Berlin, am 27. Mai 2006

Als die Muse im schönen Monat Mai nach Berlin reiste, da sagte man ihr, der Potsdamer Platz sei jetzt der place to be, denn dort solle heute ihr zu Ehren ein großes Festival eröffnet werden. Nun, dachte sie, als ihr zwischen Sony Center und DB-Tower der Wind um die Ohren pfiff, "poetisch" wäre nicht das Wort. Es gab zwar Arkaden, aber als sie dort wandeln wollte, da wurde sie kurzerhand weggeschubst und niedergeshoppt. Es war Samstagnachmittag und der Berliner gnadenlos.

Gerupft und zerrissenen Kleides leise das neue Gewand der materiellen Einheit verfluchend, flüchtete sie zu Starbucks und trank mit einer Reisegruppe aus Aachen eine "tall latte to go". Das Cinemaxx zeigte Ice Age II, und über ihrem Liter-Eimer Popcorn fühlte sich unsere Muse sehr einsam und allein und dachte bei sich, dass es kalt geworden sei in Deutschland. Draußen hatte es zu regnen begonnen, und die Hauptstadt war mal wieder einfach nur prosaisch.

Es goss unaufhaltsam. So musste sich das poesiefestival berlin 2006 schließlich für seinen Auftakt einen anderen Ort suchen. Also fand "Weltklang", die lange Nacht der Lyrik, nun doch im Prenzlauer Berg statt, wo alte Fabriken zu neuen Horten der Kultur umgewandelt wurden und die Literatur einmal mehr zu Hause ist.

Aber das Gedicht? Ist es daheim im rohen Beton, braucht es einen Soundcheck? Offenbart hier die Poesie des neuen Jahrtausends ihr Gesicht? Stefan George, der alte Dichterdandy mit dem wehenden Haar, ließ seinerzeit die Ergüsse seiner Feder in Privatdrucken erscheinen, damit sie ja nicht unters Volk, sondern nur zu den Würdigen gelangten.

Schon von daher ist der Versuch der Berliner Literaturwerkstatt, die Poesie der Gegenwart in den öffentlichen Raum zu tragen, begrüßenswert. Zehn Dichter aus zehn Ländern: zehn Sprachen, zehn Zugänge zur Welt. Dreitausend Menschen hatte man damit auf den Potsdamer Platz locken wollen. So waren es dann Bus-Shuttle sei Dank noch immer dreihundert, die lauschten, welche Saiten der Seele die "internationalen Lyrikstars" wohl anschlügen. Verse und Rhythmen des 21. Jahrhunderts sollten hier rocken, der Jambus am Keyboard, an der Gitarre der Diphthong, die Stimme das eigentliche Instrument jeder Dichtung. Fort mit den goldenen Rokokoerinnerungen.

Poesie muss gehört werden! Das dachte sich auch die zugereiste Muse und hatte, während die südsibirische Obertonpoetin Sainkho Namtchylak, von elektronischen Klängen begleitet, ein Volkslied im tuwinischen Stil vortrug, genügend Zeit, sich in der Szene umzusehen. Sie entdeckte sieben Versionen des schwedischen Kultlabels Acne Jeans und fragte sich, ob Lyrik jetzt hip wäre, die Hymne ihres Zeitalters. Oder doch wenigstens HipHop, wie die Rapper von La Caution aus der Pariser Banlieue mit ihren "Beats aus Beton", die ebenfalls zum Festival erwartet würden. Denn hätte vor zwanzig Jahren jemand geglaubt, dass in den Vorstädten einmal eine Generation junger Männer heranwachsen würde, bei der am meisten zu sagen hätte, wer am besten reimt? Da zeigt sie sich gegenwärtig, die der Dichtung innewohnende Kraft.