Acht Monate Arbeit, nur vier beschriebene Seiten Notenpapier – das war kein Ergebnis, sondern eine Katastrophe. Der Komponist wusste es und suchte nach einem Zeugen, der sein Schneckentempo adelte. Er fand ihn im verehrten Goethe. Der Poet, schrieb Anton Webern im August 1936, habe seinem Eckermann die Schönheit eines Gedichtes damit begründet, »dass er 40 Jahre darüber nachgedacht habe«. BILD

So lange konnte Webern nicht warten. In einem explodierenden Energieschub brachte er seine Variationen für Klavier op. 27 zu Ende, mit denen er die Verfeinerung der Zwölftonmusik ins »Seismographische« (Dieter Schnebel) vorantrieb. Schwerste Aufgaben: Das dreisätzige Werk sollte die sublime Dimension der Reihentechnik abbilden. Der erste Satz behandelte den Krebskanon, der zweite den Umkehrungskanon, der dritte (als Variationensatz) bildete die Synthese. Derlei konnte nur verstehen, wer die Noten vor sich hatte. Weil Webern fürchtete, hinter der Macht der Konstruktion könne die Intensität der Musik zum Verschwinden kommen, gab er Peter Stadlen, dem Pianisten der Uraufführung, Unterricht im wahren Webern. Stadlen erinnerte sich später: »Als Webern dabei sang und brüllte, mit den Armen wedelte und den Füßen stampfte, um den Inhalt der Musik zu verdeutlichen, war ich verblüfft darüber, ihn diese wenigen, fragmentarischen Noten wie Kaskaden von Klängen behandeln zu sehen.«

Viele jedoch begriffen den Komponisten als Spinnweberknecht, der auf dem Weg in die toten Winkel des Serialismus war. Das stimmte Webern furchtsam. Er wandte sich an Adorno und schrieb dem »lieben Dr. Wiesengrund« einen flehenden Brief, er möge statt einer theoretischen Analyse lieber den leibhaftigen Pianisten Stadlen zur Kenntnis nehmen: »Lassen Sie sich von ihm meine Variationen vorspielen!« Stadlen hätte Adorno mit aufschlussreichen Details versorgen können; er hätte ihm flüstern können, dass Webern beim ersten Satz (»Sehr mäßig«) an Brahms’ späte Intermezzi und beim zweiten (»Sehr schnell«) an die Badinerie aus Bachs h-Moll-Ouvertüre gedacht hatte. Von selber hätte Adorno beim dritten Satz begreifen können, dass hier eine Zwölftonreihe sogleich in organischer Pflanzlichkeit aufging.

Doch Adorno glaubte vom späten Webern, dass »der Komponist vor seinen Tönen und ihren Grundrelationen anbetend die Hände falte«; er sprach von »totaler Versachlichung«. Hätte er die Neuausgabe der Noten gekannt, die Stadlen mit Weberns originalen Anmerkungen (etwa »Verhaltener Klageruf«; »kühl leidenschaftlich«; »Echo«) herausbrachte, wäre ihm Weberns Ausdruckssehnsucht aufgegangen.

Noch besser, Adorno hätte die flammend expressive Aufnahme von Krystian Zimerman gehört. Die erschien allerdings 40 Jahre später als sein Tadel. So lange konnte auch der Philosoph der Neuen Musik nicht warten.