Tschechow heißt das Lieblingssofa der deutschen Theater. Das Problem mit Tschechow ist allerdings, dass seine Stücke so gut in unsere Gegenwart passen, dass man sie vielleicht schon wieder entschieden von dieser Zeit wegrücken muss, um etwas, ja: über diese Menschen zu erfahren, die ihr Leben wegwerfen wie andere Leute einen Müllbeutel. Luk Perceval weiß das – also nimmt er seinen Tschechow erst einmal auseinander, bevor er ihn wieder zusammensetzt: hier ein paar Sätze, da ein paar Geräusche, dort ein paar Menschen. Die Distanz zwischen den Figuren ist riesengroß, die Nähe allerdings auch, und aus diesem Widerspruch entsteht das Drama. Am Anfang ist Percevals Platonow eine Art Schule des Hörens.

Da klimpert eine Münze, da klappern ein paar Fingernägel, da fällt ein Wort: Da liegen ein paar Schienen herum, auf dem weiten Parkettboden, den Annette Kurz in dem Betonoval der Berliner Schaubühne verlegt hat – rostig und krumm sind diese Schienen, wie die Menschen, die hier warten, gebogen, aber noch nicht gebrochen. Die Moderne, sagt Tschechow, sagt Perceval, ist ein morscher Palast – aber um sich zu vernichten, dafür sind sich die Menschen schon Wolf genug.

Intimität ist hier immer auch eine Bedrohung, Liebe und Hass sind nur verschiedene Formen des gleichen Gefühls. Perceval bricht Tschechows Nähe auf, er lässt die Sätze in ihrer komischen Traurigkeit nachhallen, er zerdehnt das Stück, um es zu beschleunigen, er benutzt den Text fast wie eine Partitur, die von weiblicher Selbsttäuschung und männlicher Weinerlichkeit erzählt – und entdeckt dabei Becketts Zeitvernichtung und Horvaths Grausamkeit. Die Stelle allerdings, an der dieses Lügengefüge brechen muss, ist Platonow. Er kann eine ganze Welt verschlucken. Oder auch eine Inszenierung.

Alle machen sie ja gerade Tschechow, weil der von der Leere unserer Tage erzählt, und alle machen sie gerade Platonow, weil der das dreisteste Arschloch von allen ist – ein echter Misanthrop, der erst alle anderen kaputt macht und dann sich selbst, ein Versager, ein Widerling, ein Weiberheld. Aber dieser Thomas Bading ist noch verknautschter, als es das Stück schon ist; er verliert sich in blassem Missmut; ihm fehlt der Magnetismus, diese Welt und ihre Frauen ins Wanken zu bringen.

Und so senkt sich mit der Zeit eine rabiate Müdigkeit über die Figuren und über die Inszenierung – Karin Neuhäuser als Generalswitwe und Yvon Jansen als Geliebte und all die anderen kreisen immer langsamer um dieses leere Zentrum Platonow, bis die kollektive Depression in vereinzelte Sentimentalität umschlägt. Platonow ist damit wieder das, was Perceval eigentlich nicht wollte, ein Sofa von einem Stück; und wir lümmeln uns hinein.