Es sind berühmte Zeilen und mit die pointiertesten über Theodor Fontane, die sich denken lassen. Denn Thomas Mann hatte schon Recht, als er sein Ausrufezeichen setzte. »Die Mache!«, schrieb er, sei das Eigentliche am Stechlin. Und setzte fort: »Zum Schluß stirbt ein Alter, und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht. Von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskonflikten oder Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen findet sich nichts.« Und trotzdem kann man den Stechlin nicht gewissermaßen nebenbei lesen, wie man ihn auch nicht nebenbei hören kann. Nebenbei in kunstvollstem Sinn ist Theodor Fontane nur selbst, und fordert doch immer höchste Aufmerksamkeit – auch beim präzisen und zart ironischen Vorleser.

Otto Mellies nun trifft den Ton, den man als Erzähler hier braucht, ganz genau. Er pendelt mit gerade so viel Virtuosität wie eben nötig (und erlaubt) zwischen dem märkischen Gut und dem gräflichen Haus in Berlin, jede Pointe wird allerfeinst dosiert. Man fühlt sich also vorerst gut aufgehoben. Allerdings nimmt es die Textfassung nicht ganz genau mit dem Fontaneschen Entwurf, denn am Ende schnurren die Seiten dann doch zusammen auf eine Gesamtlänge von gut 530 Minuten. Im Nu ist das ausgehört, wie von selbst schiebt sich ein Silberling nach dem anderen ins Gerät.

Und doch ist dies nicht der ganze Stechlin. Wenn nämlich, nur zum Beispiel, sich Dubslav und Begleitung zum ersten Mal auf den Weg zum Turm machen, dann darf Dubslav zwar immer noch seinen wotanartigen Filzhut aufsetzen, womit zunächst alles seine Ordnung hat. Dann aber wird etwas ausgelassen, und es ist nichts Geringes. Warum nämlich der Weg zum Turm entlang der Taxushecke Poetensteig heißt und warum die Mutter diesen »anspruchsvollen Namen« eingeführt hat (was sich Dubslavs Kenntnis wieder entzieht), erfährt der Hörer an diesem Orte nicht. Hopplahopp steht Otto Mellies stattdessen direkt auf den Turm. Die Regie spart hier für den Hörer, aber der gewiefte Fontane-Leser merkt auf. Da war doch noch was?! Zum Glück stehen die Zeilen gedruckt zwischen zwei Deckeln. Ja, immer wieder: zum Glück!