Leningrad – alles Neue, Provokante, was das Leben in Russland beeinflusste, kam stets aus dieser auf Sumpf gebauten und eigentlich zum normalen bürgerlichen Leben ungeeigneten Stadt. Ob Mode oder abstrakte Kunst, Tuberkulose, Revolution, Poesie, Architektur, Drogen oder Musik. In den achtziger Jahren gab es allein in Leningrad mehr Rockbands als im Rest des Landes. Bei ihren seltenen Gastspielen in Moskau hypnotisierten sie die verklemmten Hauptstadtbewohner mit ihrer coolen Art: »Nimm mich mit zum See, leg mich ins Wasser, lehre mich die Kunst des Vergebens«, sang beispielsweise Grebenschikow (Spitzname BG) von der Band Aquarium. Er wurde wie ein Gott verehrt. Kaum jemand wusste damals, das dieses Lied eine Coverversion des Talking-Heads-Songs Take me to the river war. Die Schönen und das Biest: SCHNUROW (unten) ist der kopf von Leningrad BILD

Mit dem Ende des Sozialismus bekam die russische Musik ein neues Gesicht, anstelle der coolen Rockbands des leisen Protestes rückte das Showbusiness ins Licht des öffentlichen Interesses, mit einer Armee unverbrauchter Jungs und Mädchen. Sie sahen gut aus, waren gut angezogen und jederzeit bereit zur Eurovision. Der Popkultur-Markt brachte jeden Tag einen neuen Star hervor. Dutzende von Nataschas, Annas, Viktors und Wladimirs tauchten wie aus dem Nichts auf, sprangen im Fernsehen herum, winkten und verteilten Kusshände. Die Unübersichtlichkeit des neuen Medienstarsyndroms störte niemanden. Sie hatte sogar einen Vorteil: Die Jungs und Mädchen konnten zur Not immer füreinander einspringen, und keiner merkte den Unterschied. Groß investieren mussten die Produzenten auch nicht, im Gegenteil: Jeder, der Geld hatte, wollte seine Frau, Tochter oder Geliebte zum Popstar machen.

Diese Starmacherei entwickelte sich zu einem regelrechten Volkssport unter den reichen Russen. Auf diese Weise übte die Popkultur sogar einen gewissen Einfluss auf die neue Marktwirtschaft aus: Als der singende Sohn von Sergejew, dem Besitzer einer großen Lebensmittelladenkette, in die Hitparade kam, wurde schlagartig die Wurst teurer. Nachdem Alsu – die Tochter eines Ölmagnaten – es bis in den Grand Prix Eurovision geschafft hatte, stiegen die Ölpreise. Nach fünf Jahren Kapitalismus hatten viele die Nase vom Pop voll, das Land wurde reif für eine neue Protestmusik. Doch die alten Rocker taugten nichts mehr. Die einen waren gestorben, die anderen moderierten Kochshows im Fernsehen oder bekamen einen Orden nach dem anderen vom Präsidenten für ihren »herausragenden Beitrag zur Entwicklung der heimatlichen Singkultur«. Die junge Generation dagegen schien viel zu sehr von MTV beeinflusst, um noch zu einem eigenständigen Stil fähig zu sein.

Das Fazit der Texte: Zu viel schlechter Sex, zu wenig Geld

In diese Kluft stieß die Band Leningrad gerade zur rechten Zeit – mit fünf bis fünfzehn Musikern, einem stets besoffenen Solisten namens Schnurow (Spitzname Schnur) und seinen obszönen Texten, die nicht ins Fernsehen und in den Rundfunk durften und dürfen, weil sie fast ausschließlich aus schlimmen Schimpfwörtern bestanden. Laut einer Legende waren die Jungs einst bloß zusammengekommen, um auf ihren eigenen Geburtstagen zu spielen. Diese Geburtstage uferten dann aber schnell in Clubkonzerte aus, die den Musikorgien von früher ähnelten – nur noch schärfer, noch cooler, noch abgefahrener waren. Leningrad machten sich über alles lustig, besonders über die Popkultur. Als die Sängerin Zemfira einen Hit mit dem Titel Gesucht produzierte, in dem es um eine verzweifelte Liebe ging, konterten Leningrad sofort mit dem Titel Gefunden , in dem der gesunde Gruppensex als Heilmittel gegen Liebeskummer besungen wurde.

Seitdem sind fast zehn Jahre vergangen, die Band ist sich aber treu geblieben. Würde man alle Texte von Schnurow zu einem Fazit zusammenfassen, dann geht es in seinen Liedern darum, wie sehr exzessiv saufende, schlecht gekleidete Männer mit dicken Schwänzen unter unwilligen Nutten sowie ständigem Geldmangel zu leiden haben. Das Ganze wird von souverän gespielter Ska-Punk-Musik untermalt, geschmückt von der Bläsersektion der russischen Ska-Band Spit Fire, die sich Schnurow für sein Projekt auslieh. Zu der authentischen Leningrad-Besetzung zählen ferner ein Mann ohne Zähne mit einer Trommel vorm Bauch und neuerdings ein sehr dicker Mensch, der während des Konzertes auf einem Stuhl neben dem Sänger sitzt und böse ins Publikum blickt. Für diese Bühnenarbeit musste der Dicke seine Tätigkeit als Wachmann auf einem Gemüsemarkt in der Stadt Lomonosow aufgeben.

Richtig populär wurden Leningrad unter anderem durch den Zorn des Moskauer Bürgermeisters Lushkow (Spitzname Luschok), der die Band 2003 wegen Beleidigung der Öffentlichkeit mit einem Auftrittsverbot belegte. Mehrere bereits geplante Konzerte wurden von der Stadtverwaltung untersagt. Mit den Rundfunk- und Fernsehanstalten spielte Schnurow lange Zeit ein Katz-und-Maus-Spiel. Manchmal wurden die Lieder in zensierter Fassung gesendet, mit Pfeiftönen, die sie noch unanständiger machten. Einmal brachte er auf seiner Platte Für Millionen eine seiner Meinung nach radiotaugliche Version des Liedes Ich bin eine Fotze unter – Ich bin eine Fotze für das Radio. Diese Version hatte zwar einen besseren Sound und Frauenstimmen im Hintergrund, klang aber noch obszöner als das Original.

In vielen Interviews und Talkshows gab sich Schnurow als intelligenter junger Mann aus, der über die Tabus unserer Zivilisation, die es zu brechen gilt, und generell über das Erlaubte und Geduldete in der Demokratie philosophierte. Er berief sich auf die Idealisten der Antike oder die Romantiker des Mittelalters, relativierte dabei aber stets alles Gesagte am Ende mit einer kurzen Bemerkung, dass er einen dicken Schwanz viel romantischer als einen Abend mit Kerzen finden würde. Er wurde zu einem einheimischen Popidol.

Heute ziert Schnurow die Titelblätter der russischen Versionen von Gala und Playboy mit angeklebten Hasenohren auf dem Kopf oder mit einem Knutschfleck unterm Auge –, er moderiert Silvesterprogramme im Fernsehen, unterschreibt Briefe zur Unterstützung der weißrussischen Künstler, fliegt zum Wirtschaftsforum nach London, wo die russischen Exilmillionäre zu seiner Musik tanzen, und sitzt in Jurys mit ranghohen Politikern, Schauspielern und Geschäftsleuten, was in Russland oft ein und dasselbe ist. Trotzdem versucht er stets, bei seinen Konzertauftritten das Publikum zu überraschen, wie vor einem Jahr in Nürnberg, als seine Band nackt auf die Bühne kam. Dem Gitarristen und dem Schlagzeuger hat es nichts ausgemacht, sie versteckten sich hinter ihren Instrumenten. Die Bläser dagegen wirkten unruhig.

Man munkelt, Schnurow habe sich diszipliniert, er erlaube sich nur noch ein paar Bier vor dem Konzert. Trotzdem hat das Berliner Label Eastblok Music lange gebraucht, um eine Platte von Leningrad in Deutschland zu verlegen. Jede Verhandlung mit dem Sänger zog sich die ganze Nacht bis in die Morgenstunden hin – und am nächsten Tag konnte sich keiner mehr an den Stand der Dinge erinnern. Jeder in der Branche weiß, wie schwer es ist, russische Musik im Westen an den Mann und an die Frau zu bringen. Bands, die in Russland locker ganze Stadien zusammentrommeln, kennt hier keine Sau. Trotzdem hatten Leningrad sogar in Erlangen und Wiesbaden volle Häuser.

Intellektuelle mögen die Band, weil sie so authentisch besoffen wirkt

Die unterschiedlichsten Leute finden sich bei diesen Konzerten zusammen: Jungs, die keinen Bock auf gute Manieren haben, freuen sich, ungeniert Obszönes im Chor mitsingen zu dürfen. Kulturträger, Künstler und Intellektuelle mögen die Band, weil sie so authentisch verspielt und besoffen wirkt. Die Liebhaber der guten Musik schätzen die Bandmitglieder, die zuverlässig eine gute Ska-Punk-Reggae-Mischung von sich geben. Auch in Deutschland, dem Land der neu gebauten Bahnhöfe, der reinen Vernunft und Sicherheit und Ordnung, werden Leningrad hundertprozentig ankommen, denn ein wenig Unordnung kann niemals schaden.

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Bekannt wurde er durch sein Buch »Russendisko« und die gleichnamige Veranstaltung in Berlin