Alles fing mit meinem gernegroßen Herausgeberwort an: Ich stellte mir die Berliner Zeitung als eine Washington Post Berlins vor. Der Hohn meiner Konkurrenten war mir sicher und das Kopfschütteln meiner Freunde. Dabei war die Vision von einem Großstadtblatt mit einer Leserschaft im Ost- wie im Westteil der Stadt, mit bundesweiter Ausstrahlung und liberalem Grundtenor gar nicht so falsch. Zumal die Washington Post, sehen wir mal von den sensationellen Watergate-Enthüllungen ab, auch nur mit Wasser kocht.

Das Verlagshaus Gruner+Jahr sowie der englische Pfiffikus Maxwell hatten nach der Wiedervereinigung den Titel samt Beleg- und Abonnentenschaft der SED abgekauft, und es ging darum, zu den treuen Ostlern die von der Journaille weiß Gott nicht verwöhnten Westberliner als Leser hinzuzugewinnen. Ein solider Neuanfang und das Rühren der Werbetrommel waren mithin geboten. Beides kein Zuckerschlecken. Die Ossis, an ihr 15-Pfennig-SED-Blatt mit einem Umfang von acht Seiten gewöhnt, stöhnten ob der Dicke der Zeitung und der an westlichen Medien orientierten Vielfalt des Stoffes. Man könne das nicht alles verdauen, beschwerten sich die alten, ans Leeressen ihres Tellers gewöhnten Leser; ladungsweise kamen die rausgerissenen Anzeigenseiten an den Verlag zurück. Die Westleser indessen misstrauten der alten »roten Socke« und griffen zunächst nur sporadisch zu dem für sie ungewohnten neuen Blatt.

Dass wir mit unserer Mini-Washington-Post dennoch reüssierten, lag an der einmaligen Melange von Journalisten – Ossis mit ihrer aus Erfahrung gewachsenen Neigung zur Kontemplation, Wessis mit ihrer Vorliebe für investigativen Journalismus. Hinzu kam eine buntgewürfelte Leserschaft – Ossis, die gewohnt waren, zwischen den Zeilen zu lesen, und Wessis, denen Sensation kein unbekannter Begriff war. Die Berliner Zeitung verdaute innerhalb kurzer Zeit zwei Herausgeber und drei Chefredakteure. Sie mauserte sich zur meistzitierten Abonnementszeitung der Hauptstadt. Dass das Blatt dank strengen Kostenmanagements in der Lage war, einen Jahresgewinn von zuletzt neun Millionen Euro zu erwirtschaften, sollte angesichts der trostlosen Wirtschaftslage in vielen Zeitungsbetrieben nicht nur am Rande erwähnt werden.

Dies hätte so bleiben können, wären die Verleger mit dem jungen Traditionsblatt nicht allzu oft Schlitten gefahren. Schon die Erstverleger Gruner+Jahr vermochten sich nicht so recht entscheiden, was sie der Redaktion abverlangen sollten. Mal sollte die Berliner – schon wegen des verführerischen Namens – fetziges Hauptstadtblatt sein, mal Generalanzeiger für die Region mit putzigen Tierfotos, mal Renditelieferant für den Hamburger Großverlag. Dass die Redaktion sich um diese inkompatiblen Vorgaben weitgehend nicht scherte, verschaffte ihr die einmalige Stellung am Berliner Zeitungsmarkt.

Kostenstruktur und Renommee lockten Interessenten auf den Plan, mal die Süddeutsche Zeitung, mal das Verlagshaus Holtzbrinck, das mit dem Tagesspiegel schon am Berliner Zeitungsmarkt war. Holtzbrinck erhielt den Zuschlag. Die unglückliche Kombination zweier renommierter Blätter, die beide um intellektuelle Leser wie Hochschullehrer und Studenten und um die Gunst der bildungsbürgerlichen Klientel wetteiferten, warf erste Schatten auf die Befindlichkeit der Redakteure der Berliner Zeitung. Sie befürchteten, ob zu Recht oder nicht, zugunsten des Altbesitzes Tagesspiegel über den Tisch gezogen zu werden: der Tagesspiegel das Intellektuellenblatt, die Berliner die Massenzeitung. Es kam nicht zum Schwur, das Kartellamt ersparte der Berliner- Redaktion die Probe aufs Exempel, wertete beide Blätter als gleichwertige Konkurrenten und verbot die Übernahme.

Das Redaktionsensemble war unversehens wieder einmal zum Kaufobjekt geworden. Dass es unter seinem Chefredakteur Vorkötter dennoch das Niveau einer Hauptstadt- und Autorenzeitung halten konnte, verdankt es eigener Qualität und eigenem Starrsinn. Besonders der war gefragt, als die Bewerber Schlange standen, unter anderem die Westdeutsche Allgemeine, das Verlagshaus DuMont und eine englisch-amerikanische Investmentgruppe unter Führung des beinharten Zeitungssanierers Montgomery, eine Heuschrecke, wie der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende und heute Vizekanzler Müntefering die Renditejäger nannte. Offenbar meistbegünstigt, obsiegte Montgomery mit einem Gebot von circa 150 Millionen Euro. Die Redaktion, des alsbaldigen Aus- oder Weiterverkaufs gewärtig, begehrte auf. Doch das half wenig.