Anfang Januar 1933 schrieb Rudolf Heß dem Prinzen August Wilhelm von Preußen einen Brief. Darin dankte er der »Königlichen Hoheit« für den »unermüdlichen Kampf in unseren Reihen«, den »erst eine spätere Geschichtsschreibung voll zu würdigen« vermöge. Hier irrte der Hitler-Intimus: Die deutschen Historiker haben das herausragende Engagement des vierten Sohnes des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. für die Nazi-Bewegung entweder stillschweigend übergangen oder nur einer Fußnote für wert befunden. Diese, wie er findet, sträfliche Vernachlässigung eines wichtigen Kapitels in der Vorgeschichte der »Machtergreifung« von 1933 möchte Lothar Machtan mit seinem Buch Der Kaisersohn bei Hitler beenden. Es schließt an einen Trend der historischen Forschung an, die, ausgehend von der Pionierarbeit Stephan Malinowskis Vom König zum Führer (2003), der Rolle des deutschen Adels zwischen Kaiserreich und »Drittem Reich« neuerdings verstärkt kritische Aufmerksamkeit zuwendet. Prinz August Wilhelm im Gespräch mit Hitler, 1. April 1933 BILD

Lothar Machtan hat vor fünf Jahren von sich reden gemacht, als er versprach, nun endlich Hitlers Geheimnis zu lüften – die Tatsache nämlich, dass der Diktator homosexuell gewesen sei. Für diese Behauptung konnte der Bremer Professor für Geschichte zwar keine stichhaltigen Beweise beibringen, aber das hat den Erfolg des in zehn Sprachen übersetzten Werkes nicht beeinträchtigt. So greift man mit großen Vorbehalten zum neuen Buch – und wird angenehm überrascht. Denn hier kehrt Machtan zur Tugend des Historikers zurück, Aussagen sorgfältig anhand der Quellen zu belegen und sich nicht in haltlosen Spekulationen zu verlieren. Er hat fleißig in den Archiven geforscht, und was er ausgegraben hat, wirft ein Schlaglicht auf Mentalität und politisches Verhalten des deutschen Hochadels auf dem Weg zu Hitler.

Illusionäre Hoffnungen auf eine Restauration der Monarchie

Was trieb den Kaisersohn dazu, sich ab Ende der zwanziger Jahre rückhaltlos in den Dienst Hitlers zu stellen? Und welches Interesse konnte der »Führer« der NSDAP am Hohenzollernspross haben? Diesen beiden Fragen geht Machtan nach. Er zeichnet zunächst ein Psychogramm des 1887 geborenen Prinzen, der ein eher weiches Naturell besaß und daher, anders als seine vier Brüder, auch keine große Neigung für den Soldatenberuf entwickelte. Den Ersten Weltkrieg erlebte er recht komfortabel als Ordonnanzoffizier in der Etappe, zunächst im Westen, später in der Militärverwaltung im Osten. Hier, in der Begegnung mit den Ostjuden, formte sich sein antisemitisches Weltbild. Sein »Hass gegen die Masse dieser Bestien«, schrieb er im Juni 1917 aus Białystok, sei »noch gestiegen«, seit er »täglich gegenüber der Judenschule sitzend durch die geöffneten Fenster die Wahnsinnslaute dieser spektakelsüchtigen Bande mitanhören« müsse.

Zur einschneidenden Erfahrung wurde der 9.November 1918, als die revolutionäre Bewegung der Arbeiter und Soldaten die Hohenzollernmonarchie hinwegfegte. Machtan hat ein aufschlussreiches Dokument entdeckt: einen langen Brief, den Sohn August Wilhelm am 13. November aus Berlin an seinen ins holländische Exil geflüchteten Vater richtete. Aus ihm spricht der Schock über »die letzten, fürchterlichen Tage«, über den »Wahnsinn der Zeit«, dem das »jetzt missgeleitete, verängstigte, todmatte Volk« anheim gefallen sei. Seine Hoffnung setzte der Prinz vorübergehend auf die Mehrheitssozialdemokraten Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann. Denn wenn denen von der radikalen Linken das Heft entwunden werde, dann drohe »die Anarchie in schlimmster Form«.

Tatsächlich bewies die sozialdemokratisch geführte preußische Regierung, wie der Autor verwundert konstatiert, gegenüber der kaiserlichen Familie ein außerordentliches Entgegenkommen. Das Vermögen der Hohenzollern wurde nicht angetastet, die Apanage auch für den Prinzen August Wilhelm nur geringfügig gekürzt, sodass er weiterhin seinen luxuriösen Lebensstil in der Villa Liegnitz in Potsdam pflegen konnte. Gedankt hat er es der neuen, demokratisch legitimierten Macht nicht. Der Republik von Weimar stand er, wie die meisten deutschen Adligen, von Anfang an in erbitterter Feindschaft gegenüber. All sein Sinnen und Trachten richtete sich auf die Wiederherstellung der Hohenzollernmonarchie, und darin wusste er sich mit seinem Vater einig. »Ich werde wiederkommen, aber nur auf den Knien gebeten, und dann werden die Köpfe fliegen«, posaunte Wilhelm II. im Februar 1920. Wessen Köpfe da vor allem rollen sollten, daran ließ der Exkaiser in Doorn in den Gesprächen mit seinem Leibarzt Alfred Haehner keinen Zweifel. Man werde schon sehen, »wenn er zurückkomme, was dann für ein Pogrom veranstaltet werde, aber anders und wirksamer wie alle die in Galizien«, so zitiert Machtan eine von vielen antisemitischen Äußerungen Wilhelms, die im Tagebuch des Leibarztes aus den frühen zwanziger Jahren überliefert sind.

Dieses Buch zeigt: Es war ein trübes Gemisch aus illusionären Restaurationshoffnungen und antidemokratischen, judenfeindlichen Ressentiments, das die Hohenzollernfamilie ins Lager der rechten Republikgegner führte und schließlich auch mit den Nationalsozialisten paktieren ließ. Am weitesten ging hier Prinz August Wilhelm. Nach einem Zwischenspiel im Stahlhelm, dem paramilitärischen Verband der Frontkämpfer, in den Jahren 1927/28 schloss er sich im Herbst 1929 der Hitler-Bewegung an, wurde unter der Nummer »24« in die NSDAP aufgenommen und im November 1931 im Rang eines Standartenführers auch in die SA. Bald war er aus der Umgebung des »Führers« nicht mehr wegzudenken. Als viel gefragter Parteiredner und Spitzenkandidat der NSDAP für die preußischen Landtagswahlen im April 1932 entfaltete er eine rastlose Aktivität. Und als SA-Führer scheute er auch nicht davor zurück, sich an Saalschlachten seiner »Kameraden« mit den Kommunisten zu beteiligen – gewissermaßen als ein nachgeholtes Fronterlebnis.