Die Männer, die Harald* helfen, er selbst zu sein, sitzen im Kreis um ein Holztischchen. Er wirft einen unsicheren Blick in die Runde. Heute sind sie zu sechst. Haralds Augen sind vergrößert hinter den Brillengläsern, vielleicht sind sie auch geweitet vor Erwartung. Er ist groß und dünn, ein Mann um die 40 mit dem Blick eines Jungen, der nach Hause kommt. Wer ihn kennt, weiß, dass er etwas auf dem Herzen hat. Sie unterhalten sich nüchtern, selbst im Streit wird keiner laut: Friedrich, Matthias, Karl und Peter (von links) BILD

»Wer fängt an?«, fragt einer. Harald schweigt. Ein paar Stühle, ein Sofa, schummriges Licht aus Papierlampen. Der Mann neben ihm meldet sich, beginnt leise zu reden. Der Hund seiner Freundin sei gestorben, sagt er, das nehme ihn mit; sonst sei vorige Woche wenig passiert. Nun geht es reihum. Der zweite erzählt von einem Autounfall, Freunde wurden schwer verletzt. Der dritte sagt, er fühle sich von seiner Freundin unter Druck gesetzt, sie wolle mit ihm zusammenziehen, das mache ihm Angst. Er traue sich aber nicht, mit ihr darüber zu sprechen. Der vierte erzählt von einer Reise nach Thüringen, der fünfte von einer Kollegin, die ihn wütend macht. Jeder redet, solange er will, niemand unterbricht. Mancher gibt das Wort gleich weiter, andere stoßen lange Diskussionen an. Harald sitzt unruhig auf einem Freischwinger aus Holz. Er hat noch fast nichts gesagt.

Seit eineinhalb Jahren treffen sie sich jeden Montagabend in den Räumen einer Berliner Familienberatung, sonst sind sie zu acht. Die meisten kommen seit fünf Jahren hierher, um über sich selbst zu reden. Sie nennen sich »Männergruppe«, ein Begriff aus den siebziger Jahren. Damals versuchten Männer, sich ihren weichen Seiten zu öffnen, eine Reaktion auf den Druck emanzipierter Frauen. Heute wird Männlichkeit längst wieder positiv gesehen, mit Männergruppen verbindet man Althippies und Strickpulliträger. Der Berliner Psychologe Andreas Goosses schätzt, dass es in Deutschland trotzdem 200 organisierte Gruppen gibt. Welche Männer treffen sich da? Worüber reden sie? Vor Harald sitzen ein Kinderarzt, ein Familienberater, ein Therapeut, ein Architekt, ein Pädagoge, Männer in Jeans, Turnschuhen, die meisten um die 50. Keiner hat lange Haare, keiner wirkt weich. Harald blickt scheu in die Runde. Die anderen sind gewohnt, beruflich viel zu reden, Harald nicht. Er ist Gas-Wasser-Installateur. »Ich hatte ein schreckliches Wochenende«, sagt er.

Der Satz fällt in ein freundliches Schweigen, alle Augen sind auf Harald gerichtet. »Ich hab am Samstag bei einer Party geholfen. Hab die Anlage mitgebracht, Getränke gekauft, viel Geld ausgelegt, alles nur, weil mich eine Frau drum gebeten hat. Hab dann die Anlage aufgebaut, die Getränke verkauft. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, ich bin der totale Depp.« – »Das nächste Mal sagst du einfach, du machst das nicht«, schlägt einer vor. Harald schüttelt den Kopf. »Ich kann zu Frauen nicht nein sagen, ich hab das schon oft erlebt. Erst hinterher bin ich wütend. Ich krieg nie, was ich will.« – »Was willst du denn?« Harald gibt keine Antwort. »Du kannst der Frau doch auch jetzt noch die Meinung sagen. Das ist deine Chance zur Veränderung.« – »Die Leute sind so unsensibel«, sagt Harald.

Hinterher hocken drei der Männer in einer Kneipe. Die anderen wollten ins Bett, es ist schon elf Uhr. Die Sitzung hat fast drei Stunden gedauert. Einige finden es nicht gut, wenn die anderen anschließend noch etwas unternehmen, das spalte die Gruppe, doch Harald will ein Bier. Neben ihm sitzt Friedrich, der Familienberater. Manche halten ihn für verschlossen, aber beim Bier erzählt er Harald, was er der Gruppe verschweigt. »Ich hab gerade einer Männerzeitschrift ein Interview gegeben«, sagt er, »als Experte zum Thema ›Angst vor zu schönen Frauen?‹.« Auch Rüdiger lacht, sonst wirkt er oft melancholisch. Der Architekt kommt erst seit einem halben Jahr zu den Treffen. Harald wirkt ganz mit sich selbst beschäftigt. Er hat sich vorhin sehr aufgehoben gefühlt, als er gesprochen hat. Aber die Wut auf jene Frau ist noch da.

Drei Tage später sitzt er in seiner Küche. Er ist einverstanden gewesen, sich zu Hause zu treffen. Vor einem Jahr hat er eine renovierungsbedürftige Wohnung gekauft. Neben dem Boiler klafft ein Loch in der Wand, im Bad ist der Boden aufgerissen. Harald hat aus seinem Leben eine Baustelle gemacht, das ist ein Fortschritt, findet er. »Früher war ich ein absoluter Steifling, mein Leben war genauso. Ich hatte Angst vor Veränderungen.« 20 Jahre lang arbeitete er beim selben Arbeitgeber im öffentlichen Dienst, er dachte, er würde da in Rente gehen. Als sich seine Freundin von ihm trennte, glaubte er, er würde nie wieder eine finden. Vor drei Wochen hat er endlich den Job gewechselt, darf sogar ausbilden, davon hat er geträumt. Er hat nach der Trennung auch wieder eine Freundin gefunden, im Moment ist er Single, 42 Jahre alt.