Das Wunder von Santo Domingo geschieht am Morgen. Wenn die Sonne einen Kübel Gold über die flachen Dächer schüttet. Wenn die Hitze des Tages noch fern ist und die Eichen auf dem Platz des Kolumbus einen lila Blütenteppich legen. Wenn eine schwarze Gemüsehändlerin durch die Straße der Damen – erste gepflasterte Straße Amerikas! – schlurft und auf dem Gehsteig ihre Ware ausbreitet. Santo Domingo, heute die Hauptstadt der Dominikanischen Republik, muss man am Morgen entdecken. Wenn Kolumbus noch tot ist, seit 500 Jahren schon, und kein Reiseführer ihn mit lauten Worten wiederbelebt. Diese Stadt, immerhin, hat den Seefahrer, ihren ersten Vizekönig, in Ketten gelegt damals. Und heute sind seine verrotteten Knochen der einzige Schatz, den die Stadt zu hüten behauptet. Santo Domingo am Morgen. Plätze voller schattiger Bäume, karge Straßen, strenge Häuser mit Balkonen in allen Formen und Größen. Balkone aus Holz, aus Stein, aus Eisen, barock, neoklassisch, Art déco. Einige sind wie hängende Gärten, voller Grünzeug, viele sind leer, verstaubt und unbenutzt. Als ob die Leute genug davon hätten, dem eigenen Niedergang zuzusehen.

Aber welche Stadt hätte schon solch ruhmreichen Beginn verkraften können? Das erste steinerne Haus Amerikas! Die erste Universität Amerikas! Die erste Kathedrale Amerikas! Die erste Stadt Amerikas, Vorbild für alle folgenden Städte mit ihren rechtwinklig angelegten, militärischer Ordnung folgenden Straßen. Im Dezember 1492 entdeckte Christoph Kolumbus auf seinem Weg nach Indien die Insel, die er Hispaniola taufte und von der er, zur Begeisterung der Könige von Spanien, mit Gold zurückkehrte. Er bekam den Auftrag, in diesem gesegneten Land eine Stadt zu gründen. Das tat dann sein Bruder, Bartolomeus, am 5. August 1498, im Süden der Insel, an der Mündung des Flusses Ozama. Es war ein Sonntag, und deshalb, so geht die Legende, bekam die Stadt den Namen Santo Domingo. Zwei Jahre später, ohne Sold, von den Aufständen der Ureinwohner gepeinigt, sperrten die ersten spanischen Bewohner den Entdecker in den Kerker und sandten ihn in Ketten nach Spanien zurück. Kolumbus starb am 20. Mai 1506 in Valladolid, Spanien. Erst im Jahr 1544 erfüllte seine Schwiegertochter, Vizekönigin María de Toledo, seinen letzten Wunsch: Sie ließ die sterblichen Überreste von Christoph Kolumbus und seinem Sohn Diego auf die Insel Hispaniola überführen, wo beide unter dem Altar der neu gebauten Kathedrale begraben wurden.

Der Statthalter von Hispaniola trug zu dieser Zeit den Titel des Vizekönigs der Neuen Welt, Admiral des ozeanischen Meeres, Herzog von Veragua, Landgraf von Jamaika. Aus Spanien kamen Bauleute und Architekten, und Santo Domingo, in ihrer kurzen Blüte, wurde schon mit den schönsten Städten Italiens verglichen, die Stadt war Ausgangspunkt der Eroberung Amerikas. Dann aber führte die Gier nach Gold die Eroberer nach Peru und Mexiko. Im Jahr 1586 wurde Santo Domingo vom Freibeuter Francis Drake geplündert; das war die letzte Begegnung mit der Weltgeschichte. Santo Domingo wurde ein vergessenes Provinzstädtchen, von Erdbeben und Wirbelstürmen erschüttert, gelegentlich von Nachbarn geschändet, die Stadt lebte vom Zucker und von der Sehnsucht nach vergangener Größe; seit einiger Zeit lebt sie vom Tourismus und dem Traum von neuem Ruhm.

Morgens um sechs Uhr steht Freddy auf, Freddy Aguero mit vollem Namen, 60-jährig, Importeur und Immobilienhändler, was gerade anfällt, er hört ein bisschen Musik, und dann macht er sich auf die Wanderung durch sein altes Städtchen, dessen Geheimnisse er kennt wie kein anderer. Die Festung und die vizeköniglichen Paläste waren über dem Fluss gebaut. Der Barock ging an Santo Domingo, bis auf ein paar Kirchenaltäre, fast spurlos vorüber; die Stadt, eingeschlossen in die Stadtmauern, behielt eine geheimnisvolle, mittelalterliche Prägung. Daran änderten auch die offenen, von alten Eichen, verwachsenen Feigenbäumen und mächtigen Flamboyants bewachten Parks nichts – in dieser Stadt hat sich die republikanische Idee nie durchgesetzt. Santo Domingo blieb eine Stadt der verschlossenen Innenhöfe, schattigen Bodegas, unterirdischen Geheimgänge. Freddys Reich. Und dann gibt es noch den fröhlichen Lärm der Bars und Touristenkneipen an der Plaza de España, wo die Kellner unter offenem Himmel bedienen. Der Platz entstand 1992, zur 500-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas. Hier, in Sichtweite der Burg der Familie Kolumbus, wirkten ein Schweizer, ein Holländer, ein Spanier und ein Franzose. Zwei Deutsche waren mit der Restaurierung eines alten Bürgerhauses zum Hotel Palacio die Pioniere der touristischen Wiederentdeckung der kolonialen Altstadt. Italiener und Russen führen, wenn nicht die besten, so doch die teuersten Restaurants.

Manchmal hält am Hafen ein Kreuzfahrtschiff, Touristen flanieren in kurzen Hosen zur Kathedrale, die bleichen Waden flackern im Sonnenlicht wie die Kerzen der Fronleichnamsprozession, und ihre Träger werden sich kaum gewiss, wie fremd sie sind in dieser frommen, zugeknöpften Stadt, in der die Kellner am heißesten Mittag Schlips tragen, die Schuhputzer im weißen Hemd auftreten und der Kardinal eben eine Bar hat schließen lassen, wo sich vornehmlich Männer trafen. Die schrecklichen Geheimnisse der Vergangenheit.

Im 17. Jahrhundert hatten sich im menschenleeren Westen der Insel, dem heutigen Haiti, einige Filibuster niedergelassen, welche den Schutz Frankreichs suchten; Saint Domingue wurde eine blühende französische Kolonie, deren Sklaven sich, inspiriert von der französischen Revolution, von der weißen Herrschaft befreiten und im gleichen Zug die spanischen Herrscher vom Westteil der Insel jagten. Die Schmach, von Schwarzen befreit zu werden, war so groß für die dominikanische Oberschicht, dass sie sich später mit der alten Kolonialmacht Spanien verbündete, um die Haitianer wieder loszuwerden. Zuerst aber, am 20. Dezember 1795, gruben die Flüchtigen unter dem Altar der Kathedrale in aller Eile nach dem Grab von Kolumbus, der nicht in die Hände der Feinde fallen sollte. Sie fanden die losen Knochen, die sie zuerst nach Havanna retteten und später nach Sevilla überführten, wo die Reste des Entdeckers in der Kathedrale Santa María erneut feierlich beigesetzt wurden.

Später, wie gesagt, kamen die spanischen Kolonialherren zurück, 1911 und 1965 besetzten amerikanische Truppen das Land, zwischendurch herrschten andere Diktatoren, in jüngster Zeit erlebt die Insel den Überfall der Reisebranche, welche die schönsten Strände der Insel okkupiert. Die fremden Touristiker sind es jedoch, die am meisten Interesse daran haben, die erste Stadt Amerikas wieder zu einem lohnenden Ausflugsziel zu machen.