Ganz in Schwarz, die Haare wallend, die Stimme rau und dunkel, so sitzt sie da und hält Hof, auch wenn dieser Hof nur das Mercer Hotel ist, mitten in SoHo, New York. Alle sind da, Roger, Sandra, Erica, Sarah, Susan, Ari, die Assistenten, Freunde, Pressemenschen, alle umschwirren sie – und sie genießt. Ausgerechnet jetzt ein Interview? Lieber will sie tun, was sie am liebsten tut: herumtelefonieren, mal hören, wo alle stecken, die gerade nicht da sind. Alle einladen für heute Abend, denn da eröffnet ihre Ausstellung im Guggenheim Museum. Eine große Ehre, für sie, die noch vor zehn Jahren die Außenseiterin war, verachtet, verlacht für ihre exzentrischen Entwürfe. Jetzt wird sie umjubelt, Zaha, Zaha, rufen wildfremde Leute, machen Halt an ihrem Tisch und gratulieren. 

DIE ZEIT:Frau Hadid, sind Sie ein glücklicher Mensch?

Zaha Hadid: Wie? Ach, das Gesummse hier, das gefällt mir schon. Ich bin ja ein eher hektischer Charakter. Ich hab es gern, wenn viel los.

ZEIT: Eigentlich sind Sie ständig unterwegs.

Hadid: Ja, manche sagen sogar, typisch Irakerin, eine geborene Nomadin, aber das ist natürlich Quark. So ist’s doch für alle erfolgreichen Architekten, man muss unterwegs sein. Die Auftraggeber wollen uns zumindest ab und zu mal sehen. Und je mehr Auftraggeber es sind, desto schlimmer wird es. Ich glaube, seit Januar habe ich eigentlich nur noch im Flugzeug gelebt.

ZEIT: Und das nennen Sie glücklich?

Hadid: Das Reisen zehrt ganz schön. Früher ging ich sehr gerne ins Kino und ins Ballett. Dieses Ineinander von Körper, Raum und Bewegung fand ich ungeheuer anregend. Aber ich komme zu nichts mehr.

ZEIT: Und kommen Sie noch zum Entwerfen? Brauchen Sie dafür nicht ein bisschen Ruhe?

Hadid: Man kann als Architekt nicht alles selbst machen. Manche denken ja, Architektur sei eine Sache der Eingebung, ein Blitz, der einschlägt, schon ist der geniale Entwurf fertig. Doch dafür ist Architektur viel zu komplex, viele arbeiten mit, so ein Entwurf entwickelt sich langsam. Früher haben wir für jeden Auftrag mindestens zehn Modelle entwickelt, wir wollten wissen, was alles möglich ist. Davon profitiere ich heute, das ist mein Fundus. Und ich habe gute Leute, denen ich vertrauen kann und mit denen ich immer in Kontakt bin. Ich kann Ihnen sagen, meine Telefonrechnung… (Schnell prüft sie, ob eine neue SMS eingegangen ist.)

ZEIT: Entwerfen Sie denn noch selbst?

Hadid: Computer fasse ich nicht an, die Dinger waren mir immer unsympathisch, vor allem die Maus finde ich grässlich. Aber vermutlich ist das ein Fehler, ich hätte vor zehn Jahren damit anfangen sollen. Ist ja verrückt, was mit diesen neuen Programmen alles möglich ist. Na, vielleicht suche ich mir noch einen Lehrer, aber ich glaube, ich bin dafür zu ungeduldig.

ZEIT: Papier ist geduldiger.

Hadid: Ja, in ruhigen Momenten arbeite ich noch mit meinem Skizzenblock. Dann skizziere ich wild vor mich hin, 500 Blatt, das geht dann ganz schnell.

ZEIT: 500 Blatt?

 

Hadid: Na ja, vielleicht auch 200. Jedenfalls ist das für mich eine Möglichkeit, Ideen durchzuspielen.

ZEIT: Für konkrete Projekte?

Hadid: Nein, das sind eher abstrakte Raumideen, die mich beschäftigen. Fragen, wie sich das Verhältnis von Boden und Wand und Decke neu bestimmen lässt. Ich muss gestehen, dazu komme ich nur noch selten. Ich bin vor kurzem umgezogen, in einen neuen Dachaufbau. Eine wunderbare Wohnung, aber warm geworden bin ich mit ihr noch nicht. Ich habe mich noch nicht einleben können, es fehlt mir die Zeit.

ZEIT: Im Moment bekommen Sie viele große Aufträge. Seit vorigem Jahr hat sich die Zahl Ihrer Mitarbeiter mehr als verdoppelt, von 60 auf 150.

Hadid: 150? Ja, kann sein, so ungefähr. Wenn Sie es genau wissen wollen, müssen Sie Patrik fragen.

ZEIT: Patrik Schumacher, ihren Büropartner.

Hadid: Ja, der stellt jeden Tag neue Leute ein, mir sind es mittlerweile wirklich zu viele Leute, aber anders geht’s wohl nicht.

ZEIT: Woher der plötzliche Erfolg?

Hadid: Na ja, bei Ihnen in Deutschland habe ich ja s chon so einiges machen dürfen, in Weil die Feuer-wache, in Wolfsburg das Phæno. Die Deutschen trauen sich was, vielleicht mehr, als sie manchmal denken. Zu Hause in England gibt es bis heute keinen einzigen Bau von mir, und auch anderswo haben viele Menschen eher über mich gelächelt. Tolle Entwürfe, haben sie gesagt. Sieht schön verrückt aus, so als Entwurf. Aber bauen lässt sich das nicht. Die wollten mich als Papierarchitektin abstempeln, ich galt als exzentrisch.

ZEIT: Nicht ganz zu Unrecht, oder? Die Times nannte Sie "Englands bestgehasste Architektin".

Hadid: Ja? (Sie lacht.) Daran kann ich mich gar nicht erinnern. Manche meinen, ich sei ein Vulkan, der ständig Feuer spucke. Aber ich bin einfach ein sehr emotionaler Mensch. Ich kann mich ungeheuer über bestimmte Dinge freuen, und ich kann mich auch ärgern – sehr ärgern. Damit können die meisten Englänger nicht umgehen. Manchmal habe ich sie einfach nur angeschrien, um sie durcheinander zu bringen. Aber so etwas würde ich heute natürlich nicht mehr machen (sie lacht). Stimmt’s, Roger? (Roger nickt schnell.)

ZEIT: Der Erfolg hat Sie gezähmt?

Hadid: Das würde ich nicht behaupten. Ich mache weiterhin, was ich machen will. Vielleicht muss man manchmal schwierig sein, sonst kommt nur mittelmäßiges Zeug heraus, und davon haben wir genug. Ich mag keine Kompromisse, also gibt es oft Reibung.

ZEIT: Was genau reibt sich da?

 

Hadid: Vielleicht liegt es daran, dass ich keine Europäerin bin. Meine Art des Denkens ist schon ein wenig anders als die des klassischen Europäers, der die Dinge rational in den Blick nimmt. So sind ja die meisten Architekten, ihnen geht es um das Klare und Berechenbare. Ich gehöre zu einer Tradition, in der Intuition und Logik eine engere Verbindung eingehen.

ZEIT: Sehen Sie sich als arabische Architektin?

Hadid: Das haben manche behauptet, Rem Koolhaas zum Beispiel, mit dem ich einige Zeit zusammengearbeitet habe. Ich will mich aber nicht in so eine Rolle pressen lassen. Ganz bestreiten kann ich es natürlich auch nicht, dass ich aus einer Kultur komme, die 5000 Jahre alt ist. Ich bin Babylonierin. Geschichte ist nichts, worum ich ringen müsste. Geschichte ist für mich einfach da, und ich kann und darf sie konfrontieren mit meinen Ideen für morgen.

ZEIT: Sie sind frei von der Geschichte?

Hadid: Ich muss mich nicht an irgendeinen Historismus klammern, ich lebe nicht in dem Gefühl, die Geschichte könnte mir verloren gehen.

ZEIT: Aber lebt Ihre Architektur nicht auch aus der Geschichte?

Hadid: Meinen Sie die Kalligrafien der Araber, die sehr frei dahinfließen wie meine Bauten?

ZEIT: Ich dachte eher an die russische Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts, auf die Sie sich oft berufen, an Malewitsch oder Leonidow. Sie greifen deren Ideen auf. Ist das nicht Historismus?

Hadid: Ich kopiere deren Entwürfe ja nicht sklavisch, mir geht es darum, damalige Vorstellungen zu aktualisieren, die Idee einer neuen Ordnung für uns fruchtbar zu machen. Das wurde ja nie richtig ausprobiert. Damals hoffte man auf einen neuen Anfang, es sollte eine Architektur entstehen, die sich von den Zwängen löst und alles infrage stellt. Müssen Häuser auf der Erde stehen? Können sie auch schweben? Was ist eine Wand? Was ist der Fußboden? Müssen wir dem Diktat des rechten Winkels folgen, oder können wir auch die übrigen 359 Grad für uns erschließen? Das sind heute noch große Fragen.

ZEIT: Der Avantgarde ging es doch vor allem um eine neue Gesellschaftsordnung. Und Ihnen?

Hadid: Viele Träume der Moderne sind zerplatzt. Vieles war auch falsch, die Vorstellung zum Beispiel, dass mit Wohnsilos die Menschheit zu retten wäre. Das heißt aber nicht, dass nun das Projekt der Moderne beendet ist. Nur muss eine neue Moderne mit alten Fehlern aufräumen. Deshalb sehen unsere Häuser nicht überall gleich aus, sie versuchen, genau dem Ort und dem Nutzer gerecht zu werden. Und viele von ihnen wollen das Verhältnis von Privatem und Öffentlichem neu definieren. Wir heben viele unserer Bauten an und geben den Raum darunter frei für städtisches Leben. Wir lösen die klassischen Grenzen auf.

ZEIT: Das klingt recht formelhaft.

Hadid: Es kann ein klares Programm halt nicht mehr geben. Das ist anders als in der klassischen Moderne, die genau wusste, wie sie den Menschen befreien wollte. Heute können wir nur Ideale formulieren. Ich wünsche mir Räume, die nicht abgeschlossen sind, die keine vorherbestimmte Richtung haben, die viele Wege ermöglichen, die Bewegung stimulieren.

ZEIT: Sie meinen, so wie bei den Sofas, die Sie entworfen haben. Die sind geschwungen und schräg und oft ohne Lehne, auf denen hält man es nicht länger als eine Viertelstunde aus – die stimulieren ganz zwangsläufig Bewegung.

 

Hadid: Sie haben noch nicht die richtige Sitztechnik entwickelt (lacht). Ich will, dass die Dinge im Fluss bleiben, weich und bewegt. Es muss sich nicht jeder damit wohlfühlen, ich will keine Patentlösungen für alle. Ich will neue Lebensformen vorschlagen. Ich will sie nicht verordnen.

ZEIT: Aber ist eine gekurvte Wand nicht viel unpraktischer als eine gerade? Sie verlangt von den Bewohnern viel mehr Anpassung. Das ist mein Verdacht: dass Ihre Bauten etwas Verordnendes besitzen, auch wenn sie geschmeidig aussehen.

Hadid: Suchen Sie Streit? Hört mal alle, ich glaube, er sucht Streit. Sie mögen meine Architektur wohl nicht?

ZEIT: Im Gegenteil, das Phæno in Wolfsburg halte ich für eine s der wichtigsten Bauwerke der letzten Jahre. Ich frage mich nur, ob Ihre Architektur das einlöst, was Sie versprechen.

Hadid: Das ist doch ganz einfach: Meine Bauten versprechen Optimismus. Von Utopien zu sprechen ist heute ein wenig schwierig, aber vielleicht sollten wir selbst das mal wieder tun. Ich glaube jedenfalls daran, dass sich in der Architektur etwas ausdrücken kann, von dem wir noch nicht ahnen, das es möglich ist – eine neue Ordnung der Dinge, ein anderer Blick auf die Welt. Das hat für mich eine politische Dimension. Als ich anfing mit der Architektur, an der Hochschule in London, da war jede Vorstellung von Fortschritt abgewürgt. Es gab ein paar Leute, die machten High Tech, Leute wie Norman Foster, die mit ihren Konstruktionen nach Superlativen strebten. Und es gab die große Gruppe der Traditionalisten, eine erstickende Postmoderne. Zumindest davon hat sich meine Architektur befreit, meine ich. Sie hat bewiesen, dass nicht alles für immer bleiben muss, wie es mal war. So, das wäre doch ein schöner letzter Satz für Ihr Interview. Machen wir Schluss?

ZEIT: Darf ich noch eine Frage stellen? Ich wüsste gerne, woher Ihr Glaube an das Neue kommt.

Hadid: Alles verändert sich, die Art und Weise, wie wir arbeiten, die Technik, die Kunst. Warum sollte ausgerechnet in der Architektur alles so bleiben, wie es mal war? Das will mir nicht einleuchten. Ich bin in Bagdad aufgewachsen, als sich vieles im Irak zu verändern begann. Meine Familie war sehr privilegiert und recht wohlhabend, meine Eltern schickten mich auf eine Klosterschule, katholische Nonnen haben uns unterrichtet. Sie haben uns vor allem eines beigebracht: an uns selbst zu glauben. Es war selbstverständlich, dass auch Mädchen etwas leisten können, dass auch sie gut in naturwissenschaftlichen Fächern sein können. Fast alle von uns haben etwas gemacht aus ihrem Leben.

ZEIT: Sie haben ja erst Mathematik studiert.

Hadid: Ja, aber nur ganz kurz. Die Mathematik fiel mir leicht, das konnte ich wie im Schlaf. Da dachte ich, gut, damit fängst du mal an. Aber eigentlich wollte ich Architektin werden, das wollte ich schon, als ich elf war. Damals entstanden in Bagdad die wunderbarsten neuen Gebäude, ich konnte das jeden Tag verfolgen. Das war ein sehr eindrückliches Erlebnis. Eine Gesellschaft verwandelte sich, es begann etwas Neues. Und dieses Neue kündigte sich an in der Architektur.

ZEIT: Können Sie sich vorstellen, irgendwann einmal zurück nach Bagdad zu gehen?

Hadid: Die Wurzeln sind noch da, und ich würde gerne darüber nachdenken, wie sich die Stadt neu bauen und neu erfinden lässt. Aber London ist für mich heute auch sehr wichtig. Anfangs war ich hier die durchgedrehte Fremde, nicht-britisch, noch dazu eine Frau, und das fanden viele Kollegen ziemlich beunruhigend. Mittlerweile haben wir uns aneinander gewöhnt.

ZEIT: Bis heute aber sind so ziemlich die einzige Frau im Kreis der international bekannten Architekten.

Hadid: Ich werde immer wieder gefragt, ob eine Frau anders arbeite als ein Mann. Ich kann da nur sagen, ich weiß es nicht, ich bin nie ein Mann gewesen. Aber offensichtlich trauen sich die meisten Auftraggeber nicht so recht, sich auf eine Frau einzulassen. Da muss erst eine Irakerin kommen und es ihnen beibringen.

ZEIT: Sie bekommen sogar Designaufträge für Küchen oder ein Essbesteck. Fürchten Sie nicht das Klischee? Manche sprechen schon von der Design-Domina.

 

Hadid: Was für ein Blödsinn. Ich finde es wunderbar, ab und zu auch mal etwas anderes zu entwerfen. Ein Auto haben wir jetzt gemacht, und mit Möbeln habe ich mich auch viel beschäftigt. Ich will mich nicht auf nur eine Aufgabe beschränken, ich will die ganze Welt ergreifen. Wenn es die Zeit denn zulässt.

ZEIT: Bislang haben Sie aber nur Ikonen gebaut, keine Wohnbauten, erst recht keine Sozialbauwohnungen.

Hadid: Das liegt ja nicht an mir. Ich begreife meine Bauten keineswegs als etwas Hochexklusives, als Sache für Eliten. Es geht mir nicht um künstlerische Selbstverwirklichung, ich will den Mainstream. Gerne würde ich darüber nachdenken, wie sich das Leben von morgen auch für die Arbeiterklasse gestalten ließe. Allerdings sind die Regeln im sozialen Wohnungsbau so unglaublich strikt, dass da kaum etwas zu verändern ist. Das ist eine Schande, dabei hat ja die Moderne gerade im Wohnungsbau viele großartige Neuerungen hervorgebracht, das wissen Sie als Deutscher am allerbesten. Tut sich denn da bei Ihnen daheim noch etwas?

ZEIT: Der soziale Wohnungsbau ist so gut wie tot.

Hadid: Merkwürdig, dass aus Deutschland so wenige Impulse kommen. Ich bin ein großer Verehrer von Erich Mendelsohn – und von Mies van der Rohe sowieso. Heute spielt kein Deutscher mehr in der Topliga, seit O. M. Ungers hat man nicht mehr viel gehört.

ZEIT: Woran liegt’s?

Hadid: Ich glaube, den deutschen Architekten ist es zu gut gegangen. Sie hatten in ihrem Land so viel zu tun, dass sie sich von der internationalen Ebene fast verabschiedet haben. Ein paar gute Büros gibt es ja, ich schätze Sauerbruch & Hutton zum Beispiel sehr. Aber viele von denen, die mal im Ausland waren und dann nach Deutschland zurückkommen, scheinen dort eher zu verkümmern.

ZEIT: Sie haben im Moment auch keinen Auftrag in Deutschland.

Hadid: Ich weiß auch nicht, warum. Vielleicht braucht man meinen Optimismus dort nicht mehr.

Plötzlich ist sie überall, sie bekommt Großaufträge in Dubai, China, Italien, sie baut Opernhäuser, Brücken, Kulturzentren. Im vorigen Jahr erhielt sie den Pritzker-Preis, den Nobelpreis für Architekten; seither kann sie sich vor Anfragen kaum noch retten. Zaha Hadid, 1950 in Bagdad geboren, Tochter eines reichen Managers, westlich erzogen. Sie studiert Architektur in London, gründet dort bald ihr eigenes Büro, doch ihre turbulenten Entwürfe finden keine Bauherren. Erst 1991 entsteht ihr erster wichtiger Bau, eine Feuerwache in Weil am Rhein. Voriges Jahr dann wurde in Leipzig eine Autofabrik eingeweiht und das Phæno-Museum in Wolfsburg. Jetzt wird sie vom Guggenheim Museum in New York mit einer gigantischen Werkschau gefeiert (bis 25. Oktober)

Die Fragen stellte Hanno Rauterberg

Lesen Sie in Zeit-Serie "Ich habe einen Traum" über die persönlichen Wünsche, Hoffnungen und Träume von Zaha Hadid