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Fragt man Rudolf Behr, wozu Salat eigentlich gut sei, holt er tief Luft, fährt rechts ran und lässt den Motor seines Audis noch eine Weile laufen. Im Schatten der Buchen auf einer holprigen Allee zwischen Holtorfsloh und Ohlendorf sortiert ein niedersächsischer Bauer seine Gedanken, Windräder mühen sich kraftlos am Horizont, menschenleere Stille. »Also«, sagt Behr und schaltet den Motor aus, »Salat. Eigentlich ganz einfach.« Am Salat könne man viel erkennen von der Gesellschaft, die den Salat umgibt, aber das sei eine lange Geschichte. Wo soll er da anfangen, er, der 54-jährige rundliche Mann mit den riesigen Gemüsefeldern südlich von Hamburg? Natürlich sei klar, dass die Geschichte bei Arbeitsminister Franz Müntefering ende. Bei Münte endeten ja alle Ohlendorfer Salatgeschichten, und nur seinetwegen zögen sich die Geschichten unnötig in die Länge. »Salat wächst am Boden«, sagt Behr, »da fängt mein Problem an.« BILD

Rudolf Behr ist Deutschlands größter Gemüsebauer. Seine Salate liefert er an die Laderampen von Metro, Rewe, Edeka, Wal-Mart, Tengelmann. 120 Millionen Köpfe Eissalat verkauft er jedes Jahr, 80 Millionen Minirömer, 42 Millionen Kohlrabis. Würde man seine Ernte am Ende eines Jahres auf einen Haufen kippen, könnte man eine ganze Stadt darunter begraben. »Aber erst mal muss man sich bücken, um einen Salat abzuschneiden«, sagt Behr, »und die große Frage ist: Wann lohnt es sich noch, sich zu bücken?«

Eine Antwort soll an diesem Morgen seine Frau Christiane finden. Im Bürohaus neben der hohen Gemüsehalle fährt die Frau des Bauern das Computerprogramm »Ernte« hoch, unruhig streifen ihre Augen durch das Besprechungszimmer: zehn Langzeitarbeitslose, daneben die Betreuer von der Agentur für Arbeit in Lüneburg. Jetzt nur nichts ausplaudern, was die Arbeitslosen vertreiben könnte. Nichts wird Christiane Behr sagen von möglichen Rückenschmerzen, nichts von den 6000 Helfern, die ihr Mann jedes Jahr und bei jedem Wetter auf den Salatfeldern braucht, schon gar nichts von dem neuen Typ Arbeiter, den ihr Mann ständig sucht, bloß nichts von diesem »europäischen Wanderarbeiter«.

Die Kosten für die Gummistiefel übernimmt die Arbeitsagentur

Auf den Fotos, die Christiane Behr zeigt, sitzen Frauen auf einem Erntewagen, hinter ihnen reichen Männer Salatköpfe hoch. »Das mache ich nicht«, flüstert ein arbeitsloser Türke, der schon jetzt genug hat. Sitzenden Frauen arbeite er nicht gebückt hinterher.

Unbefristete Arbeitsverträge, bessere Jobs, mehr Geld – alles denkbar, sagt die Frau des Bauern, aber erst in ein paar Jahren. Jetzt gebe es 5,42 Euro pro Stunde, Schichtarbeit, sonntags Zuschläge, nachts auch. »Wenn Sie durchhalten«, verspricht ein Mann von der Agentur für Arbeit, »kriegen Sie von uns nach jedem Monat 210 Euro Treueprämie. Netto.« – »Auch wir«, fällt der Frau des Bauern ein, »zahlen Ihnen eine Anwesenheitsprämie. 77 Euro im Monat.« Fragen?

»Gibt’s auch Pausen?«, will ein Arbeitsloser wissen, ein anderer: »Wie viel Geld insgesamt?«

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»Im Monat vielleicht 1200 bis 1500 Euro, vielleicht sogar mehr«, antwortet die Frau des Bauern, »je nachdem, wie viel Sie arbeiten.« Die Kosten für Gummistiefel übernehme die Arbeitsagentur.

Der Türke gibt zu Protokoll, dass er O-Beine habe und orthopädische Schuhe benötige. »Die können wir nicht bezahlen«, sagt ein Arbeitsvermittler, »wir werden einen Amtsarzt hinzuziehen.« »Diese Arbeit«, erwidert der Türke, »ist nichts für mich. Glauben Sie mir doch.«

Leider habe er seinen Sozialversicherungsausweis verloren, sagt ein Arbeitsloser. Ein junger Dreher erkundigt sich danach, »was der Doktor bei mir draufschreiben soll«, damit der Dreher nicht ernten müsse.

»Haben Sie denn ein Attest?«

»Ja sicher, einen Riesenzettel.«

Die Verhandlungen laufen zäh, aber am Ende wollen neun Arbeitslose bei Behr anfangen, immerhin. »Eckpunkteregelung« nannte Arbeitsminister Müntefering das Experiment im vergangenen Herbst, als er die Saison der Freiwilligkeit ankündigte. Erst Spargel, dann Salat, am Ende Wein. Von April bis November ernten Langzeitarbeitslose, zum ersten Mal ohne Druck. Ziemlich erfolglos wurden Arbeitslose in den Jahren zuvor aufs Feld gezwungen, diesmal läuft es anders. Arbeitslose müssen nicht ernten, sie können das ablehnen. Alle, die sich darauf einlassen, werden »die Freiwilligen« oder »die Bewerber« genannt. Der erste große Feldversuch des Ministers Münte.

In Stade bei Hamburg veranstaltete das Job-Center eine Erntemesse, Plakate warben mit rotwangigen Äpfeln. In Verden an der Aller rief ein Call-Center Arbeitslose an. »Hey, Lust auf Ernte?«, fragte eine Frauenstimme. »Das ist nichts für mich«, antworteten einige sofort und legten auf. Von den 762 Arbeitslosen auf der Telefonliste des Call-Centers haben 172 Interesse.

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Rudolf Behr aus Ohlendorf forderte 3200 ausländische Helfer an, kriegt aber nur 2900 Anträge durch. Die fehlenden 300 Leute müssen Arbeitslose sein, die das Amt in Lüneburg schickt. So ist es jetzt in Deutschland: Höchstens 90 Prozent der Saisonarbeiter, die ein Bauer braucht, dürfen noch aus dem Ausland kommen. »Die Deutschen integrieren« nannte das jemand von der Arbeitsagentur Niedersachsen. Das war Mitte März auf einer dieser Pressekonferenzen, die mit dem Slogan warben: »Saisonarbeit leicht gemacht«.

Einige der Arbeitslosen ziehen mit einer Hacke das Unkraut zwischen den Salatpflanzen weg, als der Bauer Rudolf Behr über den Acker bei Ohlendorf läuft. »Rudi«, ruft ein arbeitsloser Lastwagenfahrer, »ich war schon letztes Jahr hier. Hast du nicht Arbeit auf einem Trecker für mich?« Rudolf Behr schüttelt den Kopf.

»Rudi, warum ich?«, hat der Leiter eines Erntewagens gefragt. »Warum muss ich die Arbeitslosen nehmen? Warum machen wir das ganze Theater überhaupt mit?«

»Weil das politisch gewollt ist«, hat Behr geantwortet, »ganz einfach.« Rudolf Behr liebt einfache Sachen, gerne sagt er: »Das Leben ist einfach. Manche machen es sich nur kompliziert.« Danach bricht er in ein glucksendes Lachen aus, weil er sich die komplizierten Menschen vorstellt, die ihre Worte argwöhnisch prüfen, bevor sie daraus Papiere machen. Wenn die vom Arbeitsamt eine neue Idee haben, antwortet er ihnen manchmal »Quatsch«, zieht aber immer mit.

Sein Optimismus ist so verlässlich wie der Sonnenaufgang, weil Behr nie über etwas urteilen will, das er nicht kennt, und sich über Fehler nur sehr selten ärgern kann. Läuft er zum Beispiel auf dem Budapester Flughafen in letzter Minute zum falschen Abfertigungsschalter, guckt er sich verdutzt um und sagt vergnügt: »Da habe ich wohl wieder einen Fehler gemacht.« Schon über Kleinigkeiten kann er sich freuen wie ein Kind, über einen lustigen Reim in einem Gedicht von Wilhelm Busch, einen erlösenden Regenschauer. Rudolf Behr ist in der Lage, ein Stück Käsekuchen eine kleine Ewigkeit anzulächeln.

Jede Gesellschaft, so die Theorie, kriegt den Salat, den sie verdient

Einem Film von Detlev Buck könnte er entsprungen sein. Als sei er, nachdem die Zuschauer den Kinosaal verlassen hatten, von der Leinwand gestiegen und triumphierend in die Wirklichkeit gestapft. Sagt einer beiläufig: »Rudi, komm doch mal vorbei«, dann steht Behr ganz sicher bald unangemeldet vor der Haustür und ruft fröhlich: »Moin, da bin ich!« Das Direkte kommt ihm ganz natürlich vor, das Verschlungene ist ihm verdächtig. »Ich bin Bauer«, sagt er, »das kann auch eine gute Entschuldigung sein.« BILD

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Neueste Bewässerungsmaschinen aus Amerika hat er angeschafft, GPS-Systeme, die Abteilung Agrarmanagement zog in sein Bürohaus ein, sogar eine Mannschaft mit dem Namen »Erntesteuerung«. 400 Angestellte arbeiten für ihn, den Vorstandsvorsitzenden der Behr Aktiengesellschaft, und doch seien alle abhängig von einem blöden Detail: »Salat. Da geht es immer um die Köpfe. Die müssen wir selber abschneiden.«

Die Arbeitslosen üben noch, hacken auf einem Feld, drei Tage lang. »Wie läuft’s?«, fragt Behr, und Mustafa, der Türke, nickt stumm. Er hat die Neuen anzuleiten. Auch er schnitt lange Zeit Salate, als er vor vielen Jahren bei Behr anfing, wie die meisten, die auf dem Hof eine kleine Karriere gemacht haben.

Am nächsten Tag sagt der arbeitslose Lastwagenfahrer, ihm sei schlecht, dann geht er heim. Am Tag danach sagt einer der Arbeitslosen, er habe um 17 Uhr einen Termin beim Neurologen. Als der Betriebsleiter bekannt gibt, dass man wegen des guten Wetters und der vielen Bestellungen jetzt auch samstags und sonntags aufs Feld müsse, antwortet ein Arbeitsloser: »Ich arbeite nicht auf Leistung. Ich habe eine 39-Stunden-Woche.« – »Die Leistung wird aber von uns festgelegt«, entgegnet der Betriebsleiter, »bei VW bestimmt auch nicht der Arbeiter, wie schnell das Band läuft.«

Die Sonne setzt sich durch, ein lauer Wind zieht auf, und Rudolf Behr freut sich schon über das gute Erntewetter. An diesem Morgen vergisst ein Arbeitsloser, sich rechtzeitig mit Sonnencreme einzureiben. Am Mittag sind sein Gesicht und sein Nacken verbrannt. »Bitte schmeißen Sie mich raus«, sagt der Mann dem Betriebsleiter, »bitte schreiben Sie: Nicht geeignet.« Stehen diese beiden Wörter auf dem Zettel fürs Amt, kann der Staat das Arbeitslosengeld nicht kürzen. Nur gegen Unwillige kann er etwas unternehmen. Behr lässt den Mann gehen.

Erntehelfer aus Polen unterstützen die Arbeitslosen auf dem Acker, damit der Akkordlohn für die ganze Gruppe nicht gefährdet ist. »Den Polen muss ich erklären«, sagt der Betriebsleiter, »warum die Deutschen besonders behandelt werden. Warum die morgens erst um acht anfangen statt um vier. Warum die an Wochenenden nicht kommen.« Auch die Angestellten im Bürohaus begannen zu murren, als sie hörten, dass ein Kleinbus die Arbeitslosen zu Hause abholen sollte. »Warum macht ihr so einen Zirkus? Uns holt auch keiner zu Hause ab.« Mittlerweile fährt der Bus sowieso nicht mehr, weil der Fahrer an vielen Wohnungstüren vergeblich klingelte und an manchen Tagen ohne einen einzigen Fahrgast zurückkehrte.

In Ohlendorf versickert Regenwasser auf den Feldern, als Rudolf Behr in ein Land aufbricht, das ihn zu faszinieren begann, seit er dort das erste Mal aus einem Flugzeug stieg, mit einem Mietwagen am erstbesten Acker hielt, niederkniete und die fremde Erde zwischen seinen Fingern zerrieb. »Humus, so dunkel!«, schwärmte er. Danach kaufte er in Westrumänien hundert Hektar Ackerland, was nicht so einfach war, weil italienische Mafiabosse das Gleiche vorhatten. Ein entlegener Acker, dessen Ernte über Nacht verderben und dann fast spurlos verschwinden kann, ist ein Lieblingsobjekt von Geldwäschern. »Ins Ausland gehen nur die Innovativen und die Kriminellen«, sagt Behr und gluckst los. »Sie können sich aussuchen, was ich für einer bin.«

Als Behr auf dem regennassen Feld nahe der rumänischen Stadt Jimbolia die Arbeiter sieht, schimpft er los: »Die sollen die jungen Pflanzen nicht in die Pampe setzen!« Behrs Sohn ist mit dem Auto aus Ohlendorf gekommen, er hat Maschinen über die Grenze gebracht und übernimmt Rumänien, solange sich hier niemand mit Salat auskennt. Der Rumäne, der über die Arbeiter auf dem Acker wacht, sagt: »Ich bin der Chef, habe aber keine Ahnung.« Behr sagt: »Der war bis vor kurzem Pilot, der weiß nur, dass er nicht ins Gewitter fliegen darf.«

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In den Städten machen jetzt Real und Tengelmann ihre Supermärkte auf, McDonald’s ist hier schon überall. »Wir müssen hinterher«, sagt Behr, »die Zulieferer sind den Autofirmen auch nach Brasilien gefolgt.« Die neue Elite in Rumänien nimmt westliche Gewohnheiten an, will keinen Weißkohl mehr, sondern bunte knackige Salate. Rudolf Behr hat sich auf den Weg gemacht, einen Epochenwechsel zu unterfüttern.

An diesem Punkt setzt Behrs Gesellschaftslehre vom Salat an. Seine Theorie geht so: Jede Gesellschaft kriegt den Salat, den sie verdient. Beiläufig kommt er darauf zu sprechen, überbewerten dürfe man das Theoretische nicht. Es wird sonst schnell »philosophisch«, wertlos wie verhagelter Blumenkohl. Die Theorie von der Weißkohl-Gesellschaft hat Behr in vielen Kulturen geprüft, wobei er unter Kulturen in erster Linie Salatkulturen versteht. Er sagt: »Wenn plötzlich ein Land frische bunte Blätter essen will, dann ist es passiert. Dann ist die Weißkohl-Phase vorbei.« Die Weißkohl-Phase sei typisch für das kommunistische Osteuropa gewesen, auch noch für das postkommunistische. Neben Weißkohl wurden Zwiebeln angebaut, Gurken, Paprika. Einfaches, robustes Gemüse, das satt macht. Geerntet in Handarbeit, für eine Gesellschaft der Handarbeiter.

Der Westen hingegen, sagt Behr, habe schon vor über 20 Jahren den Eissalat entdeckt, an den Salatbuffets der amerikanischen Steakhäuser fing es an. Eissalat, die modische Speise für Dicke und Büromenschen, Ersatznahrung für eine unbewegliche Gesellschaft, die schon lange satt ist und dringend abnehmen muss. Dem Eissalat folgten später der schmalblättrige Rucola-Salat, der aufgedonnerte Lollo rosso, der kompakte Minirömer, das Finger-Food der Singles, Witwen und Geschiedenen. »Kein normaler Mensch, der Hunger hat, holt sich einen Salat«, sagt Behr, der seinen kugeligen Bauch vor sich herschiebt wie einen Beweis für seine Theorie.

Als der deutsche Großbauer sein kleines Büro in der rumänischen Stadt Jimbolia betritt, ist die junge Angestellte Lordana dabei, Bewerbungsbögen zu ordnen. Vor ein paar Monaten ließ Behr ein kleines Schild ans Schaufenster hängen, »Leute für den Gemüseanbau gesucht«. Schnell nahm Lordana das Schild wieder ab, so lang wurden die Menschenschlangen vor dem Büro. 400 Euro Monatslohn verdient ein Erntehelfer bei Behr in Rumänien, rund doppelt so viel wie ein gewöhnlicher Arbeiter. Der Bürgermeister von Jimbolia schloss den Kultursaal der Stadt auf, Behr zeigte vor staunenden Arbeitergesichtern einen Film über seine Salatkultur, es hagelte Bewerbungen, Lordana sortierte. Früher war sie in der Sozialabteilung der Stadt. Die Faulpelze seien ihr bekannt, sagt sie, nur die Fleißigen dürften anfangen.

Zwei Tage später sitzt Behr schon wieder im Flugzeug. Man kann ihn fragen, wann die nächste Maschine von Carpat Air nach Düsseldorf fliegt, an welchen Wochentagen Air Berlin Kurs auf Andalusien nimmt oder wie viele Kilo Handgepäck in den tschechischen Maschinen erlaubt sind, die in Warschau zwischenlanden. Rudolf Behr ist ein fliegender Bauer, seit er sich in den Kopf gesetzt hat, den »europäischen Wanderarbeiter« zu finden. Einen, der so rastlos ist wie der Unternehmer Behr. »Das Jahr rund machen« will er: während des Sommers in Nordeuropa pflanzen und ernten, im Winter dasselbe im Süden.

Auf die Idee von den Erntehelfern, die dem Salat im Jahreslauf hinterherziehen, kam Behr, als er eine seiner vier Töchter während ihres Auslandssemesters in den USA besuchte. Dort sah er, wie mexikanische Feldarbeiter von Kalifornien aus immer wieder quer durch die Staaten zogen, dem Ernterhythmus der verschiedenen Getreidesorten folgend. Seither fragt sich Behr: Wo stecken Europas Mexikaner?

Polnisch ist die Sprache der deutschen Ernte

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An einem trüben Morgen Ende Mai schickt die Lüneburger Agentur für Arbeit mehr Freiwillige als zwei Wochen zuvor. Die übrig gebliebenen Arbeitslosen aus der ersten Gruppe hacken noch immer auf dem Feld. Eigentlich sollten sie schon mit dem Salatschneiden beginnen, aber sie haben das Startsignal verpasst. Als der Betriebsleiter am frühen Abend bekannt gibt, dass die Ernte im Morgengrauen beginne, sind die Arbeitslosen schon nach Hause gegangen.

Behr braucht dringend Leute. Für jede Stunde, die ein mit Salat beladener Lastwagen verspätet bei einem Supermarkt eintrifft, muss Behr 500 Euro Strafe zahlen. Er kann Großkunden wie Rewe nicht mit seinen Problemen kommen. Schon bei dem Wort »Problem« verdrehen die Einkäufer der Supermarktketten die Augen. Ihre Antworten klingen wie Befehle. »Ware!« Einige fragen: »Sie wollen doch noch unser Lieferant sein, oder?«

»Und weg!«, ruft erleichtert eine arbeitslose Frau, die zu Behr geschickt wurde. Nachdem sie erklärt hat, dass sie nicht wisse, wie sie morgens zum Feld kommen solle, läuft sie eilig vom Hof. Sozialstunden in einem Tierheim müsse er erst hinter sich bringen, sagt ein junger Arbeitsloser. »Ich habe noch einen Minijob und ganz viele Allergien«, sagt ein anderer.

Sogar auf dem Acker, wo die Sprache gewöhnlich so derb ist wie das Wetter, geht das umständliche Argumentieren weiter. Wenn doch wenigstens mal einer käme und sagte: »Herr Behr, ich will diese Arbeit nicht machen.« Oder einfach: »Keinen Bock.« Aber noch nie hat es einer so ausgedrückt. Der meistgesagte Satz auf den Feldern heißt: »Ich will ja arbeiten, aber…« Kündigen Arbeitslose an, dass sie am nächsten Tag nicht mehr erscheinen, klingt das ähnlich gewunden wie bei einem Politiker, der seinen Rücktritt begründen muss. Es ist diese ins Unverbindliche flüchtende Sprache, die Rudolf Behr an der Eissalatgesellschaft stört.

»Kann man sich auf dem Feld aussuchen, was man macht?«, will einer von der Frau des Bauern wissen. Ein Diabetiker erklärt, er dürfe aus gesundheitlichen Gründen nicht nachts aufs Feld. Hier wird eine Vorstellung gegeben, denkt man als Beobachter unwillkürlich, ein volkstümliches Bühnenstück, bei dessen Inszenierung der Regisseur möglichst viele Klischees über Arbeitsunwillige bedienen wollte, am besten alle Klischees auf einmal. Aber hier draußen ist alles echt, und es fällt kein Vorhang.

Auf dem Platz gegenüber der Gemüsehalle geht ein bärtiger Türke lachend in die Knie, krümmt sich wie zum Salatschneiden und ruft: »Die Bewegung kenne ich. Vom Beten nach Mekka.« Es bleibt an diesem Morgen der einzige lustige Satz in einer traurigen Truppe.

Die Polen aus den Wohncontainern begaffen die Arbeitslosen wie steinzeitliche Höhlenbewohner. In grauen Unterhemden stehen die polnischen Arbeiter da, tuscheln mit ihren Frauen, scherzen leise. Einige Polinnen haben ihre Wimpern sorgsam getuscht und ihre Lider an den Rändern grün gemalt. Sie haben sich herausgeputzt, als wollten sie zu einer Verabredung. Aber sie sind nur mit ihrer Arbeit verabredet. »Damit ihr nächstes Jahr wiederkommen dürft, müssen wir jetzt deutsche Arbeitslose beschäftigen«, hat ihnen der deutsche Boss erklärt.

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Ein Spalier aus polnischen Erntehelfern steht aufrecht neben den Arbeitslosen, die ihre Köpfe zwischen den Schultern vergraben, aber weil sie nicht unsichtbar werden, verdrücken sie sich schnell. Jetzt sind die Polen wieder unter sich. Die Hausordnung in den Wohncontainern hängt auf Polnisch aus, Behr hat eine polnische Übersetzerin eingestellt, sogar die Erntewagenchefs, die aus Ghana, Vietnam oder der Türkei stammen, reden polnisch, sobald die Arbeit beginnt. Es ist die Sprache der deutschen Ernte.

Fast jeden Tag kommen Polen an, wuchten Taschen aus bunt bemalten Ford-Transit, schleppen Toaster und Mikrowellengeräte in ihre Blechhütten. »Chef, wohin?«, fragen sie, nachdem sie aus dem Personalbüro ihre Hacke geholt haben, ihr Salatmesser, ihr Bettzeug, ihre Wolldecke. Lehrer sind dabei, Studenten, auch Bauern, die ihre Felder in Polen jetzt von Letten und Litauern billig bewirtschaften lassen.

Weil am nächsten Morgen nicht genug Arbeitslose für einen kompletten Erntewagen zusammenkommen, werden sie aufgeteilt. Es wäre ohnehin nicht gut, alle Arbeitslosen an einer Maschine zu versammeln. Rudolf Behr sieht es immer montags. Dann redet er mit den anderen Vorständen übers Geld. Alles wird ja hier gezählt, Salate pro Kiste, Paletten pro Wagen, Ertrag pro Arbeiter, vor allem die Qualität. Heile Blätter, behutsam verpackte Salate, das sind Leistungspunkte. Je mehr Punkte, desto mehr Lohn. Den Erntewagen mit den Arbeitslosen erkennt Rudolf Behr immer an den dramatisch wenigen Punkten. Da muss er nicht lange vergleichen, jeder Laie sieht das sofort.

Blut tropft auf Salatblätter, einem Neuling passiert das öfter

Der polnische Vorarbeiter hinter der Erntemaschine ist ein »Tausender«. Der matschige Boden ist schwer, trotzdem schafft er tausend Salate in der Stunde. Tausendmal bücken, schneiden, in Folie wickeln, aufs Ernteband legen. Der arbeitslose Deutsche, der neben dem Tausender das Ernten lernt, hat sich in einen Finger geschnitten. Er sei eben geschickter mit Computern, sagt er. Blut tropft auf Salatblätter, einem Neuling passiert das öfter. Sieht man ganz genau hin, erkennt man die Erntereihe der Arbeitslosen an den kleinen roten Tropfen auf den platt getretenen Salatblättern.

Manchmal werfen die polnischen Frauen, die auf dem Wagen die Tüten verkleben, einen schlecht geschnittenen Salat wortlos zurück auf den Acker, weil der Wurzelstumpf zu lang ist oder zu kurz oder weil der Salat zu ungenau in der Tüte steckt. Es kann sehr demütigend sein für einen Computerfachmann, einen Salatkopf aus einer Ackerfurche zu fischen, um ihn nachbearbeiten zu müssen. Niemand sagt »danke«, niemand sagt »bitte«, nur selten spricht überhaupt jemand ein Wort, und wenn es gut läuft, summen die Polen eine Melodie.

Es ist eine Arbeit, für die man nicht zu groß sein sollte, nicht zu dick, nicht zu ungelenkig, nicht zu alt, nicht zu krank, nicht zu wetterfühlig, nicht allzu gebunden an Kita-Zeiten oder andere Termine. Man sollte wie diese Polen sein, die für acht Wochen herreisen, von einer Telefonzelle ihre Geschwister in der Heimat anrufen und sich nach dem Wohl ihrer Kinder erkundigen. Wer etwas für sich in Anspruch nimmt, zum Beispiel freie Zeit an einem bestimmten Tag, der verursacht schnell etwas, was man ganz und gar nicht schätzt auf dem Erntehof – ein großes Problem. Es könnte nämlich sein, dass sich Rewe genau an dem Tag, den man frei haben will, eine Werbekampagne für Römersalat ausdenkt. Es könnte sein, dass Rudolf Behr dann befiehlt: »Ernten! Alle raus!«

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Das Problem der Eissalatgesellschaft, sagt er, bestehe darin, dass sie so abgehoben sei. Man finde immer mehr Leute, die Eissalat essen und immer weniger, die ihn ernten wollen.

Als Rudolf Behr in dem niedersächsischen Dorf Rosenweide bei Hamburg aufwuchs, erschien ihm die Welt schön einfach. Er sei, sagt er, damals immer stur geradeaus gelaufen. Typisch findet er das für sein Leben. Schon als Kind, erzählt Behr, habe man ihm selbst kleinste Umwege nicht beibringen können. Ging er morgens zur Schule, lief er ein paar Meter die Dorfstraße entlang, öffnete eine Haustür, durchquerte die Diele und das Esszimmer einer lieben Nachbarin, rief das vertraute »Moin, Goos-Oma!«, verschwand durch die Hintertür und kehrte mittags immer auf derselben Route zurück. Schon sein Vater habe es so gemacht, bei der Mutter von Goos-Oma.

Erst der Salat hat etwas durcheinander gebracht. Damals hatten die Behrs immer genau drei Kühe, die meist Linda, Lotta oder Paula hießen, und wenn der Blumenkohl auf den Feldern groß genug war, halfen ein paar Frauen aus dem Dorf bei der Ernte mit. Heute fahren die Frauen aus dem Dorf ihre kleinen Töchter nachmittags zum Reitunterricht. Die Eissalatgesellschaft ist aus den Städten aufs Land gewandert.

Als die deutsche Fußballnationalmannschaft Mitte Juni gegen Polen antritt, steht Rudolf Behr mit einem Mikrofon auf einem Anhänger mit leeren Salatkisten und singt die deutsche Hymne. Er singt alleine, seine Stimme leiert, und die braun gebrannten Zuhörer auf den Holzpaletten rufen im Chor: »Polska!« Auf dem Acker hat Polen gegen Deutschland schon gewonnen, jetzt soll es noch auf dem Rasen passieren.

Für diesen seltenen Moment haben die Polen freibekommen, Behr hat eine große Leinwand auf die Wiese neben dem Containerdorf gestellt. Bratwürste schwitzen auf einem Schwenkgrill, die Abendsonne taucht langsam in den Dunst. Über einem Traktor weht die polnische Flagge, aber in der Nachspielzeit zerstört der deutsche Torschütze Oliver Neuville den unbeschwerten Abend. Die polnische Mannschaft wird bald heimreisen müssen. Die Arbeiter schimpfen, kosten das kleine Fest aber noch aus, Partys sind hier selten.

Während die Polen ihre Niederlage in Bier ertränken, müssen die Rumänen auf dem Acker schuften. Behr hat sie vor ein paar Tagen kommen lassen. Die Rumänen kann man leicht von den Polen unterscheiden. Sie schlagen sich mit Brennnesseln auf ihre Arme, wenn entzündete Sehnenscheiden zu schmerzen beginnen. Die Polen kennen das Problem schon länger und bandagieren ihre Arme, wenn der Tag beginnt. Rumänen und Polen wohnen im Containerdorf in getrennten Blöcken, sie leben nebeneinander her. Die Polen taugen nichts, sagen einige Rumänen. Die Rumänen leisten nichts, sagen einige Polen.

»Sind wir nicht mehr gut genug?«, fragten polnische Arbeiter ärgerlich, als die ersten Rumänen eintrafen. »Ihr seid mir zu teuer«, hätte Behr antworten können, aber das wäre nur ein kleiner Teil der Wahrheit gewesen. Überraschend sind auch einige Polen nicht mehr in Ohlendorf erschienen, obwohl sie schon lange angemeldet waren. Die Arbeit bei Behr erscheint ihnen nicht mehr so lohnenswert wie früher.

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Am liebsten möchte der Großbauer die Marokkaner durch Polen ersetzen

Das erste Mal müssen polnische Erntehelfer in die Sozialversicherung ihrer Heimat einzahlen und ein Fünftel ihres kleinen Lohns nach Warschau überweisen. Ihre deutschen Arbeitgeber müssen auch zahlen. Jetzt müssten deutsche Arbeitslose den Bauern plötzlich willkommen sein, da polnische Helfer viel teurer geworden sind. Das jedenfalls hofften deutsche Politiker.

Polen, die immer wieder zu Behr gekommen sind, heuern mit einem Mal in England an. Dort zwingt sie keiner, in polnische Sozialkassen zu zahlen, und Geld verdienen dürfen sie das ganze Jahr, in Deutschland höchstens vier Monate. Polen baut seine Provinzflughäfen aus, überall starten Maschinen nach England. Es gibt auch Polen, die Blumenzüchter in Holland vorziehen oder finnische Sägewerke. Auch die Finnen bauen ihre Flughäfen aus. Deutschland dagegen hat Angst vor einem Ansturm der billigen Helfer und versucht, seinen Arbeitsmarkt zu schützen.

Wütend verließen einige Polen das Containerdorf, als sie von den Sozialabgaben erfuhren. Hätte Behr die Rumänen nicht, müsste er wohl wieder – wie vor wenigen Jahren – selbst anpacken, seine Frau, seine Kinder und all seine Büroleute aufs Feld jagen.

Da es der Politik gelingt, polnische Arbeiter aus Deutschland zu vertreiben, muss die Politik stärker sein als Rudolf Behr. Diese Schlussfolgerung drängt sich auf. Aber Behrs Vorteil ist, dass er entkommen kann.

In Jerez de la Frontera setzt die letzte Maschine des Abends auf, Rudolf Behr sieht das Land der blühenden Disteln gelb leuchten. Von seinem spanischen Geschäftsführer lässt er sich in die Nähe von Chiclana fahren, vorbei an Korkeichen und Schornsteinen mit Storchennestern. Vor einem umgebauten Kloster steigt Behr aus, stellt sich unter eine Palme und sagt: »Da drüben haben unsere Polen geschlafen. Wie Mallorca, haben sie gesagt.«

In Reisebussen sind sie hergefahren, drei Tage lang, sie arbeiteten auf Behrs Feldern in Andalusien, und im November wird er sie nach Murcia im Osten Spaniens schicken. Auch dort hat er Plantagen mit Salat. Dann könnten später die Rumänen dazustoßen, die ja im Winter zu Hause nichts zu ernten haben, und wenn die spanischen Felder im nächsten Mai wieder leer sind, könnten die Rumänen nach Ohlendorf wechseln und die Polen nach Rumänien. Oder andersherum. Und vielleicht kommt im nächsten Herbst noch Kroatien hinzu.

Behrs Wanderzirkus zieht bald von Land zu Land, Spanien hat vor wenigen Wochen seine Grenzen für Arbeiter aus Osteuropa geöffnet. Franz Müntefering wird Rudolf Behr nicht mehr an eine Leine legen können.

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»Sie haben wieder gestreikt«, sagt Javier Soto Martínez, Behrs leitender Mann in Spanien. »Ach«, meint Behr, »die streiken ja ständig.« Noch sind sie es, die den größten Teil der Ernte einfahren, die marokkanischen Einwanderer, in trostlosen Vororten bei Murcia leben sie. Spanier, die sich vor vielen Jahren auf Behrs Feldern quälten, gehen heute lieber in die Fabrik oder bauen Häuser für reiche Engländer. Der Tourismus an den Küsten blüht. Nur einmal verfügte das spanische Arbeitsministerium, dass Javier Soto Martínez hundert Langzeitarbeitslose nehmen musste. Aber die hätten von ihm verlangt, er solle schreiben, sie seien für die Feldarbeit »nicht geeignet«. Es gibt diese Rückzugsformel inzwischen in mehreren europäischen Sprachen.

»Die Marokkaner haben die Gewerkschaft geholt«, sagt der Spanier, »die sind immer für eine Überraschung gut.« Einmal seien Familienclans auf dem Acker mit Salatmessern aufeinander losgegangen, und ein Marokkaner habe versucht, seinen Onkel, den Erntechef, abzustechen.

Einmal hätten Marokkaner gedroht, Streikbrecher umzubringen. Aus Furcht hätten sich Arbeiter bewaffnet und seien beim Ernten von der Guardia Civil geschützt worden. Einmal seien Marokkaner während des islamischen Fastenmonats Ramadan einfach in die Heimat zurückgefahren und hätten den Salat vergammeln lassen. Einmal habe es Ärger gegeben, weil Ungläubige die Marokkaner herumkommandieren wollten. »Bloß keine Religionskriege auf dem Feld!«, hat Behr gefleht, am liebsten würde er die Marokkaner sofort durch Polen ersetzen.

Aber die meisten Polen sind noch in Ohlendorf und tragen sich dort in die Liste der Arbeiter ein, die erst im Winter nach Spanien aufbrechen wollen. Rudolf Behr hat sich von einer Regierungsdelegation auch schon Ackerland in Marokko zeigen lassen, seine Pläne aber verworfen. Mit seinen Salaten die Demokratie verlassen, das erschien ihm nicht geheuer.

Aldi geht mit Rucola-Salat in die Werbung, Rewe zieht mit Eissalat nach

Am späten Abend trifft sich Behr mit spanischen Angestellten in einem Restaurant. Als ein Spanier von einer Hochzeit mit einer Braut aus Nigeria erzählt, fragt Behr neugierig nach: »Nigeria, woher denn genau? Vom Stamm der Haussa, der Ibo oder der Yoruba?« Man glaubt im ersten Moment, sich verhört zu haben. Hat er gerade Yoruba gesagt? Woher kennt er die Yoruba?

Fremde Menschen haben Behrs Leben gefüllt mit Episoden aus ihren Leben. Von Tausenden Arbeitern hat er sich auf seinen Salatfeldern persönliche Geschichten erzählen lassen, die sich in seinem Kopf angehäuft haben zu einer Enzyklopädie von Abenteuern aus einer zusammenrückenden Welt. Behrs kolumbianischer Erntewagenchef berichtete ihm vom Drogenkrieg im Dschungel, ein vietnamesischer Erntewagenchef von den früheren Kämpfern des Vietcong. Kurden, Portugiesen, Ghanaer – sie haben sich alle auf Behrs Feldern hochgearbeitet. Ein muslimischer Saisonarbeiter aus Nigeria wollte sich schon auf einem Erntewagen einen eigenen Platz zum Beten einrichten, aber der Boss war strikt dagegen. Vor dem Petitionsausschuss des Niedersächsischen Landtags kämpft Behr dafür, dass Vietnamesen nicht abgeschoben werden dürfen. Dankbar ist er ihnen für all die Erntejahre.

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Mit der Friedhofsordnung der Banater Schwaben in Rumänien kennt Behr sich aus, das »lineare Denken der Asiaten« beschäftigt ihn, der Erfolg der ungarischen Nationalpartei, die europafeindliche Stimmung in Zentralpolen, der ursprüngliche Sinn des Schweinefleischverbots in islamischen Ländern, der Welterfolg des Bill Gates, die Jugend des spanischen Königs Juan Carlos am Hofe des Diktators Franco. Die Ernte hat aus Rudolf Behr einen Weltbürger in Gummistiefeln gemacht. »Wissen Sie eigentlich, warum…?« So beginnen viele seiner Sätze.

Es ist Mitte Juni, in dem Bürohaus neben den Feldern von Ohlendorf sprechen die Verkäufer pausenlos über Lkw-Anhänger voller Salat. Die Fußballweltmeisterschaft, die vielen Grillabende, die Leute verlangen nach Salat in Tüten mit Fußballmustern. Weil Aldi mit Rucola-Salat in die Werbung gegangen ist, glaubt Rewe, mit Eissalat nachziehen zu müssen. Manchmal zirpt der ganze Raum, als klingelten alle Telefonapparate gleichzeitig.

Manchmal lassen die Supermärkte Werbezettel mit Salatfotos in Briefkästen stecken, und niemand fragt vorher nach günstigem Erntewetter oder den Arztterminen von Arbeitslosen. Wal-Mart schickt E-Mails, die Firma Netto plant einen »Themenblock China«, jetzt also auch Chinakohl. Bei Behr müssen sie die Schichten auf zwölf Stunden verlängern, nachts ernten Polen und Rumänen im Lichtkegel der Maschinen. Aber viele Salate treffen trotzdem zu spät in den Geschäften ein, an einem einzigen Tag muss der Großbauer 25000 Euro Strafe zahlen.

»Ich bin es leid«, knurrt Behr, steigt in sein Auto und fährt hinaus zu dem Acker, auf dem die Arbeitslosen ernten. Insgesamt 54 Freiwillige hat ihm die Behörde inzwischen geschickt, aber die meisten sind schon wieder fort. Unterhalten will er sich mit den übrig Gebliebenen und erfahren, woran es hapert. »Wo sind die Arbeitslosen?«, fragt Behr den türkischen Chef des Erntewagens, der deutet auf zwei Männer. Zwei ernten noch. Dass es nicht mehr viele sind, haben ihm seine Angestellten schon gesagt, aber dass nur noch zwei Arbeitslose geblieben sind, überrascht ihn doch.

Neben dem Acker lassen sich die beiden Helfer ins Gras sinken und erzählen von sich. Der eine stammt aus Sri Lanka, arbeitet seit dem ersten Erntetag ohne Unterbrechung, auch an Wochenenden. Ihn habe nicht das Arbeitsamt geschickt, sagt er, ganz eigenständig habe er sich beworben. Der andere stammt aus Liberia, er ist in Deutschland nur geduldet. Er wolle der Ausländerbehörde beweisen, sagt er lächelnd, dass aus ihm ein fleißiger Deutscher werden könne.

Der Bauer liest wenig, aber bei Karl Popper ist er hängen geblieben

Die Weißen seien lange verschwunden. »Sie waren müde«, sagt der Liberianer. Ein Weißer klagte über Schmerzen im Arm, und bevor er ging, hatte er noch angekündigt, er wolle auch nach der Genesung nicht zurückkehren, weil er den Vorsprung der Ausländer sowieso nicht aufholen könne. Drei Männer wollten keine 12-Stunden-Schichten mitmachen. Einer beschwerte sich in der Arbeitsagentur, dass sein Erntechef auf Polnisch geantwortet habe, wenn er etwas gefragt hatte. Als er den Acker verließ, beschimpfte er den libanesischen Vorgesetzten als »Nazi«. Auf Behrs Hof im mecklenburgischen Gresse sollten am Freitag 60 Arbeitslose mit der Ernte beginnen, sogar der Minister für Landwirtschaft schaute vorbei. Auf die Ankunft der Freiwilligen wartete er vergeblich.

Besucht man einige der Arbeitslosen zu Hause und fragt sie nach ihrer Weigerung zu arbeiten, hört man viele Gründe und Entschuldigungen, manche sind haarsträubend, manche nachvollziehbar, manche mitleiderregend. Man lernt eine Alleinerziehende kennen, die sich um ihre vier kleinen Kinder kümmert. Und einen Schlosser, der Opfer einer Firmenpleite wurde und sich an seine stolze Vergangenheit klammert. Einige Menschen sind psychisch zerstört. Ein wenig verstehen kann man sie alle, man muss ihnen nur lange genug zuhören. Aber was, wenn man diese Zeit nicht hat?

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Sitzt Behr mit Arbeitslosen im Gras zusammen, stellt er meist nur Fragen, rückt am Ende aber doch mit seiner Meinung heraus. »Sozial ist, wenn man mitmacht«, sagt er dann und denkt an seine Kindheit im Dorf. An den Schlachter, der vorher Sanitäter gewesen war und den man nach einer Diagnose fragte, wenn etwas wehtat. An den Krankenunterstützungsverein, den man nur in höchster Not um Geld bat. An den Beerdigungsverein. An eine Gemeinschaft, die man niemals im Stich lassen darf. Rudolf Behr hängt sehr an der Idee, dass die Untätigen sich beteiligen müssen. Mit der Moral eines Dorfes zog er hinaus in die Welt, mittlerweile eckt er mit ihr zu Hause am meisten an.

»Ihr müsst doch einsehen«, hat er einmal den Arbeitslosen auf dem Feld gesagt, »dass alle, die arbeiten, immer mehr von ihrem Lohn abgeben müssen, wenn ihr nicht arbeiten wollt.«

»Da haben Sie wohl Recht«, hat einer geantwortet, »aber jeder nimmt, was er kriegen kann. Und wenn der Staat nicht schlau wird, dann nimmt man es eben vom Staat.«

Später hat Behr in einem wissenschaftlichen Buch geblättert, das meiste darin hat ihn gelangweilt, nur bei Karl Popper ist er hängen geblieben. Eine gute Theorie, will er bei Popper gelesen haben, müsse so sein, dass man die Theorie jederzeit widerrufen dürfe, sobald sich das Gegenteil bewahrheitet habe. »Ein Arbeitsloser ist immer ein Opfer, sein Leben lang.« Das sei eine deutsche Theorie, die ihm nicht mehr einleuchte.

Von den insgesamt 400 Menschen, die von Arbeitsämtern zu ihm geschickt wurden und in Ohlendorf mit dem Ernten begannen, hielt niemand bis zum Schluss durch. Ein erschütterndes Ergebnis für einen 15 Jahre währenden Feldversuch. Nur einmal, um 1986 muss es gewesen sein, als der Ostblock noch ein Block war und die Polen noch in Polen blieben, seien ein paar Männer aufgetaucht, die ein halbes Jahr auf dem Feld blieben, sogar gut gelaunt. Ein Bodelschwingh-Heim hatte die Landstreicher geschickt. Sie beklagten sich über nichts, solange am Feldrand Schnapsflaschen standen. Selig wankten sie eines Nachts zurück ins Heim und fuhren auf dem Flur Fahrrad.

Als Behr nach Polen aufbricht, wo er gerade einen neuen Standort für seine sommerfrischen Salate hochzieht, bekommt er von der Lüneburger Arbeitsagentur die Nachricht, dass bald neue, unverbrauchte Arbeitslose bei ihm anfangen sollen. Später meldet einer von Behrs Gemüseverkäufern über den Lautsprecher des Autotelefons: »Wir werden bald Moskau beliefern.« Da steuert der Chef gerade durch die nordpolnische Stadt Karlino. Sie macht ihn noch ein bisschen unabhängiger von der Politik. »Das Risiko streuen«, das ist der Sinn seiner Polenreise. Wenn es passieren sollte, dass nicht mehr genügend Polen zu seinen Salaten kommen, dann kommen seine Salate eben zu den Polen.

»Wir schicken Ihnen jetzt 50 Bewerber«, hat einer von der Arbeitsagentur angekündigt. Behr wird sie sofort alle einstellen, Helfer sucht er dringend, und er will es endlich wissen. Es wird ihm doch wohl gelingen, die Theorie von der verwöhnten Eissalatgesellschaft einmal zu widerlegen.

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»Nach den ersten 50 schicken wir wieder 50, danach noch mal 50«, haben die von der Agentur versprochen. 50 neue Probleme, danach weitere 50, Christiane Behr wäre froh, wenn Minister Münte seine Experimente endlich an anderen ausprobieren würde. »Rudi, es ist eigentlich ein Scheidungsgrund, dass ich da mitmachen muss«, sagt Behrs Frau, die all den weggelaufenen Freiwilligen den Verdienst von ein paar Tagen hinterherschicken muss und über Monate den Papierkrieg mit den Ämtern führt. »Aber einen muss es doch geben«, sagt Rudolf Behr, einen, der mit wenig zufrieden ist und sich nicht aufhalten lässt durch Graupelschauer oder kargen Lohn. Irgendwo muss es ihn doch geben, den Langzeitarbeitslosen, der einfach kommt und bleibt.