Das Zentrum Europas ist fast menschenleer. Das Zentrum Europas? Hier in den Waldkarpaten? Jenseits der Straße rauscht der Fluss Theiß vor sich hin, so gut wie niemand schaut ihm dabei zu. Nur gelegentlich verirrt sich ein Autofahrer aus dem nahen Rachiw, einem Städchen mit rund 15000 Einwohnern, an diesen entlegenen Ort am südwestlichen Rand der Ukraine. Hier, kurz vor der rumänischen Grenze, steht die steinerne Originalsäule, die österreichisch-ungarische Geografen einst in diesen weltentfernen Reichszipfel pflanzten. Ihre lateinische Inschrift lautet: Baracken mit Seeblick- die unter Stalin deportierten Krimtataren kehren zurück und sichern sich so ein Stück Heimat BILD

»Ständiger, genauer, ewiger Ort. Zentrum Europas, festgelegt im Jahr 1887.«

Den Sommer über sitzt Nikolaj Najkalo neben der Säule. Er zwirbelt seinen bis ans Kinn heruntergezogenen Schnauzbart und wartet auf Touristen, die sich mit seinem Bären fotografieren lassen. Damit es lustiger aussieht, zieht er dem mottenzerfressenen, ausgestopften Pelzbalg eine Trachtenjacke des hiesigen Bergvolkes der Huzulen über. In diesem Jahr muss Najkalo öfter die tierliebenden Touristen aus dem Westen beruhigen, der Bär sei bereits vor 130 Jahren geschossen worden und habe dabei sicher wenig gelitten.

»Es kommen mehr Menschen aus Europa, da die Ukraine demokratischer geworden ist«, sagt Najkalo, den man sich als hartgesottenen Optimisten vorstellen muss. In sowjetischer Zeit lag die geografische Mittelsäule Europas verriegelt im grenznahen Sperrgebiet. Heute liegt sie im Herzen der europäischen Achtlosigkeit.

Im vorletzten Winter ist Najkolo für den damaligen Oppositionskandidaten Wiktor Juschtschenko auf die Straße gegangen. Gut achtzig Prozent der Bürger von Rachiw stimmten für die Heldenfigur der Kiewer Revolution. Als Präsident hat Juschtschenko bis heute viele seiner Versprechen nicht eingelöst und seine Anhänger enttäuscht. So schwört der Direktor des Hotels Europa in Rachin mit derselben Inbrunst, mit der er als Oppositionspilger einst unter der orangefarbenen Fahne nach Kiew gezogen ist, er werde ihn nie wieder wählen. Najkalo aber gibt sich gelassen: Wer ganze Sommer im leeren Zentrum Europas ausharrt, um auf die paar raren Touristen zu warten, der gewährt auch Revolutionären etwas mehr Zeit.

Erst der orangefarbene Umbruch rückte die Ukraine – das flächenmäßig größte rein in Europa gelegene Land – ins europäische Bewusstsein. Der vierwöchige Aufstand Hunderttausender im Schnee des Kiewer Unabhängigkeitsplatzes hat das Bild des Nachbarlandes der EU, das sich irgendwo zwischen vorrussischer Steppe und nachsowjetischer Trauer zu verlieren schien, zwar aufgehellt. Und doch bleibt die Ukraine mit ihren 48 Millionen Einwohnern eine Terra incognita, ein Völkerlaboratorium, dessen Grenzverwischungen im vorigen Jahrhundert den Kartografen keine Ruhe gönnten.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Europa für viele Ukrainer wieder zum realen Maß von Freiheit und Demokratie, Wohlstand und Kultur. Die Kluft zwischen Westsehnsucht und östlicher Mentalität klafft noch weit, aber langsam, langsam treibt die Ukraine nach Europa. Wie in Wolynien, wo trotz aller Erinnerungen an Vertreibung und Tod der alte Hass dem friedlichen Ausgleich weicht.