien der Papst zu sagen, Sie können nicht verdrehen und verhöhnen, was wir aus unserer grausamen Geschichte gelernt haben. Der Holocaust ist keine Sache des Glaubens, geschweige denn der Manipulation, sondern ein Faktum. Und wenn wir sagen "Nie wieder", dann meinen wir damit einen moralischen Konsens, der den Deutschen nicht aufgezwungen wurde, um sie auf ewig zu knechten. Dieser Konsens ist für das ganze Europa, was die Unabhängigkeitserklärung von 1776 für Amerika ist: das moralische Fundament eines neuen Gemeinwesens.