Die Nachricht war damals eine Weltsensation. Am 23. Mai 1960 trat der israelische Premierminister David Ben Gurion vor die Knesset und verkündete: »Adolf Eichmann, einer der schlimmsten nationalsozialistischen Kriegsverbrecher, befindet sich in israelischer Haft.« 45 Jahre später stellt sich plötzlich heraus, dass die Geschichte von Eichmanns Flucht, Geheimexil und Verhaftung weitere Sensationen enthält. Denn deutsche wie amerikanische Regierung wussten seit Jahren, dass der Manager der Judenvernichtung in Argentinien untergetaucht war. Die Geheimdienste tauschten sich über Eichmanns neue Heimat aus, hielten aber bewusst still, um die Regierung Konrad Adenauers nicht zu blamieren. Darauf deuten Akten des Geheimdienstes CIA, die vergangene Woche freigegeben wurden. »Hätten die Israelis nicht selbst nachgesetzt«, sagt Timothy Naftali, der erste Historiker, der die Akten ausgewertet hat, »so hätte Eichmann sein Leben womöglich friedlich in Argentinien beendet.« Foto: bpk BILD

Die Dokumente liegen im Gebäude 2 des amerikanischen Nationalarchivs, im Wald vor den Toren Washingtons. Ein riesiger Betonkasten, hell, hochmodern und trotzdem regiert von hochgeregelter Bürokratie. Klarsichthüllen sind verboten, Notizbücher auch, Kugelschreiber sowieso. Die Vereinigten Staaten stellen jedem Forscher Bleistift samt elektrischem Bleistiftanspitzer sowie Papier samt Handhefter. Nur drei Aktenbehälter dürfen gleichzeitig bestellt werden, nur einer darf auf dem Tisch stehen. Doch der hat es in sich: die Jagd auf den Judenmörder, abgelegt unter »RG 263, Box 20, Records of the Central Intelligence Agency«. Das ist der Kernbestand jener 27000 Blatt, deren Freigabe der Kongress jetzt angeordnet hat.

»Box 20« beginnt im Zweiten Weltkrieg, mit Lebensläufen und Dienstbeurteilungen des Eichmann, Adolf . Nach der Kapitulation macht sich das Counterintelligence Corps der US-Armee (CIC) in Österreich auf die Suche, mietet sich in der Nähe der Familie Eichmann in Altaussee ein. So steht es in einem Vermerk vom 15. September 1948. Irgendwann, lautet die Theorie, werde Eichmann sich bei seiner Familie melden. In den Agentenberichten finden sich die abstrusesten Theorien über die Flucht. Mal lebt Eichmann in Ägypten unter der Obhut des ehemaligen Großmuftis, mal kämpft er in Syrien gegen die Israelis.

Mit den Jahren nimmt die Zahl der Berichte ab. Bis ein Senator in Washington nachfragt. Die interne Diskussion über die Antwort zeigt, dass es mitten im Kalten Krieg Wichtigeres gibt als die Jagd nach einem Kriegsverbrecher eines längst gewonnenen Krieges. »Wiewohl die CIA fortgesetzt Interesse an Aufenthaltsort und Aktivitäten von Personen wie Eichmann hat, ist unsere Aufgabe nicht, Kriegsverbrecher festzunehmen«, heißt es in einem Vermerk vom 20. Oktober 1953. Schon ein Jahr früher hatte das Counterintelligence Corps sich ähnlich erklärt: »Die Salzburger Polizeiführung sollte angewiesen werden, dass die Festnahme von Adolf Eichmann und seine Überführung zum CIC nicht länger angestrebt wird.« Es gilt nun, Rücksicht zu nehmen auf einen neuen Verbündeten im Kalten Krieg: die Bundesrepublik Deutschland.

Deutsche trauen ihren eigenen Behörden nicht

Dort ist gerade Hans Globke zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt aufgestiegen, ein Mann, der als Kommentator der Nürnberger Rassegesetze selbst verstrickt ist in die nationalsozialistische Menschenvernichtungsmaschine. Der BND fürchtet im Fall von Eichmanns Festnahme »die Konsequenzen von dessen Aussagen« über Globke, wie Timothy Naftali von der University of Virginia in seiner ersten Auswertung der Akten schreibt. »Globke«, meint Naftali, »war eine Zeitbombe für die Nato.« Deshalb bleibt völlig unbeachtet, was der Resident der CIA in München seiner Zentrale am 19. März 1958 schreibt: dass nämlich Adolf Eichmann »unter dem Alias-Namen Clemens seit 1952 in Argentinien« wohnte. So hat es der BND dem amerikanischen Agenten gesagt. In diesem Bericht, wie in so vielen, sind Irrtümer enthalten. Der Tarnname etwa, der in Wahrheit Klement lautet. Ein kleiner Schreibfehler. Trotzdem ist klar: Der BND hat eine heiße Spur – und verfolgt sie nicht. Offenbar geben weder die Deutschen noch die Amerikaner den Israelis einen Tipp.

Die Zeitgenossen scheint der Mangel an Jagdfieber keineswegs zu überraschen. Am Ende wird Eichmann nur gefasst, weil die wichtigsten deutschen Informanten die eigenen Behörden absichtlich umgehen. Der Mann, der Eichmann in Argentinien identifiziert, Lothar Hermann, vermutet stille Nazisympathien in der deutschen Botschaft in Buenos Aires – und lässt die Auslandsvertretung außen vor. Hermann, selbst ein KZ-Überlebender, hat das Wachstum der deutschen Gemeinde nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes erlebt. Mit einem der Neuankömmlinge freundet sich seine Tochter an. Ein Zeitungsbericht über Kriegsverbrecher-Prozesse in Deutschland lässt ihn aufhorchen. Bald sind alle Zweifel ausgeräumt: Der neue Freund seiner Tochter muss Klaus Eichmann sein, der älteste Sohn des Mannes, der die Schoah organisierte.

Im September 1957 schreibt Hermann einen Brief nach Frankfurt. Adressat ist der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, in dem Hermann einen aufrechten Strafverfolger vermutet. Hermann nennt den korrekten Aufenthaltsort des gesuchten Kriegsverbrechers: Calle Chacabuco Nr. 4261, Olivos, Distrikt Vicente Lopes, Provinz Buenos Aires, Argentinien. Aber auch der Frankfurter Ankläger traut den deutschen Behörden nicht. Ein Auslieferungsantrag würde bloß dazu führen, dass der Gesuchte frühzeitig gewarnt werde und erneut untertauchen könne. Bauer, ebenfalls ein Überlebender des Holocaust, zieht den befreundeten Ministerpräsidenten von Hessen, Georg August Zinn, ins Vertrauen und informiert einen Konfidenten in Israel: Auf diesem Weg gelangt die brisante Information an den israelichen Geheimdienst.

Doch sogar beim Mossad löst die Nachricht nur bescheidene Aktivitäten aus. Zwei Agenten machen sich auf den Weg nach Argentinien. Sie kontaktieren, getarnt als Abgesandte Bauers, den Informanten Hermann. Als sie dessen Angaben überprüfen, stümpern sie: Nicht der Besitzer des Hauses in der Calle Chacabuco, sondern dessen Mieter ist der Gesuchte, der Mann, der sich Ricardo Klement nennt. Für den Mossad ist die Angelegenheit vorläufig erledigt. Der Informant scheint eine trübe Quelle zu sein. Der Geheimdienst Israels, im Überlebenskampf mit seinen arabischen Nachbarn verfangen, hat andere Prioritäten.

So lebt Eichmann in ärmlichen Verhältnissen im Weichbild von Buenos Aires und pflegt ungeniert Umgang mit einem Netzwerk alter Nazikameraden. Zwar besteht ein Haftbefehl, doch keine Behörde, weder in Deutschland, Österreich, Israel oder den USA, verfolgt irgendeine Spur. Zu Recht wähnt sich der Buchhalter des Todes bis zum Tag seiner Entführung am 11. Mai 1960 in Sicherheit.

Ein Frankfurter Staatsanwalt drängt die lsraelis zur Aktion

Einzig zwei Privatinitiativen verfolgen mit ihren bescheidenen Mitteln unnachgiebig seine Fährte. Tuviah Friedmann, ein streitbarer KZ-Überlebender aus Radom, der in Haifa eine Dokumentationsstelle über NS-Verbrechen eingerichtet hat, und Simon Wiesenthal, der, nachdem er aus dem KZ Mauthausen befreit wurde, zunächst in Linz und später in Wien eine ähnliche Institution betreibt. Vor allem Wiesenthal ist Eichmann schon früh auf den Fersen. Er verhindert, dass Eichmanns Frau ihren Mann offiziell für tot erklären kann. Bald erhält Wiesenthal erste Hinweise auf Argentinien. Der israelische Historiker Tom Segev, der derzeit in Wien den Nachlass des verstorbenen »Nazi-Jägers« für eine Biografie durchforstet, ist in den Dokumenten auf Hinweise gestoßen, nach denen Israelis und Amerikaner spätestens 1954 wissen konnten, in welcher Gegend sich Eichmann versteckt hielt.

Die Jagd wäre vermutlich nicht über ihre erste Phase hinausgekommen, hätte der Frankfurter Staatsanwalt Bauer nicht bei mehreren Besuchen in Israel auf Aktionen gedrängt. Er könne sein Wissen nicht mehr viel länger geheim halten, droht der deutsche Beamte. Aber der Mossad ist noch immer skeptisch. Erst nachdem Bauer Mitte 1959 einen weiteren Informanten aufbieten kann, gibt der Mossad-Chef den Startschuss zu der Entführungsoperation.

Die Verhaftung Eichmanns kommt für die CIA völlig überraschend. Fortan fürchtet der US-Geheimdienst die Folgen der Aussagen Eichmanns. Die antikommunistische Abwehrfront des Westens scheint in Gefahr. In »Box 20« des amerikanischen Nationalarchivs finden sich deshalb allerlei Presseschauen aus DDR-Medien sowie Kopien von ostdeutschen Buchmanuskripten, in denen die westdeutsche Republik als Nazistaat unter neuem Namen denunziert wird.

Die Bundesregierung scheint damals die Amerikaner gedrängt zu haben, zwischen den Namen »Globke« und »Eichmann« keinerlei Verbindung entstehen zu lassen. Timothy Naftali spricht sogar von einer »Eichmann-Krise in der Bonner Regierung«. Am 20. September 1960 meldet CIA-Chef Allen Dulles einen Teilerfolg: Das Magazin Life wolle die Fluchterinnerungen Eichmanns drucken. Eine einzelne, »obskure Erwähnung Globkes« habe Life »auf unsere Bitte weggelassen«, schreibt Dulles. BND-Chef Reinhard Gehlen reist im April 1961 eigens nach Washington. Er bringt einen Agentenbericht mit, dem zufolge Eichmann in der Haft Kommunist und »ein Bewunderer Chruschtschows« geworden sei. Gehlen, heißt es in einem undatierten CIA-Memo, wolle »das Gerichtsverfahren derart beeinflussen, dass Eichmann seine gegenwärtige politische Überzeugung erklärt«. Die Deutschen möchten offenbar eine weltweite Propaganda-Kampagne starten, um Eichmann zum Werkzeug der Sowjets zu erklären. Doch die Amerikaner geben sich skeptisch. In einem CIA-Memo heißt es, Eichmann habe seine Ansicht über den Kommunismus schon wieder geändert. Und Hans Globke bleibt die große Last der Regierung Adenauer.