Es begann in aller Herrgottsfrüh. Der Tiroler Schafbauer und Publizist Markus Wilhelm, 48, döste im Sommer vor zwei Jahren noch friedlich vor sich hin, als ihn eine Radionachricht aus dem Halbschlaf riss: Im Ötztal solle ein Wasserkraftwerk gebaut werden. »Nein!«, schrie Wilhelm. »Nicht schon wieder!« Er sprang aus dem Bett und kletterte auf seinen Dachboden. In Kartons verpackt, lagerten dort oben noch die alten Kraftwerkspläne des Tiroler Energieversorgers Tiwag. Er klopfte den Staub von den Unterlagen – und nahm den Kampf auf.

Jetzt steckt Wilhelm mittendrin in dieser mitunter verwirrenden, aber sehr exemplarischen Inszenierung der David-gegen-Goliath-Legende: Eine mächtige Lobby aus Landespolitikern und Stromerzeugern will in einem der wenigen noch unangetasteten Tälern des Landes die Gebirgsbäche hinter einer hohen Betonmauer aufstauen. In den vergangenen zwei Jahren hat die unerschrockene Ein-Mann-Bürgerinitiative Wilhelm viel Verstärkung bekommen und seltsame Machenschaften aufgedeckt. Der Stromerzeuger sah sich gezwungen, alternative Pläne zu entwickeln. Doch in welches Tal er auch ausweichen wollte, immer legten sich betroffene Bürger quer. Inzwischen kämpfen von Osttirol bis zum Arlberg zehn Initiativen gemeinsam gegen neue Pumpspeicher, Staumauern und Stromleitungen. »Sie lassen sich nicht auseinander dividieren«, sagt Markus Wilhelm. Gastwirte und Zimmervermieter legten ihren Gästen Unterschriftenlisten neben das Frühstücksei. Sie fürchten, sagt Martin Gstrein, Inhaber einer kleinen Frühstückspension im Bergsteigerdorf Vent, die »wilde Bauerei« werde den sanften Tourismus umbringen.

Für die in Landesbesitz stehende Tiroler Wasserkraftgesellschaft (Tiwag) geht es jedoch längst nicht nur um die unberührte Berglandschaft. Der Streit um das Kraftwerk führt vielmehr vor Augen, wie das Energieunternehmen am internationalen Finanzmarkt zu Geld kommt und Kritiker unter Druck gesetzt werden.

Als »undankbares Gesindel« beschimpfte Landeshauptmann Herwig van Staa neulich die rebellischen Osttiroler. Wenn der politische Wille mit jenem der Bevölkerung kollidiert, ging es in Tirol schon immer deftig zu. Das war vor 20 Jahren nicht anders, als Peter Hasslacher, Leiter der Abteilung Raumplanung im Österreichischen Alpenverein, an vorderster Front gegen das Kraftwerk Dorfertal protestierte. Damals hatten die Befürworter und Gegner noch »ernsthaft geredet«, heute überflutet die Tiwag jedoch die Bevölkerung mit Werbeseiten. Tirols Medien kommen unter Druck: Vor einem Jahr kippte der Chefredakteur des ORF-Tirol, Markus Sommersacher, per Weisung drei Beiträge über Kraftwerksproteste aus dem Programm. Kurz darauf enthüllte ein anonym gebliebener ORF-Mitarbeiter auf der Online-Seite der Tageszeitung Standard, die Tiwag habe dem Sender gedroht, Werbespots und Sponsorenverträge zu kündigen. Eilig versicherte Tiwag-Chef Bruno Wallnöfer, sein Unternehmen sei doch gar nicht in der Lage, Druck auszuüben. Dann sagte er: »Natürlich prüfen wir die Berichterstattung, denn wir fühlen uns vom ORF nicht gut behandelt.«

Der Widerstand scheint sich zu lohnen: Von anfänglich 16 diskutierten Kraftwerksvarianten stehen nur noch vier auf der Agenda. Doch auch mit diesen Plänen, so haben die Kraftwerksgegner penibel erforscht, würde die Tiwag 33 Gebirgsbäche in »ihre Gewalt bringen« – vom Hochjochbach bis zur Gurgler Ache.

Noch vor dem Sommer will nun die Landesregierung entscheiden, welche der Varianten weiter vorangetrieben wird. Eine PR-Initiative mit dem Titel Dialog und Begegnung sollte im Vorfeld die widerspenstigen Bürger für die zwei größten Vorhaben gewinnen: den Ausbau des Kraftwerks Kaunertal in den Ötztaler Alpen sowie den Ausbau des Kraftwerks Sellrain-Silz. Mit beiden ließe sich ordentlich Geld verdienen. Die Ötztaler Alpen verfügen über die größte geschlossene Gletscherfläche und die größte Massenerhebung der Ostalpen weit und breit. Es stürzt reichlich Wasser steil zu Tal: paradiesische Zustände für einen Stromerzeuger. »Aufgrund der drohenden Knappheit in Europa können wir es uns gar nicht leisten, auf diese Ressourcen zu verzichten«, behauptet Tiwag-Chef Wallnöfer.

»Mit diesem Kraftwerk wird Tirol Europa nicht retten können«