Auf den ersten Blick sieht das Fluggerät aus wie ein Minihubschrauber. Es hat einen Rotor mit zwei Blättern, ein Leitwerk und einen Heckpropeller. Beim zweiten Blick kommen Zweifel auf. Das knallrote Gehäuse erinnert an einen Zweierbob, der Heckpropeller schiebt in Fahrtrichtung, nicht quer zu ihr, und unter dem Rotor fehlt die so genannte Taumelscheibe – ein Kugelgelenk zur Steuerung, ohne das jeder Hubschrauber sofort ins Trudeln gerät. Trotzdem kann das merkwürdige Gefährt fliegen. "Es ist sogar eines der sichersten Fluggeräte", sagt Ottmar Birkner und schiebt seinen Tragschrauber ins Freie.

Der junge Ingenieur im blauen Overall zieht den 17-Millimeter-Bolzen fest, an dem das offene Gehäuse mit seinen beiden Sitzen – und damit das Leben der Besatzung – unter dem Rotor hängt. Weltweit gibt es nur vier Hersteller von Tragschraubern, Birkner ist der Einzige, der sie in Deutschland baut. Und das mit überraschendem Erfolg. Als er vor zwei Jahren begann, waren es nur Einzelstücke, die seinen Formbau-Betrieb am Sportflugplatz im niedersächsischen Hildesheim verließen. Inzwischen produzieren 24 Mitarbeiter in drei Hallen bis zu fünf Tragschrauber pro Woche. Lieferzeit: vier Monate. Schon ist Birkner Führer auf dem kleinen Weltmarkt.

Die Details der Konstruktion hat er zusammen mit seinem Freund Thomas Kiggen, dem Chef der angeschlossenen Flugschule, entworfen, erprobt und weiter verbessert. Das technische Grundprinzip stammt von einem Pionier der Fliegerei: 1923 war der Spanier Juan de la Cierva zum ersten Mal in einem Tragschrauber abgehoben. Seine Erfindung taufte er Autogiro – Selbstdreher. Ein Hubschrauber fliegt, weil sich der Rotor dreht. Beim Autogiro ist es genau umgekehrt: Sobald er sich durch die Luft bewegt, dreht sich der Rotor und sorgt für Auftrieb. Nur vor dem Start muss er kurz angestoßen werden, danach benötigt er keinen Antrieb. Für den sorgt allein – wie bei einem Ultraleichtflugzeug – der Heckpropeller. "Ein Fluggerät für Menschen mit Abenteuerlust und Freiheitsliebe", schwärmt Birkners Firmenprospekt.

Birkner nimmt vorn im Tragschrauber Platz, der Journalist sitzt hinter ihm. Starker Wind kommt auf, doch so etwas lässt den Autogiro kalt. Je stärker der Gegenwind beim Start, desto kürzer der Anlauf. Schon nach zehn Metern hebt das Fluggerät ab. Keine zwei Minuten dauert es bis auf tausend Meter Höhe. Dann stellt der Pilot den Motor ab und nimmt die Hände vom Steuerknüppel. Jetzt kann der Tragschrauber seinem Namen Ehre machen. Der Rotor schraubt unermüdlich weiter. Sanft geht es abwärts, etwa so wie bei einem kreiselnden Ahornsamen. Man könnte jetzt direkt zu einer Punktlandung ansetzen. Aber besser nicht hier. Am Boden türmt sich der gewaltige Schrotthaufen des Hildesheimer Industriehafens.

Also wird der Motor wieder angeworfen, mit fast 80 Sachen stemmt der Tragschrauber sich gegen den steifen Ostwind – und steht doch auf der Stelle, jetzt geht es sogar leicht rückwärts. Stillstand, enge Wendemanöver, senkrechter Sinkflug, steiler Aufstieg – alles kein Problem. "Da unten die Cessnas, die bleiben bei so einem Wetter am Boden", ruft Birkner. Alles, was Flügel hat, steht im Hangar, nur der Tragschrauber nutzt bei diesem Wetter den Hildesheimer Luftraum.