Das kommt drauf an, was man unter "gar nicht so wenige" versteht. In Deutschland wird etwa einer von 20.000 Säuglingen mit komplett vertauschten Organen geboren. Beim so genannten Situs inversus liegen die Organe nicht nur auf der anderen Seite als bei der Mehrheit der Menschen, sie sind auch strukturell gespiegelt. Seltener ist der Situs ambiguus – dabei haben die Organe ihre ganz gewöhnliche Form, sitzen nur an der "falschen" Stelle im Körper.

Die spiegelbildliche Anordnung der Organe an sich ist gar kein Problem. Trotzdem haben Menschen mit gespiegelten Organen oft gesundheitliche Beschwerden, vor allem der Atemwege. Das hat die Mediziner lange erstaunt, bis sie auf die Ursache dieses so genannten Kartagener-Syndroms stießen: Es ist die Unbeweglichkeit der so genannten Zilien – feiner Härchen, die alle unsere Körperhöhlen von innen bedecken. In der Lunge sorgt die konzertierte Bewegung dieser Härchen dafür, dass Fremdkörper und Schleim nach draußen transportiert werden. Weil die Schwänze der Spermien sich nach demselben Prinzip bewegen, leiden Männer mit Kartagener-Syndrom oft unter Fruchtbarkeitsstörungen.

Die Zilien spielen aber auch eine Rolle bei der Entwicklung des Embryos. Der ist zu Beginn völlig symmetrisch, aber an einem bestimmten Punkt der Entwicklung sorgen bewegliche Härchen dafür, dass bestimmte Botenstoffe ungleichmäßig verteilt werden. Bei Menschen mit unbeweglichen Zilien entscheidet daher der Zufall über die Orientierung der Organe – und bei der Hälfte ergibt sich die "seitenverkehrte" Orientierung.
Christoph Drösser

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