Pablo Picasso und die Kosmetikmillionärin Helena Rubinstein, Georg Baselitz und der Dadaist Tristan Tzara hatten eines gemeinsam: Sie ließen sich von der Magie afrikanischer und ozeanischer Masken und Skulpturen begeistern und inspirieren. In den 1920er Jahren begann der französische Künstler Pierre Vérité, die ausdrucksstarken Kultobjekte zu sammeln, und ab 1936 handelte er sie auch in seiner Galerie Carrefour am Boulevard Raspail.

Was er und sein später in die Galerie eingetretener Sohn Claude über Jahrzehnte gehortet haben, kommt im Juni an zwei Tagen in Paris im Auktionshaus Drouot-Richelieu zur Versteigerung. Elf bis zwanzig Millionen Euro sollen die über 500 Lose erbringen – womit alle bisherigen Versteigerungen von afrikanischer Kunst in den Schatten gestellt würden. So sieht es jedenfalls der zuständige Experte Alain de Monbrison. Er hat in den vergangenen zehn Jahren viele wichtige Sammlungen mit Stammeskunst geschätzt und Käufer dafür gefunden, darunter die Genfer Kollektion Mueller-Barbier. Auch beim Verkauf der 640 Objekte von Hubert Goldet, der im Jahr 2000 starb, wirkte Monbrison mit. Der Erlös von 13,4 Millionen Euro ist bis heute Rekord.

Auch Werner Schmalenbach, der frühere Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und ausgewiesene Kenner afrikanischer Kunst, hat im drei Kilo schweren Katalog der Vérité-Sammlung manches Außergewöhnliche ausgemacht. Die 48 Zentimeter hohe, mit Kaolin weiß eingefärbte Maske Ngil der Bantugruppe Fang aus dem westafrikanischen Gabun zum Beispiel, Schätzwert 1,5 Millionen Euro. »Ein unglaublich schönes Stück«, sagt Schmalenbach, »auf sie blickt derzeit die ganze Welt.« Etwa zehn vergleichbare Stücke sind überhaupt nur bekannt.

Die Preise für solche Spitzenstücke, aber auch für Werke aus dem mittleren Bereich ziehen derzeit an. Das kann auch das Kölner Auktionshaus Lempertz bestätigen, das mit seiner Tribal-Art-Versteigerung am 30. März in Brüssel das bisher beste Ergebnis auf diesem Sektor mit Preisen bis zu 55000 Euro für eine Lobi-Figur erzielte. Stücke aus der Sammlung Bareiss, die im vergangenen November bei Neumeister in München versteigert wurden, brachten zum Teil das Drei- bis Vierfache des Schätzpreises. Ein Liebhaber zahlte für ein Paar Palastpforten der Yoruba aus Nigeria 42000 Euro, eine königliche Gedenkfigur der Bangwa aus Kamerun brachte 48000 Euro.

Die Versteigerung der Sammlung von Pierre und Claude Vérité wird indes mit allerlei Legenden befördert. In der Pressemitteilung ist davon die Rede, dass Picasso in der Galerie »Dauerkunde« gewesen sei und bei den Vérités »nahezu alle seine Kunstwerke gekauft« habe. Das stellt selbst der Experte Monbrison infrage: »Das eine oder andere hat er dort sicher erstanden«, sagt er, »aber Picasso kam es nicht so sehr auf die Qualität der Stücke an, ihn faszinierte die Aura, ohne die seine Entwicklung des Kubismus kaum denkbar gewesen wäre.«

Bestätigen kann er allerdings die Geheimnistuerei um viele Objekte. Bevor er zum Begutachter des Nachlasses bestellt wurde, hatte er, obwohl mit Vater und Sohn Vérité eng befreundet, die Schätze in ihrer Gesamtheit nie in Augenschein nehmen können. Siebzig Jahre lang hatte die Familie ihre Sammlung für sich behalten, nur gelegentlich wurden Leihgaben in Museen ausgestellt. So zum Beispiel die 29 Zentimeter hohe weibliche Mukuye-Maske des Punu-Stammes aus Gabun, die in der Ausstellung Die Kunst von Schwarz-Afrika 1971 in der Villa Hügel in Essen und im darauf folgenden Jahr in London zu sehen war und die nun mit einem Schätzpreis von 700000 Euro aufgeboten wird.

Zu den herausragenden Stücken der Sammlung Vérité gehören auch eine Karyatide der Luba aus dem Kongo (200–300000 Euro), eine Jägerstatue der Tschokwe aus Angola mit einem Schätzpreis von 1,2 Millionen Euro sowie eine Statue mit drei Gesichtshälften der Kuyu aus dem Kongo (150–200000 Euro). Die über Jahrzehnte hin geführte Diskussion, ob Objekte der so genannten Primitiven als Kunst aus der westlichen Perspektive zu betrachten und einzuschätzen seien, entkräftet Werner Schmalenbach: »Wir müssen sie trennen von ihren konkreten Funktionen, von ihren soziokulturellen Kontexten, außerhalb derer sie nie entstanden wären. Zentral ist der Begriff der Qualität.« Das scheinen inzwischen immer mehr Liebhaber begriffen zu haben. (Vorbesichtigung 15. und 16. Juni, Versteigerung 17. und 18. Juni bei Drouot-Richelieu, www.drouot.com)