Bei der heftigen Kritik an Peter Handkes Bekenntnis zu dem toten serbischen Kriegsherrn Milošević fällt auf, wie wenig die politischen und historischen Grundlagen dieser Parteinahme in Deutschland bekannt sind. In Deutschland interessiert man sich nicht besonders für Österreich. Man hat vergessen, dass ein großer Teil des Balkans für Hunderte von Jahren Teil der Habsburger Monarchie war. Für die Siegermächte in Versailles bestand der Hauptgrund für die Schaffung eines künstlichen, unhistorischen Staates Jugoslawien in der dadurch notwendigen Zerschlagung der Donau-Monarchie. Jugoslawien war das gegen Österreich gegründete Land, das dessen imperialen Anspruch für immer vernichten sollte. Damit wurde Jugoslawien gleichsam zum Realsymbol aller Kräfte, die dem alten Österreich, seiner Kultur, seiner historischen Tradition, seiner geistigen Atmosphäre, feindlich gesinnt waren und sind. Diese Feindseligkeit blüht, wie könnte es achtzig Jahre nach dem Untergang der Donau-Monarchie auch anders sein, vor allem in Österreich selbst. Die gesamte österreichische Autorenprominenz pflegt den österreichischen Selbsthass, manche davon eher kokettierend, Handke gewiss mit tödlichem Ernst. Gehört der Selbsthass auch zur Psychopathologie eines Volkes, kann er künstlerisch doch interessantere Früchte bringen als die Selbstverliebtheit.

Dass es Serbiens heilige Sendung sei, österreichische und dahinter auch deutsche Machtansprüche auf dem Balkan in die Schranken zu weisen, war darüber hinaus sehr lange wohlgehegte Doktrin der französischen, englischen und nordamerikanischen Außenpolitik. Das Gedächtnis der Öffentlichkeit ist so kurz, dass man vergessen hat, wie lange Zeit Milošević brauchte, um seine unverbrüchlichsten Verbündeten in England und Nordamerika von sich wegzubeißen. Schade, dass der amerikanische Botschafter, der Milošević zum Bosnienkrieg ermutigte, nicht zur Beerdigung nach Belgrad gekommen ist. Ein Mann, der dem toten Milošević die Treue hält, sollte uns jedenfalls lieber sein als die vielen Politiker des Westens, die dem lebenden Milošević seine Verbrechen möglich gemacht haben.

Und ist nicht auch bedenklich, dass gerade diese Anwesenheit bei der Beerdigung nun so besonders verabscheuungswürdig sein soll? Gewiss, die berühmte Dame aus dem griechischen Theben, die den toten Staatsverbrecher gegen strenges Verbot beerdigte, ist zu lange vor Gründung der SPD geboren worden, als dass ihr Verhalten noch Verbindlichkeit begründen könnte. Dass die letzte Ehre, die man einem Toten erweist, niemals der Rechtfertigung bedarf, sondern einer jener axiomatischen Akte ist, die das Fundament der Humanität bilden, scheint bei gewissen Verteidigern der Menschenrechte nicht mehr verstanden werden zu können. Früh wurde ein Grundwiderspruch der Lehre von den Menschenrechten sichtbar, nämlich dass ihre Feinde als »Feinde des Menschengeschlechtes« geächtet werden sollen – so wie Sarastro in der Zauberflöte singt: »Wen solche Lehren nicht erfreuen, verdienet nicht, ein Mensch zu sein.«

Es gehört zu den Königsvorrechten des Romanciers, denen, die nach allgemeiner Überzeugung »nicht verdienen, ein Mensch zu sein«, weil sie dies Menschsein durch ihre Taten verwirkt haben, besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Was der Richter, der Politiker, der Historiker, die Feinde und Opfer zu Milošević sagen, mag gegenwärtig einem großen A-cappella-Gesang gleichen. Für den Romancier ergibt sich daraus geradezu die Pflicht, den Fall von der anderen Seite zu betrachten und bis zur Unvernunft auf seinem Recht, den Staatsverbrecher Milošević verstehen zu wollen, zu beharren. Epik ist Vielstimmigkeit, kein Unisono. Der reine Bösewicht ist im Roman eine Schwäche. Handke rettet geradezu die Ehre seiner Zunft, wenn er – von seinem Trotz und seiner Provokationslust gewiss kräftig unterstützt – als Künstler seine Stimme für den Verfemten erhebt, grundsätzlich sozusagen, einfach weil die Einhelligkeit der Verurteilung stets ein schales Gefühl hinterlässt. Hätte Heinrich Heine die Slawen nicht so tief verachtet, hätte er dem serbischen Kampf gegen die »österreichische Despotie« zu seiner Zeit gewiss applaudiert.

Sollte das Düsseldorfer Stadtparlament es ablehnen, Peter Handke den Heine-Preis zu verleihen, werden künftige Preisträger sich sagen müssen, dass sie den Preis auch deshalb erhalten haben, weil sie mit den politischen Vorstellungen der jeweiligen Mehrheitsfraktion harmonieren. Nicht alle werden diese Vorstellung als Kompliment empfinden.

Der Schriftsteller Martin Mosebach, geboren 1951, lebt in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien sein Roman »Das Beben«