Ihr Verlierer!

Schon ohne dass man die großen Worte »Krise« oder »Versagen« bemühen muss, können Männer einem auf die Nerven gehen: wenn sie die Frau am Nebentisch mit Stentorstimme über Banalitäten belehren; wenn sie im ICE irgendwelchen Business-Unfug in ihr Handy brüllen; wenn sie wieder einmal ihre Gattin wegen einer Jüngeren verlassen. Doch das sind mehr oder minder subjektive Ärgernisse. Den Anlass, tatsächlich von einer Krise der Männer zu sprechen, liefern harte, objektive Fakten: die massiven Erziehungs- und Bildungsprobleme des männlichen Nachwuchses; die zunehmende, praktisch ausschließlich männliche Gewaltkriminalität; die für Männer besonders ungünstige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt; ihre Unfähigkeit, sich auf Familie und Vaterschaft einzulassen; schließlich der Mangel an kulturellen Vorbildern für einen zukunftsfähigen Mann neuen Typs.

Vor einer Sichtung dieser fünf Probleme ist allerdings eine Einschränkung angezeigt: Die deutschen Männer geraten auf hohem Niveau unter Druck. Sie stehen noch nicht unmittelbar vor dem Untergang. Sie sind nach wie vor gut vertreten in der Politik (auch wenn dort jetzt Angela Merkel ertragen werden muss) und in den Chefredaktionen, sie dominieren den Wissenschaftsbetrieb und die Vorstandsetagen der Wirtschaft und werden im Durchschnitt besser bezahlt als vergleichbar ausgebildete Frauen. Es geht also zum einen um die objektiven Krisenmerkmale, aber mindestens ebenso um ein Phänomen, das der Berliner Soziologe und Männerforscher Walter Hollstein »gefühlten Machtverlust« nennt. Wir sprechen über eine Frage des Trends . Es ist ein bisschen so wie bei den an sich absurden Vergleichen des Wirtschaftsriesen Deutschland mit Winzigländern wie Estland: Deren dynamische Wachstumsraten bedeuten wenig mehr, als dass dort noch alle Straßen zu pflastern, alle Außentoiletten nach innen zu verlegen und alle Kohlefeuerungen herauszureißen sind – und doch machen uns die Winzlinge in unserem Exportweltmeistertum Angst. Die Männer sind im Augenblick Deutschland, wenn man so will. Die Frauen sind Estland. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Erstes Alarmsignal: Der männliche Nachwuchs ist von der Rolle. Erwachsene sind zutiefst verunsichert darüber, ob man überhaupt Kinder haben und, wenn ja, wie man sie erziehen sollte. Diese Verwirrung trifft Jungen härter als Mädchen. Für Mädchen gibt es das traditionelle Rollenangebot mit einer gesellschaftlich akzeptierten Erweiterungsmöglichkeit um (fast) alle männlichen Optionen: Klein Sabine kann mit drei Jahren Mamas Lippenstift benutzen, mit 14 Ballettunterricht nehmen oder Fußball spielen und mit 18 Jahren Kindergärtnerin werden oder zur Bundeswehr gehen. Fußball und Bundeswehr würden von der Mehrzahl ihrer Freunde und Verwandten als Bereicherung ihres Lebens betrachtet werden. Für Klein Torsten hingegen stehen Lippenstift, Ballett und Arbeit im Kindergarten nicht wirklich auf der Zugewinnliste. Unterdessen gerät die originär männliche Identität immer mehr ins Wanken: Bewusst jedenfalls wollen nur die wenigsten Eltern einen fiesen Macho heranziehen. Während Mädchen also nahezu zwei komplette Rollenoptionen für sich vorfinden, steht Jungen allenfalls eine zur Verfügung.

Diese Problemlage spitzt sich noch einmal zu für die wachsende Zahl von Jungen, die ohne Väter, ja überhaupt ohne männliche Vorbilder aufwachsen. Im Kindergarten stoßen die vaterlosen Jungen auf 95 Prozent Erzieherinnen und fünf Prozent Erzieher. In der Grundschule ist nur jede vierte Lehrperson männlich. Die alte feministische Hoffnung, dass eine rein weibliche Erziehung sanftere, einfühlsamere Männer hervorbringen müsste, hat sich nicht erfüllt. Und es ist ja auch nicht so, dass alle Mütter, Erzieherinnen und Lehrerinnen sich eindeutig verhielten: Einerseits werden Jungen am Ausleben normaler, vollkommen unschädlicher Aggressionen in Ringkämpfen gehindert, weil weibliche Betreuungspersonen den harmonischeren Barbie-Spielstil der Mädchen zum Ordnungsmaßstab auf dem Schulhof erheben. Andererseits werden ihnen, auch, gerade von Frauen die Botschaften der »alten« Männlichkeit souffliert: Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Ein Junge weint nicht! Es gibt unglaublich viel verantwortungslos-stolzes Mutti-Gerede über den »kleinen Mann«, der sich unter diesem ermutigenden Einfluss munter zum Familien-Tyrannen entwickelt. Bei vielen Eltern findet man zudem einen kruden Bequemlichkeits-Biologismus: Wenn der Knabe nicht lesen will, ist das gewiss genetisch bedingt; wenn er stundenlang am Computer ballert, drückt sich darin irgendwie sein natürliches Technikverständnis aus.

Jungen stottern viermal so häufig wie ihre Schwestern

Es gibt eine Vielzahl von Hinweisen darauf, dass diese zwiespältige Erziehung und die geschlechtsspezifische Medien-Fehlnutzung dem männlichen Nachwuchs nicht gut tun: Jungen sind viel häufiger verhaltensauffällig als Mädchen, stottern viermal so oft wie ihre Schwestern und leiden, unterschiedlichen Schätzungen zufolge, drei- bis siebenmal so häufig wie die Mädchen am Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS). Das alles macht die Jungen zu schwierigen Kindergarten- und Schulkindern. Dementsprechend schlechter fallen auch ihre Leistungen aus.

Zweites Alarmsignal: Kriminalität ist männlich. Die Gewaltkriminalität, die Delikte wie gefährliche Körperverletzung, Mord und Totschlag, Geiselnahme und Vergewaltigung umfasst, hat sich seit Mitte der achtziger Jahre verdoppelt – und sie ist fest in männlicher Hand. Männer sind siebenmal so häufig des Mordes und zwölfmal so häufig des Raubmordes verdächtig wie Frauen, werden fünfmal öfter der Körperverletzung und achtmal öfter der Sachbeschädigung bezichtigt und begehen den Großteil aller Verkehrsdelikte.

Ihr Verlierer!

Der kriminelle Trend ist auch beim Nachwuchs ungebrochen: Zwar ist die Jugendkriminalität insgesamt rückläufig, aber die (männlichen) Gewaltdelikte wie Körperverletzung haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Männerforscher Hollstein hat ausgerechnet, dass das Ausagieren »fehlgeleiteter Männlichkeit« pro Jahr Folgekosten von 15 Milliarden Euro verursacht – ein Drittel des Hartz-IV-Budgets und ein interessantes Einsparpotenzial. Die männliche Aggression richtet sich direkt oder indirekt vor allem gegen das eigene Geschlecht: Männer verletzen nicht nur andere Männer, sondern begehen auch dreimal so häufig Selbstmord wie Frauen, sie sind viel häufiger obdachlos, drogen- oder alkoholabhängig und sterben im Schnitt sechs Jahre früher – offenbar infolge einer Mischung aus Veranlagung und einem Hang zu ungesunder Lebensweise.

Drittes Alarmsignal: Die Veränderungen des Arbeitsmarktes bedrohen vor allem die Männer. Der Arbeitsmarkt ist für viele Menschen in Deutschland ein unerfreuliches Thema: für Berufsanfänger, die zu endlosen unbezahlten Praktika genötigt werden; für leistungsstarke 60-Jährige, die man aus dem Job verdrängt; für Eltern mit Kindern, die den Flexibilitätserwartungen ihrer Chefs nur schwer entsprechen können; für Geringqualifizierte. Vor allem aber sind die Strukturveränderungen des Arbeitsmarktes ein Problem für Männer. Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft vernichtet vor allem einfache Arbeitsplätze und solche, für die man Körperkraft aufwenden muss.

Seit 1975 ist die Quote der weiblichen Erwerbsbeteiligung von 48Prozent auf über 65Prozent geklettert, während die männliche Erwerbstätigkeit auf unter 80 Prozent sank. Seit 1991 sind 1,9 Millionen Männerarbeitsplätze abgebaut worden, die Frauen hingegen gewannen 1,4 Millionen Jobs hinzu. Sie stellen inzwischen fast die Hälfte aller Erwerbstätigen in Deutschland. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass wiederum fast die Hälfte der Frauen in Teilzeit arbeitet und dadurch Nachteile beim Einkommen, bei der Karriere und der sozialen Sicherung hat. Trotzdem gehört die Zukunft auf dem Arbeitsmarkt eindeutig den Frauen. Die Männer können einstweilen nur verlieren.

Viertes Alarmsignal: Der Mann weiß nicht, was er noch mit einer Familie soll. Über Jahrtausende gehörte die Rolle des Erzeugers, Vaters, Ernährers und Familienoberhaupts zum allgemein verbindlichen Männlichkeitsprogramm. Diese Rolle ist in Auflösung begriffen. Es gibt keine Gesellschaft mehr, die dem jungen Mann mit einem bestimmten Bild von »Erwachsenheit« oder »Bürgerlichkeit« gegenübertritt, zu dem notwendig Ehefrau und Kinder gehören. Der flexible Single-Mann gilt Personalchefs heute als genauso seriös wie 1960 der junge Familienvater. Aber er ist es nicht.

Menschen in Deutschland werden heute (wenn überhaupt) erst mit Anfang 30 Eltern. Und während wir es gewohnt waren, den Grund für dieses Hinausschieben bei den jungen Frauen zu suchen, die ihre Karrierevorstellungen ausleben wollen, kann man langsam wohl doch von verweigerter Vaterschaft sprechen: Es streiken Männer, die im Falle der Familiengründung keine außerfämiliären Prestigegewinne, sondern innerfamiliäre Hausarbeiten fürchten. Bei den männlichen Akademikern etwa nahm die Kinderlosigkeit viel stärker zu als bei ihren Kolleginnen: von 16Prozent im Jahr 1971 auf 36 Prozent heute (nur 33Prozent der Akademikerinnen bis 45 Jahre bleiben kinderlos). Auch von den 35- bis 40-jährigen Hauptschulabsolventen leben deutlich mehr Männer allein und ohne Nachwuchs (34 Prozent) als Frauen (19 Prozent).

Hermaphroditen? Keine Vorbilder für den Mann neuen Typs

Vielleicht spekulieren einige Männer darauf, in Fortpflanzungsfragen keiner biologischen Uhr unterworfen zu sein: Doch auch für Männer sinken die Chancen, überhaupt noch Vater zu werden, von Mitte 30 an signifikant.

Ihr Verlierer!

Fünftes Alarmsignal: Es gibt kein Vorbild für einen Mann neuen Typs. Es sei nicht schwer, heutzutage gute Schauspieler zu finden, sagt Daniel Karasek, Generalintendant der Kieler Bühnen. »Aber einen Stierkämpfer, so einen richtigen Brocken, einen Marlon Brando kriegen Sie kaum noch.« Diese Art Nachwuchs komme an den Schauspielschulen so gut wie gar nicht mehr vor, die männlichen Darsteller seien sensibler, brauchten mehr Pflege.

Der pflegebedürftige Mann, egal, ob auf der Bühne, im Bett oder in der Küche, ist aber sicher nicht das, was die vielfach belastete Frau des 21. Jahrhunderts braucht. Sie will jemanden, der sich für Kinder und Haushalt verantwortlich fühlt – wie sie. Und seinen Beruf mag – wie sie. Der schlichte Rollentausch führt zu schwer mess-, aber allseits spürbarer Unzufriedenheit. Das Zauberwort lautet: Partnerschaft. Man muss zugeben, dass es für die Männer schwierig ist, Vorbilder für das moderne Partnerschaftsideal zu finden – sei es im Film, in der Literatur, in der Politik.

Selbst die Power-Clintons haben Partnerschaft eher gewollt und gepredigt als gelebt, aber immerhin. Romangestalten der letzten Jahre halfen der männlichen Identität auch nicht unbedingt auf: weder der Hermaphrodit aus Jeffrey Eugenides’ Middlesex noch die zutiefst depressiven Familienväter aus Jonathan Franzens Corrections. Schmerzlich fehlt Männern ein Feindbild – die Frauen unterdrücken sie schließlich nicht, sie verändern sich selbst nur unfair schnell. Und sie wissten natürlich, was zu tun ist. Aber es kommt nie besonders gut an, wenn Länderzwerge wie Estland dem deutschen Riesen Ratschläge erteilen.

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