Brasilien In Brasilien gibt es so gut wie keine Fahrpläne. Die Leute halten die Busse einfach mit Handzeichen an. Wenn Sie also auf der Straße jemanden sehen, der den Bus mit dem Daumen stoppen will, könnte es gut ein Brasilianer sein. Aber die allermeisten werden sich sowieso nicht übersehen lassen mit ihren gelb-grünen Trikots und ihrem ständigen Samba-Tanzen. Wundern Sie sich nicht, wenn nach einem verlorenen Spiel die Tränen in Strömen fließen – das ist ganz normal und legt sich schnell. Anders als die Deutschen sind die brasilianischen Fans nicht so schnell beleidigt und feiern nach dem Weinen stundenlang weiter.

Jean Kleeb, 42, ist Komponist und lebt in Marburg

Ecuador Das wichtigste Kennzeichen eines Ecuadorianers im Ausland? Der Panama-Hut! Weiß der Teufel, warum ihr Europäer diesen edlen weißen Strohhut so getauft habt. Denn in Panama wurden solche Hüte bis zum heutigen Tag nie hergestellt. Sie stammen aus Montechristi, einer kleinen Stadt an der Pazifikküste – in Ecuador! Damit die Welt das endlich einmal versteht, verteilt unser Tourismusministerium an alle unsere Schlachtenbummler solche Superfinos, wie wir sie nennen. Damit tanzt es sich nämlich doppelt gut. Und Ecuadorianer tanzen beim Fußball immer – egal, ob die Mannschaft gewinnt oder verliert! Eigentlich glauben wir aber fest daran, dass wir viele Spiele gewinnen können: Schließlich hat unsere Elf in Quito trainiert, 2800 Meter über dem Meer – klar, dass wir die besten Sauerstoffreserven haben. Die Höhenerfahrung kommt auch den ecuadorianischen Fans zugute. Sie werden lauter schreien und länger feiern können als andere Nationen – und vor lauter guter Laune dann bestimmt auch ihre Strohhüte verschenken. Falls Sie Ihre neuen Freunde aus Ecuador dann zum Dankeschön nach Hause einladen wollen, sollten Sie allerdings die Haustiere der Kinder ausquartieren: Meerschweinchen, gegrillt oder im Ofen gebraten, ist in den Anden eine Delikatesse.

Patricio Tamariz, 45, ist Marketingdirektor des ecuadorianischen Tourismusministeriums

Iran Wundern Sie sich nicht, wenn Sie im Stadion eine Gruppe von Menschen picknicken sehen – das dürften Iraner sein. Bei uns ist es üblich, ganze Mahlzeiten auf den Rängen zu verzehren. Und dann kann es auch sein, dass die Fans kleine Gießkannen mit zur Toilette nehmen, denn Klopapier gibt es in Iran nicht. Ganz sicher werden die iranischen Fans an Tankstellen auffallen: Dass der Preis in Deutschland 15-mal so hoch ist wie daheim, werden sie kaum verstehen.

Faramarz Maaref, 45, ist Chemiker und lebt seit 15 Jahren in Erlangen

Niederlande Von der Unterwäsche bis zum Oberlippenbart muss beim niederländischen Fan alles orange sein. Das ist die königliche Farbe der Oranier. Wir sind Meister in der Gestaltung von verrückten Kostümen. Seit neuestem gibt es jetzt auch orangefarbene Bademäntel oder Djellabas, je nach Geschmack. Ein gewiefter Holländer brachte – so viel zum Orangefieber unserer Nation – vor kurzem einen orangefarbenen Nazihelm auf den Markt, eine Plastikimitation des Wehrmachthelms aus dem Zweiten Weltkrieg. Den hat der Königlich Niederländische Fußballverband nun in allen Stadien verboten. Einige Fans werden ihn trotzdem tragen.

Najib Amhali, 35, ist Kabarettist in Amsterdam und derzeit in der Fußball-Comedy »Najib loopt warm« zu sehen

Kroatien Wir sind das einzige Volk, das mit zwei Mannschaften vertreten ist, weil im australischen Team acht Kroaten spielen. Aber das ist nicht das Einzige, was uns von anderen Völkern unterscheidet. Wir singen wahnsinnig viel, vor allem auf dem Weg ins Stadion. So entstehen die meisten kroatischen Lieder. Mal martialische, »In den Kampf, in den Kampf für das Volk!«, mal poetische, »Meine Heimat besitzt die Kraft des goldenen Weizens, hat die Augenfarbe des Meeres, mein Heimatland Kroatien«. Auf den Rängen erkennt man uns daran, dass wir immer stehen, ich weiß auch nicht, warum, aber ein richtiger Kroate setzt sich nie. Er würde auch nie zugeben, dass die gegnerische Mannschaft verdient gewonnen hat. Wenn wir verlieren, dann nur, weil die Welt etwas gegen uns hat. Zu erkennen sind wir an unserer Kleidung mit dem rot-weißen Schachbrettmuster, wir tragen sie immer und überall, weil wir denken, es sei der schönste Dress der Welt. Wir sind auch wahnsinnig stolz auf unsere Mannschaft, die mit den schönsten Trikots der Welt. Nur 31 Prozent der Kroaten, das hat gerade eine Umfrage ergeben, wäre der Beitritt zur Europäischen Union wichtiger als der Gewinn der Weltmeisterschaft.

Morana Kasapović, 35, leitet das Ressort Außenpolitik beim kroatischen Staatsfernsehen

Portugal Wir sind Seefahrer und Dichter, aber leider keine Designer. Wenn Sie also einen Fan mit hässlichem Hut und rot-grün-gelb verschmiertem Outfit sehen, ist das wohl ein Portugiese. Wenn er auch noch singt wie eine Katze, die gerade erwürgt wird, können Sie sicher sein. Leider sind wir ein Volk, das nicht singen kann. Wir haben beim Eurovision Song Contest fast immer versagt und waren nie unter den Ersten. Falls die Fans anfangen sollten zu singen, kommt unser Team nicht über die Vorrunde hinaus. Dafür verstehen wir zu weinen. Keiner kann das besser. So sind wir: eine Wein liebende und weinerliche Nation.

Rui Zink, 44, ist Literaturprofessor, Talkmaster und Autor und lebt in Lissabon

Serbien In meiner Heimat sagt man: Zwei Serben, vier politische Parteien. Beim Fußball ist das aber völlig anders. Da sind wir alle eins! Erkennen wird man die serbischen Fans an einem besonderen Zeichen: den drei Fingern. Wenn Daumen, Zeige- und Mittelfinger gehoben werden, dann sind es Serben. Spätestens nach dem dritten Tor in einem Spiel stehen alle so da. Angst vor serbischen Fans wird bei der WM keiner haben müssen. Die haben nach dem Krieg die Schnauze voll von Gewalt.

Branislav Ignatović, 40, ist Basketballtrainer beim Zweitligisten TV Langen