Franz Schuh ist seit langem der wahrscheinlich größte Unbekannte der österreichischen Literatur. Das liegt unter anderem daran, dass Schuh, wiewohl hochproduktiv als Kritiker, Essayist und Schriftsteller, sich für nichts, was in unserer Medienwelt zählt, gebrauchen lässt. Während andere Dichter sich als Weiser jeder Weltenlage, als Talker jeder Talkshow oder zumindest als Spezialist für ein, zwei Sachgebiete gerne fit halten, könnte man Franz Schuh höchstens altmodisch zu einem Vortrag einladen, dessen Thema man vorher lieber nicht zu genau festsetzt. Denn Franz Schuh, diese freundliche, bescheidene Denkmaschine, ist wahrscheinlich einer der letzten Allround-Gelehrten in einem geradezu mittelalterlichen Sinn. Er interessiert sich intellektuell für fast alles, kann fast alles mit fast allem philosophisch, historisch oder dialektisch verknüpfen und sich also darin verlieren, und er huldigt seit langem beharrlich dem Abseitigen, dem Verstreuten, dem Nutzlosen. Die vermeintlichen Hauptsachen unserer Öffentlichkeit, "die niederschmetternden Auskünfte der Weltgeschichte" lehnt er rundweg ab, sie widern ihn an, wie er im Vorwort seines neuen Buches bekennt. Wenn es einen legitimen Erben der Wiener Kaffeehausliteraten der Jahrhundertwende gibt, der überdies zu jedem Thema herrlich geistreiche und sofort vergessene Vorträge aus dem Stegreif zu halten imstande ist, dann ist es dieser Mann. Nicht zufällig reimt sich Schuh auf Kuh (den Wiener Schriftsteller Anton Kuh).

"Bitte, sagt mein Verleger, bitte verschone mich mit deinem Durcheinander, ein Thema, wähle ein Thema – und ich mache dich berühmt" – so heißt es gleich zu Beginn von Schuhs neuem Buch, und man darf davon ausgehen, dass dieses Zitat authentisch ist. Die Verleger Franz Schuhs haben in den letzten Jahren ständig gewechselt, was gewiss daran liegt, dass seine Ware, seine schrägen Denkstücke schwer verkäuflich sind. Denn wer hat heutzutage noch Muße, einem verschrobenen Gelehrten in die Labyrinthe seines Wissens und seiner Sprachkraft zu folgen, nur so, zum Zeitvertreib und zur eigenen geistigen Ertüchtigung, ohne dass am Ende etwas dabei herausspringt, das sich bei nächster Gelegenheit gewinnbringend zitieren ließe?

Unbeirrt hat Franz Schuh auch diesmal kein Thema gewählt, er hat, wie er typisch sprachverspielt mitteilt, "ein Werk in der Mangel, mein Hauptwerk, das aus lauter Nebensachen besteht". Ein Werk in der Mangel haben, ein Werk der Nebensachen, also mangelhaft? Sein neuer Verlag, der österreichische Zsolnay, scheint sich in einem Akt der Verzweiflung entschlossen zu haben, sozusagen reinen Tisch zu machen, denn das Buch heißt Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche und trägt damit endlich einen Schuh-adäquaten Namen. Bisher waren seine Titel etwas kühler: Liebe, Macht und Heiterkeit etwa, oder Schreibkräfte – Über Literatur, Glück und Unglück.

Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche vereint, darin übrigens viel radikaler als die vorangegangenen Bücher, schier alles Denk- und Schreibbare, Gedichte, Aphorismen, kleine und größere Texte, die zwischen Essay, Weltbetrachtung und Erzählung changieren. Schuh sinniert darin über das Geld und die Nutzlosigkeit oder über das Verhältnis von Sucht und Liebe: "Jede Sucht ist stärker als die Liebe, falls die Liebe nicht selbst eine Sucht ist. Die Liebe ist sonst ein anderer Mensch, an dem ein Sehnen ankommt und als Sucht aufhört. Keiner wird süchtig, wenn er dafür einen Sinn und einen Menschen hat, aber jeder wird, wenn er süchtig ist, keinen Sinn und keinen Menschen mehr haben; deshalb ist er ja süchtig."

Er schreibt über den Hass, die Langeweile und die Dumpfheit, er erheitert mit schrulligen Reisenotizen eines typischen Wieners, der sich so ressentiment- wie komplexbeladen gelegentlich in die Provinz oder gar in die ausländische Fremde wagt. Und er verbindet immer wieder, darin wahrlich ein Meister, das Niedrige, Schmutzige mit dem Erhabenen, etwa in dem Stück Das Beisl im Eck, welches auf die angeblich von Jacques Lacan rüde aufgestellte Behauptung "Le Beisl n’existe pas!" eine hinreißende Typologie der Wiener Beisln (auf Deutsch: Kneipen) folgen lässt.

Dieser Text beantwortet die naheliegenden Fragen natürlich nicht, weder, warum das Beisl nicht existieren sollte, noch, was Lacan zu dieser skurrilen Äußerung bewog, er ist also, einerseits, Nonsens auf hohem Niveau. Andererseits ist er eine atmosphärische und wunderbar anarchische Erzählung über Wien, wo die Hausmeister oft Gelehrte sind oder zumindest vom Klischee dafür gehalten werden.