Wie er wohl aussieht? »Ich bin 1,78 groß und würde mich als schlank bezeichnen. Ich habe schütteres hellbraunes Haar. Ein rundes Gesicht mit eindringlichen Augen, wie man mir oft sagt, einen schmalen Mund und schöne Hände.« Sagt er. Aber es klingt nicht so. Der Stimme nach ist Andreas Heinecke kleiner als 1,78 Meter. Ein Mann, der dichtes schwarzes Haar hat, eher stämmig gebaut ist. Und wenn schon besondere Hände, dann große, schwere, fleischige.

Es ist schwierig, jemanden zu beschreiben, den man nicht sieht, obwohl er ganz nah ist. Wenn die Augen keine Bilder liefern, entstehen sie im Kopf, allein aus Klang und Worten. Heineckes Stimme ist wie ein lose an der Wand befestigtes Seil, an dem man sich entlanghangeln kann. Leise, tastend, oft atemholend, mit badischem Singsang und dabei Silbe um Silbe ineinander kordelnd. Keine Tonpause, nie. Man kann sich bloß an diese Stimme hängen, damit sie zu einem Eindruck führt.

Trifft man den Unternehmer Andreas Heinecke zu einem Dialog im Dunkeln, so tut man dies wirklich an einem Ort ohne Licht. Heinecke hat diesen »Dialog« erfunden. Seine Geschäftsidee war, Sehende zu Blinden zu machen, indem sie durch vollständig abgedunkelte Räume geführt werden. Geführt von Blinden, die, wie er sagt, »Orientierung und Mobilität sichern und deshalb zu Botschaftern einer Kultur ohne Bilder werden«. Es ist ein soziales Projekt, das nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt wird. Und es ist ein Erfolg, in 18 Ländern der Welt.

Behinderten gibt Heinecke eine Arbeit, feste Aufgaben und somit die Möglichkeit, zu erleben, dass es nicht immer nur körperliche Unversehrtheit ist, die Menschen Glück und Zufriedenheit beschert. Besuchern raubt er vorübergehend ihr Augenlicht, damit sie wieder lernen, dass es im Wald Gerüche gibt, an denen man sich orientieren kann. Dass der Lärm in Großstädten noch bedrückender sein kann als unablässig blinkende Neonreklame. Und dass man Fremde auch fühlend kennen lernen kann.

»Die Selbstzufriedenheit der Lehrer fand ich erschreckend«

Vor 18 Jahren begann Heinecke sein Konzept zu entwickeln. Hier, im Hamburger Dialog, den seine Consens Ausstellungs GmbH betreibt, arbeiten heute 25 Menschen Vollzeit, noch einmal doppelt so viele im Rahmen einer Wiedereingliederungsmaßnahme. Weltweit dürften es an die 500 sein, die sich der Idee »Macht Blinde sehend, indem ihr den Sehenden das Licht nehmt« verschrieben haben. »Die enorme Expansion war möglich, indem wir das Franchise-Verfahren aus dem Wirtschaftsleben auf das Ausstellungswesen übertragen haben«, sagt Heinecke. »Wir liefern Know-how, beraten die Veranstalter in allen Belangen und ermöglichen so einen eigenständigen Betrieb von Dialog im Dunkeln.« So entstünden zudem stärkere lokale Bezüge. Wenn einer der Ausstellungsräume »Stadtverkehr« zum Thema hat, ist es wichtig, dass man in Hamburg Möwenlärm hört und in Tokyo eine andere Autohupe als in São Paulo. Sonst zieht sich das Hilflosigkeitsgefühl ein Mäntelchen aus Klamauk und Inszenierung über – und der Lernerfolg der Ausstellung wäre weggekaspert.

Es ist nämlich wichtig, dass sich die Besucher, kurz nach Eintreten in die Dunkelräume, erst einmal hilflos an ihren Blindenstock klammern – oder gleich an den blinden Führer. Wie, so laut? Und, huch, ein Bach? Mit einer Hängebrücke? Und da sollen wir rüber? Wäre eine Infrarotkamera installiert, könnten sie nach dem Durchtasten der Ausstellung sehen, wie knallbescheuert sie sich dieser neuen Erfahrung genähert haben: den Blick auch in Stockfinsternis stets auf den Boden gerichtet, als hofften sie dort ein Glühwürmchen zu entdecken, das ihnen durch ein winziges Glimmen den Weg weist. Der nächste Raum bietet einen Marktplatz mit Ständen. Was ist das kleine knubbelige Ding hier? Riecht wie eine Zitrone.

Die bekannte Welt ist auf einmal so fremd.

Das Gefühl kennt Andreas Heinecke von Kindheit an. Anderen brennt sich die Erfahrung von Fahrradlernen, Umzügen oder Mutters Kartoffelplätzchen ein – bei Heinecke war es das Erlebnis, anders zu sein. Irgendwie fremd. Seine Familie, aus dem Osten kommend, zog 1955 nach Baden-Baden. Der Vater war hintereinander Barmann, Journalist, Musiker und Funkamateur, die Mutter war Hausfrau. »Ich hatte einen älteren Bruder, ein robuster und stabiler Zeitgenosse. Praktisch, handfest, technisch begabt. Körperlich bestens entwickelt«, erzählt Heinecke, »das genaue Gegenteil von mir.« Andreas lag oft im Krankenhaus, noch öfter in Sanatorien oder zu Hause im Bett, stets krank an Ohren und Atemwegen. »Ich hatte damals viel Zeit nachzudenken«, erinnert er sich. Und es klingt fast ein bisschen zynisch, wenn er daraus folgert: »So konnte ich Ausdauer entwickeln. Und Fantasie.«

Das Abitur machte er über Umwege. Den Kranken schicken wir lieber auf die Realschule, dachte man. Doch Andreas setzte sich durch – und schaffte als Einziger aus seiner Familie die Hochschulreife. Jahre der Sinnsuche folgten. »Ich wusste immer nur, was ich nicht wollte, deshalb dauerte das Suchen ein bisschen.« Deutsch und Geschichte, Lehramtsstudium in Heidelberg, aber dort hielt er es nicht lange aus. »Die Selbstzufriedenheit der Lehrer fand ich zu erschreckend.«

In jener Zeit der Politisierung befasste er sich mit der Ausgrenzung von Juden im »Dritten Reich«: auch deshalb, weil es in seiner Familie sowohl Opfer als auch Täter, sowohl ermordete Juden als auch Nazimitläufer gab. Um zu verstehen, promovierte Heinecke über das Ostjudentum. Die Beschäftigung mit Apo und RAF entsprach nicht seinem Verständnis. Er igelte sich ein in einer einsamen Villa, las viel Frisch, Kafka, Kierkegaard, las vom Künstler, der sich in Einsamkeit erschafft und daran scheitert – und näherte sich nichtsahnend immer mehr dem Thema, das seine Berufung werden sollte: Wie bezieht man Ausgegrenzte wieder ein, ohne sich ein Mildtätigkeitsröckchen überzustreifen? Denn Mitleid ist oft das Letzte, was gewollt ist, weil es nicht ernst nimmt, weil es nicht auf eine Stufe stellt, weil es von oben herab behandelt.

Heinecke wollte helfen, ohne sich dabei herabzulassen.

Zunächst einmal wurde er Lagerist, später Dokumentar und schließlich Journalist beim Südwestfunk. Fast ähnelte sein Lebenslauf dem seines Vaters: alles ein bisschen, aber nichts richtig. Doch während seiner Zeit beim Rundfunk wurde er gefragt, ob er einen Blinden zum Journalisten ausbilden wolle. Das war 1985. »Matthias Wolf ist erst mit 28 Jahren erblindet, und das Erste, was ihn von mir unterschied: Er war in einer sehr viel stabileren psychischen Verfassung als ich in jenen Tagen«, erinnert sich Heinecke. Und: »Er hatte eine erstaunliche Wahrnehmung. Als er mich besuchte, erspürte er sofort den Charakter meiner Wohnung. Er empfand sie als kalt, weil sie sehr reduziert eingerichtet war und der Schall von den Wänden widerhallte. Sehende Freunde hatten das nie so empfunden.«

Andreas Heinecke lernt viel über Ausgegrenztsein, Behinderung und Lebensmut. Und nachdem er ein paar Jahre bei der Blindenanstalt Frankfurt gearbeitet hat, steht für ihn fest: Das ist mein Weg. Erst durch die Arbeit mit den Blinden kann er ihn sehen. »Andreas Stärke sind seine Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit«, sagt Hans Thomas Richter, sein Freund und Steuerberater. »Die Investitionen sind mit einer Million Euro für eine Dauerausstellung relativ hoch. Da hieß es früher immer: Überzeugungsarbeit leisten bei Leuten, die sich nicht vorstellen können, dass total abgedunkelte Räume ein Publikumsmagnet sein können.« Schließlich gab es doch Sponsoren, die erste öffentliche Ausstellung fand 1989 während einer Messe in Düsseldorf statt. In die Hamburger Speicherstadt lädt Heinecke nun schon seit sechs Jahren zum Dialog im Dunkeln, die Besucher kommen in Scharen.

Weltweit existieren in 130 Städten Orte, die Sehende und Blinde einen. Es gibt inzwischen Restaurants im Dunkeln, Seminare im Dunkeln und – natürlich – Flirt-Arrangements (»Blind Dates«), die ebenfalls komplett im Dunkeln stattfinden. Dort lernen die Teilnehmer nicht nur, den Menschen erst mal anzuhören, bevor man ihn erkennt, sondern auch, dass man am besten seinen Zeigefinger in das Colaglas steckt, wenn man wissen möchte, wann dieses voll ist.

»Mit dem Erfolg kommt die Gefahr, selbstgefällig zu werden«

Für seine mitleidslose, aber tatkräftige Idee wurde Heinecke von der internationalen Organisation Ashoka im vergangenen Jahr als »Social Entrepreneur« ausgezeichnet. »Uns hat die Art überzeugt, wie Herr Heinecke gesellschaftliche Diskriminierung angeht«, sagt Geschäftsführerin Konstanze Frischen. »Er schafft eine Begegnung, bei der Blinde die Führung und die Kompetenz haben. Und bei der die sehenden Menschen plötzlich nicht mehr Mitleid, sondern Respekt und Bewunderung für sie empfinden.« Zudem belege die gelungene Internationalisierung des Konzepts Heineckes unternehmerische Fähigkeiten.

Es ist die Kombination aus vielem, die Heinecke ausmacht: die Kindheit, in der es der oft kranke Junge schwer hatte, die nötige Akzeptanz zu finden. Die zähe Ausbildung. Die bedingungslose Hingabe an eine Idee. Und jetzt die Bestätigung. »Erfolg ist für mich der gefährlichste Moment überhaupt«, sagt er. »Die Verantwortung steigt, die Komplexität nimmt zu, die Strukturen müssen mitwachsen, und es besteht die Gefahr, selbstgefällig zu werden.«

Er wird sich keiner anderen Arbeit mehr hingeben, sein ganzes Leben lang nicht.