Münsingen

Auf dem mit groben Kalksteinen geschotterten Weg zur Stephanuskirche von Gruorn kann man Munitionshülsen auflesen wie anderswo Muscheln am Strand.

Kleinere, größere, ältere, neuere. Nahe der Friedhofsmauer liegen sogar Reste einer Granate im Gras. Von der kleinen Anhöhe sieht man über weite Wiesen, von Bauminseln durchsetzt, bis zu den Buchenwäldern am Horizont. Ein schönes Fleckchen Erde - ein hübsches Beispiel dafür, "wie Mensch und Natur sich gemeinsam entwickeln können", und darum wie geschaffen als "Biosphärenreservat" Nummer 15 in Deutschland. Wenn es nach der baden-württembergischen Landesregierung geht, wird der ehemalige Truppenübungsplatz Münsingen auf einem Gebiet von bis zu 70 000 Hektar - dem Vierfachen der Fläche Liechtensteins - in Zukunft das Unesco-Prädikat tragen: "Zum Schutz typischer Kulturlandschaften."

Vom ehemaligen Dorf Gruorn stehen nur noch das Kirchlein und das ehemalige Schulhaus. 700 Bauern, Handwerker und Tagelöhner mussten 1938 auf Geheiß der Wehrmacht einer Erweiterung des angrenzenden Münsinger Truppenübungsplatzes weichen. Seit Ostern dieses Jahres können die Nachfahren zurück in die Ruinen ihrer Ahnen, ohne von Stacheldraht, Schlagbäumen und Bundeswehrposten aufgehalten zu werden. Gerade wurde der Truppenübungsplatz offiziell für Wanderer freigegeben. Französische Armee und Bundeswehr waren schon im vergangenen Jahr abgezogen. Nur noch verlassene Panzerschuppen, ausgediente Wachtürme und von Gras überwucherte Schussfelder erinnern daran, dass auf dem Gelände rund 110 Jahre lang der Krieg geprobt wurde.

Wie sich zeigte, hat die militärische Nutzung der Landschaft gut getan. Als mit Fernstecher bewaffnete Ornithologen die alten Beobachtungstürme erklommen, zählten sie 97 Vogelarten - die Hälfte davon auf der Roten Liste stehend wie der Steinschmätzer oder die Heidelerche. Und Ingo Amermann vom Naturschutzbund Baden-Württemberg schwärmt von den seltenen Pflanzen, Insekten und Amphibien, die sich in Panzerrillen und Explosionstrichtern angesiedelt haben.

Völlig unproblematisch ist das Zusammenleben von Mensch und Natur im zukünftigen "Biosphärenreservat" freilich nicht. Denn auf dem nun für Wanderer und Mountainbiker freigegebenen Militärgelände lagern nach Schätzung der Bundeswehr rund vier Millionen gefährliche Objekte - vom rostigen Stacheldraht bis zu nicht explodierter Munition. Sie alle aufzuspüren und zu entfernen ist nicht möglich. Nur die Wege sind geräumt und damit sicher zu betreten. Darum warnen überall Schilder die Erholungsuchenden "bei Lebensgefahr" davor, die markierten Wege zu verlassen. Vorsorglich rief das Tübinger Regierungspräsidium Ausflügler auf, das "Sammeln von Kampfmitteln" zu unterlassen.

So blickt die örtliche Tourismusbranche der Eröffnung des Reservats mit gemischten Gefühlen entgegen. " Was ist, wenn da etwas passiert?", sorgt sich der Münsinger Hotelier Rainer Autenrieth. " Da wurde schließlich 100 Jahre lang geschossen." Und der Tourismusexperte Christian Buer, Professor an der Hochschule Heilbronn, hält das ganze Konzept für abwegig. " Da braucht nur ein Amerikaner zu kommen, und schon haben Sie eine Klage in den USA am Hals." Er selbst, sagt Buer, würde mit seinen Kindern niemals ein solches "Erholungsgebiet" betreten, "denn die können die Schilder ja gar nicht lesen".