Wer sich für Fußball interessiert, über die lokalen Eckfahnen hinaus, dem sei ein Buch in schlichtem kartoniertem Dress empfohlen, das der Berenberg-Verlag ungeachtet drohender WM-Papierinflation mutig ins Spiel bringt: Béla Guttmann – Weltgeschichte des Fußballs in einer Person.

Béla Guttmann, das war doch – war das nicht? Allzu viele werden es nicht sein, die sich erinnern: Béla Guttmann war der Mann hinter den epochalen Europapokal-Auftritten der jungen, unbekannten Mannschaft von Benfica Lissabon Anfang der sechziger Jahre, der Animateur des Elans, mit dem die Benfica in triumphalen Endspielen die Hautevolee des europäischen Fußballs vom Sockel kippte, zuerst den ruhmreichen FC Barcelona, dann das bis dahin als überirdisch geltende Real Madrid. Es war der Gipfel einer einzigartigen globalen Karriere, in der Guttmann seit den zwanziger Jahren zunächst als Spieler, gewachsen auf dem Humus des Fußballs der k. u. k. Donaumonarchie, dann als Trainer zwischen den Metropolen seines Sports in Europa und Amerika pendelte, Mannschaften formend und stilprägend wie kaum ein anderer, gewissermaßen als ein Botschafter der reinen Lehre des Fußballs.

In merkwürdigem Kontrast zu dem Wirken dieses Weltenwanderers steht das Halbdunkel, in dem sich die Konturen des Menschen Guttmann abzeichnen. Sein Name hatte Leuchtkraft, aber immer war es ein leicht flirrendes Leuchten, wie von einem fernen Planeten. Als Mensch war Guttmann schwer greifbar und nur in Maßen populär. Es war immer eine Distanz zwischen ihm und dem Volk. Dass dieser Mann von ungarisch-jüdischer Herkunft zumal dem deutschen Fußball und Fußballfan nie nahe gekommen ist, erscheint verständlich. Sein Bruder wurde in einem deutschen Konzentrationslager umgebracht. Wo er selber die Jahre der Naziherrschaft zugebracht hat, ob in Südamerika oder versteckt in Ungarn, wie vermutet wird, ist nicht bekannt. Öffentlich hat er, soweit man weiß, darüber nie gesprochen.

Detlev Claussen, Sozialkwissenschaftler, Adorno-Biograf, nicht zuletzt »häufiger Gast im Bremer Weserstadion« und mit diesem Buch als passionierter Kenner und Freund des Fußballs ausgewiesen, ist den Spuren von Guttmanns Lebenslauf gefolgt, um anhand dieses Exempels, ein besseres gibt es kaum, ein Stück Fußballweltgeschichte zu erzählen. So ist dieses Buch über Fußball zugleich ein Buch über die Gesellschaft, in der Fußball eine so große Rolle spielt. Geschrieben ist es ohne jede akademische Spielverzögerung, immer mit einer Backe auf dem Tribünensitz.

Der Fußball belebt die Hoffnung auf einen Aufstieg immer wieder neu – in diesem Satz steckt die Quintessenz der Trainerweisheit und Lebenserfahrung des Praktikers, dem auf dem großen Spielfeld jedes 0:0 ein inakzeptables Ergebnis war. Dem freilich auch die Kehrseite selbst des größten Erfolgs stets bewusst war: das kurze Gedächtnis der applaudierenden Menge, die Vergänglichkeit des Ruhms, weshalb er Ortswechsel vornahm, wann immer er ein Ziel erreicht sah. 1981 endete Béla Guttmanns Wanderschaft auf dem Wiener Zentralfriedhof. Der Friedhofsbeamte, den Claussen auf seiner Spurensuche ansprach, wusste über den Menschen unter dem Grabstein noch so viel zu sagen: »A Fußballer woa dös.«