Deutschland als schwarzrotgoldenes Fahnenmeer: Noch vor zehn Jahren wäre das für viele ein Grund gewesen, das Land zu verlassen. Selbst vor zwei Wochen, als die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet wurde, hat niemand mit diesen Bildern gerechnet. Vielleicht kann eine kleine Szene abseits des großen Trubels helfen, zu verstehen, was sich im Land verändert hat. Berlin-Kreuzberg, vergangene Woche, im Garten der Kneipe Lido. Die Veranstalter haben Klappstühle in den Kies gesetzt und Fernsehgeräte aufgebaut. Zweihundert Fußballfans haben sich versammelt, um das Spiel Deutschland gegen Polen zu sehen. Das Publikum: die meisten zwischen 20 und 35, in Jeans und T-Shirt, linkes, alternatives Milieu, viele Studenten. Fragt man einige, was sie gewählt haben bei der Bundestagswahl, hört man »Grün«, »Grün« und noch mal »Grün«, manchmal »SPD«, selten »Linkspartei« und einmal »CDU«. Sie tragen Deutschland-Trikots hier, in der Retro-Variante mit geschnürtem Kragen, so wie Jürgen Klopp es im Fernsehen vorführt. Frauen haben sich die Wangen schwarzrotgold bemalt, Fahnen werden geschwenkt, ganz unironisch. Es ist ein Nationalgefühl, das nicht nationalistisch wirkt. Es fühlt sich leicht an, nicht bedrohlich. BILD

Ganz hinten sitzt ein Bundestagsabgeordneter, den wohl viele der Deutschlandtrikot-Träger im vergangenen September gewählt haben, der Grüne Hans-Christian Ströbele, die Haare grau, das Hemd roséfarben. Ströbele ist kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs geboren, im Sommer 1939. Er hat Nazideutschland als Kind erlebt, er ist in der anfangs restaurativen Bundesrepublik aufgewachsen. Seine Generation hat frischen Wind ins Land geblasen. Er ist der Linksaußen seiner Partei, mit deutschem Patriotismus kann er nichts anfangen. »Ich finde das Fahnenschwenken nicht unbedingt gut«, sagte er im Fernsehen, »wir haben auch eine jüngere Vergangenheit, die uns alles andere sein lässt als stolz.« Und doch sitzt er an diesem Abend unter fahnenschwenkenden Fans, die nicht lachen, wenn sie miterleben, wie im Stadion die Nationalhymne mitgesungen wird. Was macht Ströbele? Seine Augen wandern durch die Reihen. Hier sitzen keine Nationalisten, hier sitzen seine Wähler. Ströbele bleibt. Als Deutschland gewinnt und die Menschen um ihn herum sich vor Freude um den Hals fallen, da steht auch er auf und jubelt. Er lächelt, leicht verwundert.

Der Mann ist mit seiner Verwunderung nicht allein. Da berichten Eltern, dass ihre Kinder aus der Schule kommen und sich eine Deutschlands-Fahne wünschen. Väter ertappen sich dabei, wie sie am Wochenende durch die Hamburger Innenstadt hetzen, um ihrem Sohn auch eine Fahne zu kaufen. Und nach dem ersten Zögern denken: Nein, mein Sohn ist kein Nationalist. Er ist nur jünger, er ist anders geprägt als ich.

Diese andere Prägung betrifft nicht nur 10-Jährige, sondern auch große Teile des Publikums, das im »Lido« feierte, meine Generation. Mir ist an diesem Abend mein alter englischer Geschichtslehrer eingefallen. Einige Monate vor der Wiedervereinigung war ich 1990 als Gastschüler nach Plymouth gegangen. Es war kurz vor meinem 16. Geburtstag, als mich der Lehrer am ersten Schultag bat, vor der Klasse aufzustehen. Ich war kaum aufgestanden, da fragte er: » Why shouldn’t I be afraid of a reunified Germany, young German man? « Angst vor Deutschland? Ich war überrascht. Angst vor meinen Eltern und Freunden? Angst vor Helmut Kohl? Vor mir? Mir war bewusst, dass Mister Bonham ein »Viertes Reich« befürchtete, ich ahnte, dass er schlechte Erfahrungen mit Nazideutschland gemacht haben musste. Ich konnte seine Befürchtungen nachvollziehen, aber ich konnte in Deutschland beim besten Willen nichts entdecken, was ihm hätte Angst machen können. Als ich ihm das gesagt hatte, antworte er: »Mein Verstand meint, ich solle keine Angst haben vor Ihrer Generation. Meine Gefühle kann ich nicht so leicht steuern. Trotzdem danke, junger Mann.« Schade eigentlich, dass Mister Bonham nicht im Lido war.

16 Jahre später. Eine halbe Million Deutschland-Fahnen wurden verkauft. Man kann Speiseeis und Kaffeetassen, Socken und Seife in eben jener Farbkombination erwerben, die Studenten in Jena 1815 erstmals verwendeten, als sie nach einem deutschen Nationalstaat strebten. Manche sind sicher, dass diese Euphorie mit Patriotismus nichts zu tun hat: Es handele sich nur um ein Party-Phänomen, man wolle beim großen Event mitfeiern, und das sei alles. Es ist nicht die ganze Wahrheit. Denn würde Schwarzrotgold als belastetes Symbol wahrgenommen, würden die Menschen bei ihren WM-Feiern darauf verzichten.

Das Schwenken der deutschen Fahnen könnte befremdlich wirken, wenn ausschließlich deutsche Fahnen geschwenkt würden. Und die Aggressivität der Bild - Zeitung, die »Schwarz-rot-geil« titelt und Michael Ballack kritisiert, wenn er ein »Italia«-T-Shirt trägt, wirkt wie üblich überdreht. Doch das Schwarzrotgold mischt sich in den Straßen mit brasilianischem Grün-Gelb oder mit kroatischem Rot-Weiß. Dieses Farbenfestival zeigt ein großes Nebeneinander, kein Gegeneinander. Und so ist es wohl eins von vielen kleinen Zeichen, als vor ein paar Tagen in der Berliner U-Bahn ein vielleicht 16-jähriges Mädchen in sein Handy spricht. Auf ihren Rucksack sind zwei Sticker mit Nationalfahnen genäht: Deutschland und Jamaika, das Land, in dem die Rastafrisur erfunden wurde, die das Mädchen trägt. Zum Abschied sagt es ins Telefon, dass sie und die anderen Schüler nun zum Holocaust-Mahnmal fahren. Die jungen Deutschen werden sich mit der Geschichte ihres Landes auseinander setzen, in der Schule, auf der Universität, in den Medien. Wer Berlin besucht oder in der Hauptstadt lebt, kann den dunklen Kapiteln deutscher Geschichte ohnehin nicht aus dem Weg gehen. Am Phänomen Berlin lässt sich aber auch der Wandel des Landes illustrieren. Die Ängste nach dem Hauptstadtbeschluss, Berlin werde wieder die auftrumpfende Wirkung der preußisch geprägten Reichshauptstadt entfalten, wurden nicht bestätigt. Im Gegenteil: Wer heute im Ausland sagt, dass er in Berlin lebt, wird beneidet. Berlin ist unter den Jungen, Künstlern und Kreativen einer der beliebtesten Städte der Welt.

Es ist die innere Entspannungspolitik der Deutschen, die nach 1989 langsam einsetzte und nun sichtbar wird. Besonders die Jungen, deren Eltern erst geboren wurden, als das Wirtschaftswunder bereits zu wirken begann, können sich nicht vorstellen, was es heißt, Angst zu haben vor dem eigenen Land. Deshab kann ein 25-jähriger Nationalspieler wie Christoph Metzelder von »Patriotismus« reden, ohne sich wie ein Revanchist zu fühlen.