Ihr Kommentar zum Ärztestreik bewegt sich argumentativ auf hohem Niveau, ist allerdings extrem einseitig geraten, was mich als Streikenden zu einigen Anmerkungen veranlasst:

1) Ihre Schlussfolgerung lautet, dass es den streikenden Ärzten nur ums Geld geht, während sie über die schlechten Arbeitsbedingungen "gar nicht so unglücklich" seien. Tatsache ist, dass über Jahrzehnte ein System konserviert wurde, in dem die Krankenversorgung durch extrem hohe Arbeitsbelastung, kriminell lange Arbeitszeiten und unbezahlte Überstunden der Klinikärzte aufrechterhalten wurde. Dieses System wurde von den Klinikärzten nicht gewollt, sondern ihnen aufgezwungen nach dem Motto "Zuckerbrot und Peitsche": a) Wer nicht spurt, fliegt raus. b) Wer brav mitmacht, bekommt seine "Bereitschaftsdienste" sowie einen kleinen Bruchteil seiner Überstunden bezahlt und wird schneller Facharzt, weil er sich für seine Weiterbildung "engagiert".

2) Würden wir von heute auf morgen eine 38,5-, 41- oder 42-Stunden-Woche geboten bekommen, die auch eingehalten würde, und wären die Rahmenbedingungen (zum Beispiel Vertragslaufzeiten) zufriedenstellend, würden die Streiks auch ohne Gehaltsaufbesserung mangels Beteiligung sofort zusammenbrechen. Allerdings dürfte es schwierig sein, drastisch kürzere Arbeitszeiten sofort und ohne Nachteile für Patienten in Kliniken umzusetzen, in denen Ärzte derzeit 60 bis 80 Stunden pro Woche arbeiten. Deshalb sind wir weiterhin bereit, mehr als andere zu arbeiten, wollen dann aber anständig bezahlt werden. So kommt die Forderung nach mehr Gehalt zustande.

3) Dass es uns in erster Linie um bessere Arbeitsbedingungen geht, zeigt der Abschluss in Berlin. Es wurden lediglich Kürzungen zurückgenommen, und die Ungleichbehandlung von Ost und West wurde aufgehoben. Die wesentlichen Fortschritte liegen in den verbesserten Arbeitsbedingungen, längeren Vertragslaufzeiten, neuen Arbeitszeitmodellen, 95 Prozent Bezahlung der Bereitschaftsdienste (ein gro- ßer Fortschritt) und einer hoffentlich objektiven Arbeitszeiterfassung. Allein diese Verbesserungen haben die Berliner Klinikärzte veranlasst, null Prozent Gehaltssteigerung zu akzeptieren und auf einen Streik zu verzichten.

Dr. med. Harald Löffler, Heidelberg Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Abt. Innere Medizin V, Universitätsklinikum

Ich habe mich als Assistenzärztin leider noch nie in der "glücklichen" Lage befunden, für meine Nachtschichten Zulagen, geschweige denn Überstunden bezahlt zu bekommen. Es gab eine Ausnahme: Als ich vier Monate lang 36-Stunden-Schichten zwei- bis viermal pro Woche aufgrund Assistentenmangels machen musste. Da hat man uns immerhin die Nachtschichten und Überstunden voll bezahlt, um zu vermeiden, dass auch die letzten Assistenten der Abteilung gehen.

Eine bestimmte Anzahl von Operationen muss vorgelegt werden. Aber nicht, um schnellstmöglich aufzusteigen, sondern um seinen Facharzt in der vorgeschriebenen Zeit zu machen (in der Regel sechs Jahre), was bei der schlechten Organisation der Assistenzarztausbildung in Deutschland fast unmöglich ist.