The only thing we have to fear is fear itself. Kaum ein anderer amerikanischer Präsident hat in seiner inaugural address, der Rede anlässlich seiner Amtseinführung, eine Formulierung gefunden, die nicht nur zu einem Klassiker in der politischen Kultur der USA wurde, sondern auch sein unmittelbares Ziel so treffend umschrieb wie Franklin Delano Roosevelt am 4. März 1933 (es war die letzte Vereidigung an diesem Datum, seither findet die Zeremonie an einem 20. Januar statt). Die tief sitzende Furcht, die Lethargie, die Hoffnungslosigkeit galt es dem neuen Mann im Weißen Haus vordringlich zu bekämpfen, die mehr dreieinhalb Jahre Depression und Pessimismus bei den Menschen erzeugt hatten. Roosevelt war kein überragender politischer Denker, aber ein Mann mit einem treffsicheren Instinkt und einer Fähigkeit zum Mit-Leiden. Diese hatte der Sprössling einer reichen, pseudoaristokratischen Familie aus dem Hudson Valley aus seiner eigenen Erfahrung im Umgang mit anderen Opfern der Poliomyelitis aus allen Gesellschaftsschichten im wahrsten Sinne des Wortes schmerzlich erlernen müssen. Vor allem aber war FDR ein Kommunikator von hohen Gnaden, dem in den beinahe legendenumwobenen ersten hundert Tagen seiner Amtszeit zwar keine ökonomische Trendwende gelang (Vollbeschäftigung erlangte Amerika erst sieben Jahre später durch die auf Hochtouren laufende Kriegsindustrie), wohl aber eine psychologische Heilung. Mit den Mitteln seiner zuversichtlichen Rhetorik, seines über Radioansprachen den Fireside Chats in beinahe jedes Farmhaus getragenen Optimismus nahm er der Mehrheit der Amerikaner die lähmende Furcht.

Auf Furcht, so werfen ihm seine Kritiker vor, baut die Politik der Administration von Präsident George W. Bush, eine konstant am Glimmen gehaltene Furcht vor neuen Terroranschlägen, vor mehr oder weniger unsichtbaren Feinden, die zu einer Aushöhlung traditioneller amerikanischer Werte und Freiheitsrechte geführt habe. Die Aufmerksamkeit, der sich das jetzt erschienene Buch von Jonathan Alter, einem der Chefredakteure von Newsweek, über die ersten hundert Tage der Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt in den USA erfreut, liegt nicht nur daran, dass viele Amerikaner beim Gedanken an einen charmant und geistreich plaudernden Präsidenten, der das Netz sozialer Absicherung schuf und nicht privatisierte, der Kritiker nicht abstrafte, sondern oft beförderte, und dem Wissen über Glauben ging, nostalgische Gefühle haben. Und so ist der 43. Präsident in diesem ungemein lesenswerten Buch über den 32. Präsidenten allgegenwärtig, zwischen den Zeilen und wie ein Geist aus einer anderen, nicht notwendigerweise besseren künftigen Epoche. Bushs Name wird von Alter allenfalls in den Anmerkungen genannt, doch die Gemeinsamkeiten und das abgrundtief Trennende drängen sich dem Leser unerbittlich auf: zwei Privilegierte, die den Familiennamen ehemaliger Präsidenten tragen, akademisch durchschnittliche Absolventen edler Privat- und Hochschulen, zwei Männer, die im mittleren Lebensalter persönliche Krisen (Polio hier, Alkohol dort) mit Bravour überwanden. Und zwei Politiker, die von den so genannten pundits, den Experten, zunächst mit dem gleichen Attribut belegt wurden: Leichtgewicht. Die Bilanz des einen lässt Alter zu einer Anklage des anderen werden. Besonders leuchtend stellt er Roosevelts unerschütterliches Vertrauen in die Demokratie zu einem Zeitpunkt dar, da nicht nur in Italien und Deutschland, sondern auch in den USA viele in der Diktatur die Staatsform der Zukunft sahen. Roosevelt war kein Heiliger, doch verlor er bei seinem gelegentlich zutage tretenden Hochmut und seiner Fähigkeit zur Verstellung nie eine der Grundanforderungen an die Führungspersönlichkeit einer funktionierenden Demokratie aus den Augen: accountability, die Rechtfertigung vor, die Verantwortung gegenüber den Regierten. In seinen zwölf Jahren im Amt wandte er sich nicht nur regelmäßig über das Radio an die Bürgerinnen und Bürger, sondern in der geradezu schwindelerregenden Zahl von 998 Pressekonferenzen an die Medien. Das Zeitalter des FDR begann vor 73 Jahren und scheint doch beinahe weiter als nur ein Menschenalter entfernt.

Jonathan Alter: The Defining Moment
FDRs hundred days and the triumph of hope
Simon &amp - Schuster, New York 2006 - 415 S., 29,95 $