Aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung, wurde die Republik irgendwann »gut«. Noch Roman Herzog könnte man mit Fug und Recht den Vater der Pauschalkritik nennen. In Südostasien brummt’s, hier nicht! Einen »Ruck« von oben wollte er dem stagnierenden Land verordnen, so als stellten sich die Arbeitsplätze für Millionen schon wieder ein, ja als produzierten die jungen Frauen dann eifrigst Kinder, wenn es zu diesem Mentalitätswandel erst einmal gekommen sei. Alles ein Kopfproblem? Alternativen gibt es nicht, nur den »Ruck«, wie bei Mao den großen Sprung? – Marxsche Verelendungstheorie im Zeitalter des Kapitalismus… Horst Köhler, sorry!, aber es gehört dazu, zeichnete mit seiner Brandrede 2005 das Bild einer Republik, die kaum noch wiederzubeleben ist. Da tauchte er noch ein letztes Mal auf, Herzogs »Ruck«: Ohne klare parlamentarische Mehrheiten werden wir den Sozialstaatsballast und die Überregulierungen, die Krankheit zum Tode, nicht los. Typisch für die Deuschen? BILD

Eine direkte Linie führte von solchen Reden zu den PR-Aktionen, die später die »Initiative Neue soziale Marktwirtschaft« und andere starteten, oder die unter dem Titel Das Beste an Deutschland. 250 Gründe, unser Land heute zu lieben bei Editionen GmbH in Köln erschienen ist. Helmut Kohl, Gartenzwerge, Petra Gerster, alles in Hochglanz. Aus der überschießenden Kritik, die das Land vor dem Kollaps sah, wurde ein noch überschwänglicheres Lob. Sieben Jahre lang schwankte Schröder, ob er der erste Kritiker der verharzten Republik oder der Chefapologet eines prinzipiell intakten Landes sei, das den sozialdemokratischen Grundkonsens der beiden Volksparteien gegen »neoliberale Zumutungen« zäh verteidigen soll.

Wie das »bürgerliche Lager« allmählich umdachte und die Zweifel an der Zukunftsfähigkeit umbog in eine Positivkampagne, das hat minutiös Rudolf Speth für die Hans-Böckler-Stiftung untersucht. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (erdacht von der Agentur Scholz & Friends) sei ein PR-Unternehmen für die Interessen der Wirtschaft, schrieb Speth. Exakt in dieser Initiative, hinter der vor allem der Arbeitgeberverband Gesamtmetall stehe, wie er hinzufügte, zerflossen aber die Grenzen zwischen PR, Journalismus, Wissenschaft, Demoskopie und Politik vollkommen. Cicero sollte das Organ dieser PR-Kampagne werden. Das Resultat konnte man jüngst in ganzseitigen Anzeigen sämtlicher großen Printmedien besichtigen: »Die WM und der Aufschwung. Stürmen oder mauern – welcher Typ sind Sie?« Pessimist, Unentschlossen, Optimist? Erklären Sie den Pleitegeier zum Maskottchen der Großen Koalition? Wechseln Sie sich im entscheidenden Spiel selber ein? Glückwunsch, drei Punkte, so kommt Cup samt Aufschwung zu uns!

»Wir entscheiden«, befindet Florian Langenscheidt im Vorwort seiner Deutschlandoffensive, »ob das Land klagend und schlechtgelaunt im Mittelmaß versinkt oder ob es souverän und selbstbewusst im Chor der Nationen an einer besseren Welt arbeitet.« Daher, meint er, sei ein »emotionaler Turnaround« notwendig. Da ist sie wieder, Kohls »geistig-moralische Wende« aus dem Jahr 1982, diesmal nett und adrett. Hauptsächlich geht es um Psychologie anstelle von Politik. Es geht um die Köpfe. Ruck per Lob! FAZ- Rezensent Andreas Platthaus meinte nach Lektüre, das Buch sei der Beleg, dass es mit einer Heimat nicht zum Besten stehe, die sich ihrer Erstklassigkeit derart versichern müssen.

So ist Deutschland! Mitten in diese Imagekampagne platzte die Nachricht vom Überfall auf den dunkelhäutigen Studenten in Potsdam, und trotz Hochglanzbroschüren, »No-go-Areas« gab es tatsächlich. Nichts konnte derart stören beim Verfertigen eines spezifischen Bildes von der Republik wie gerade solche Einblicke hinter die Kulisse und beim Klopfen auf die eigene Schulter, Deutschland sei ein weltoffenes Land. Fast Erleichterung mischt sich deshalb ja auch jetzt in den Jubel über uns selbst, weil es bei der Weltmeisterschaft so verdammt entspannt und heiter zugeht – nur multikulturell fehlt noch als Attribut. Viel Sehnsucht nach Lob steckt darin, oder?

Nichts gegen Entspanntheit und nichts gegen das Lob dafür, woher denn. Erklärungsbedürftig bleibt dennoch, weshalb es immer wieder gerade die »Fremden« sind, an denen das »Eigene« kenntlich gemacht werden soll. Nur dort, wo sich das »Nationale« mit dem »Fremden« verknüpft, wird eine wirklich empfindliche Stelle berührt. Wie es geht, hat einst Roland Koch mit seinem Überraschungswahlsieg in Hessen bewiesen: In der Bundesrepublik mit ihrer Geschichte muss man immer Offenheit gegenüber anderen Ethnien und Kulturen demonstrieren, aber auf der Basis und hinter dieser Fassade kann man dann gleichzeitig Ressentiments gegen die Fremden bedienen. Mit gutem Gewissen.

Exakt eine Neuauflage kündigte sich seit Monaten wieder an, nach Etablierung der Großen Koalition und vor der WM. Insofern hatte die Integrationsdebatte von vornherein Schlagseite. Pim Fortuyn, Theo van Gogh, Zwangsheiraten, Ehrenmorde in Kreuzberg, die Explosion in Frankreichs Banlieues – die europäische Realität lieferte Munition genug, und sie ist ja auch wirklich jedes Hinsehen wert. Nur wurde sie hierzulande mit seltener Wucht nahezu ausschließlich dazu genutzt, über die »Bringschuld« der Fremden im Lande zu reden.