Achtung, ducken Sie sich! Gleich kommt wieder der Satz: »Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen!« Und Herbert Zimmermanns Stimme überschlägt sich adenauerhaft. Auch wir können auf diesen Satz nicht verzichten. Wenn in Deutschland die Fußballweltmeisterschaft stattfindet, können wir auf nichts mehr verzichten. All die mythisch gewordenen Momente sammeln sich an. Mehr als hundert Bücher sind dazu erschienen, jeder erdenkliche Verlag fühlte sich in der Schuld, und was vor wenigen Jahren noch ein Scherz unter Eingeweihten war, ein Augenzwinkern, zwinkert nun permanent. »Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!«: Dieser Satz des abreisewilligen Mittelfeldspielers Andi Möller wird mittlerweile sogar auf Großplakate gedruckt. Gott verschone uns vor Fußball-Lyrik! Verschone uns vor dem deutschen Humor-Archiv! Der Bestand deutscher Fußballweisheiten ist eh gering, jetzt ist er geplündert. Die Beute eines Torjägers: Ein kaputtes Netz.
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Dabei verdanken sich alle magischen Momente zunächst dem subjektiven Zufall. Als Günther Koch am letzten Spieltag der Saison 1998/99 sich vergaß und schrie: »Ich pack das nicht, ich halt das nicht mehr aus!«, da war das aus dem Augenblick heraus geboren. Der 1. FC Nürnberg, die Mannschaft, von deren Heimspielen er bevorzugt berichtete, war gerade dabei abzusteigen, aber sie merkte es nicht. Kochs Reportage ist in den ewigen Schatz deutscher Poesie eingegangen. Sie wird in allen Zusammenschnitten wiedergegeben, aber je öfter man sie hört, desto mehr verliert sie die Intuition, die sie ausgemacht hat. Fußball ist der eine, der unwiederbringliche Moment. Und man merkt zunächst gar nicht, wie er immer mehr entwertet wird.

Günther Koch leidet unter dem Schicksal, dass er Fußball als Kunst begreift, ob er will oder nicht. In seinem Buch Der Ball spricht hat er unter anderem die legendäre Reportage vom letzten Spieltag 1999 vollständig transkribiert. Das ist ein ungeheures Dokument, aber man sehnt sich dabei umso mehr nach dem Unwiederholbaren zurück. »Hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund« – man ahnt kaum, was das bedeutete, als dieser Satz unmittelbar ausgesprochen wurde. Wenn man ihn einfach so liest, ist er seiner Aura beraubt. Günther Kochs Buch lebt von der Differenz. Unwillkürlich sehnt man seine Reportagen herbei. Die ARD-Hierarchen machten unter sich aus, wer im Radio von der Weltmeisterschaft berichten darf, und berücksichtigten Günther Koch nicht – das ist als Skandal so offensichtlich, dass man aufhört, sich zu wundern. Günther Koch ist so viel besser als die anderen, die Karrieristen an den Mikrofonen, die Kopfnicker und die Unauffälligen, dass er selbst dran schuld ist.

Man muss unter all den Fußballbüchern lange suchen, um das ursprüngliche Moment, die Kochsche Erfahrung wiederzufinden. Überall Kalkül, Effekthascherei, Klamauk. Aber Überdruss ist noch lange kein Grund, die Sehnsucht zu verdrängen. Hajo Steinert hat ihr in seinem Buch Podolskis Ahnen nachgegeben: Der Fußball lebt vor allem von den Erinnerungen an Kindheit und Jugend, wo die Bilder so stark sind wie nie mehr danach. Steinerts Begehren macht sich zu seinem Pech immer wieder am 1. FC Köln fest, aber gerade in dieser Vergeblichkeit wird die Macht deutlich, der man hilflos ausgeliefert ist.

Brasilien rückt uns in diesen Tagen sehr nahe

Und es gibt noch etwas Positives an der Fußballbücherflut: die dramatischen Kulturgeschichten woanders. Brasilien rückt uns in diesen Tagen sehr nahe, aber auch die großen europäischen Erzählungen werden gehört: die Ligen in Spanien, Italien und England mit ihren Vereinen, die in sich geschlossene Sinneinheiten sind. Für die Reihe KiWi haben deutsche Fußballkorrespondenten, die in diesen Ländern vor Ort sind, Einführungen in den Diskurs des Irrationalen geschrieben.

Eine Frage etwa drängt sich immer wieder auf: Warum spielen die Italiener, mit ihrem ganzen Arsenal an bellezza, an Grazie und Leichtigkeit, solch einen grauenhaften Fußball? Warum vertrauen sie nicht auf ihre Ballkünstler und spekulieren nur auf ihr schreckliches 1:0? Warum entwickelten sie den Catenaccio, wo sie doch auch Michelangelo und Botticelli haben?