Wer groß denkt, muss groß irren«, hat der Philosoph Martin Heidegger gesagt, als man ihm seine Verstrickung in den Nationalsozialismus vorhielt. Der Satz, anstatt Reue zu zeigen, verrät herrischen Hochmut. Zugleich beschreibt er ein Dilemma, dem nicht wenige Dichter und Denker erlegen sind. Wer sich gedanklich in den Bahnen des moralisch und politisch Gebotenen bewegt, ist weniger irrtumsanfällig als der große Denker, dessen Größe eben darin besteht, dass er das Gehege der praktischen Vernunft und der gesellschaftlichen Übereinstimmung verlässt, um an den Rändern der Existenz Position zu beziehen. Er gleicht Caspar David Friedrichs Wanderer im Nebelmeer , der von seiner Felsspitze hinab etwas sieht, was wir nicht sehen. Dass er abstürzen könnte, ist gut möglich. BILD

Peter Handke, der zu den außerordentlichen Schriftstellern deutscher Sprache zählt, ist ein Wanderer im Unwegsamen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Und wie bei den meisten großen Dichtern ist sein gelegentliches Straucheln oder gar Stürzen nur die andere Seite verwegener Erkundungen. Wer seine Bücher gelesen hat, ist durch eine Schule des Wahrnehmens gegangen, wie sie schöner, anschaulicher nicht zu finden ist. In seinem Schreiben gewinnt die vernutzte und verschmutzte Sprache wieder einen reinen Klang, der uns, den zumeist gedankenlos Sprechenden, ungewohnt oder fremdartig erscheinen mag.

Der Bilderflut das eigene Bild, der Formlosigkeit die eigene Form entgegenzusetzen ist Handkes Ziel. Er spricht vom »Gesetz«. Als Motto seines Dramas Zurüstungen für die Unsterblichkeit (1997) verwendet er eine Passage aus dem Deuteronomium: »Das Gesetz, das ich dir gebe, geht nicht über deine Mittel. Es ist nicht in den Himmeln. Es ist nicht jenseits der Meere. Das Gesetzeswort ist ganz nah bei dir. Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, damit du es umsetzt in die Tat.«

Seit alters wohnen die Dichter nahe beim Wahnsinn

Diese Vorstellung ist auch Botho Strauß, dem anderen großen Außenseiter unseres literarischen Betriebs, sehr vertraut, und das ist sicherlich der Grund, weshalb er im Streit um die Frage, ob Handke den Heinrich-Heine-Preis verdient hat und ob das Votum der Jury, ihn damit auszuzeichnen, gelten soll, für Handke Partei ergriffen hat. In einem Beitrag für die FAZ stellt er Handke in eine Reihe mit Carl Schmitt, Ezra Pound, Heidegger und Brecht. Deren politisch-moralische Verfehlungen (also auch Handkes Eintreten für Slobodan Milošević) erscheinen Botho Strauß geringfügig im Vergleich zu den denkerischen und literarischen Leistungen, die sie uns hinterlassen haben. Wer Handke kennt, wird erstaunt sein, ihn in diesem Zusammenhang betrachtet zu sehen. Wahr ist aber leider, dass ihn sein proserbischer Furor in der gegenwärtigen Debatte zu einer Persona non grata gemacht hat, die jeder Unkundige glaubt attackieren zu dürfen.

Botho Strauß sagt: »Wer Schuld und Irrtum nicht als Stigmata (im Grenzfall sogar Stimulantien) der Größe erkennt, sollte sich nicht mit wirklichen Dichtern und Denkern beschäftigen.« Er sieht also im großen Irren nicht allein den bedauerlichen Fehlgang großen Denkens, sondern geradezu dessen Bedingung.

Der Gedanke ist weniger abwegig, als er zunächst erscheint. Wenn wir auf die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts blicken, dann ist die Liste der Schriftsteller, die sich auf sie eingelassen haben, erstaunlich lang. Knut Hamsun, einer der großartigsten Erzähler der Moderne, hat für Hitler Partei ergriffen; Ezra Pound, eine gewaltige Stimme im Strom der Poesie, für Mussolini. Gottfried Benn, Heimito von Doderer haben mit den Nazis sympathisiert. Brecht hat in der berüchtigten Maßnahme die Opferung des Individuums für das kommunistische Projekt plausibel gemacht. Lion Feuchtwanger hat, während die Moskauer Prozesse tobten, das Loblied der Sowjetunion gesungen.