Es ist ja auch ein Massengeschäft, wenn man Großabnehmer wie Burger King europaweit mit Chicken-Nuggets beliefert: fertig paniert und gewürzt, sodass ungelernte Küchenkräfte ihre Fritteusen bloß noch auf 180 Grad, zwei Minuten und zehn Sekunden einstellen müssen. Das ist die Vorgabe.

Es gibt nur eine Stelle, an der die Wesjohann-Verwertungskette unterbrochen ist: bei der Mast. Rund 700 Bauern arbeiten für den Agrarkonzern. Formal sind sie selbstständig, aber dennoch nicht vollkommen frei, denn sie kaufen Wesjohann-Küken, mästen sie mit Wesjohann-Futter – und verkaufen sie wieder an Wesjohann-Schlachthöfe. Nur wenige wollen über ihre Rolle im Hähnchengeschäft reden, und auch dann nur ohne Namen. »Wiesenhof lässt einen nicht verhungern«, sagt einer, »aber reich wird man hier auch nicht.«

Irgendwo auf dem Land steht eine dieser Hähnchenfarmen. Sie sieht aus wie alle anderen auch: graue Mauern mit flach geneigtem Dach, etwa 80 Meter lang und 20 Meter breit. An der Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift »Betreten verboten – wertvoller Tierbestand«. Knapp 37.000 Hähnchen passen in diese Halle, 23 Tiere pro Quadratmeter. Derzeit ist die Farm leer, der Betonboden staubfrei und desinfiziert, Futter- und Wasserstellen hängen hochgezogen unter der Decke. Der Computer, der die ganze Mastanlage steuert, ist ausgeschaltet. In ein paar Tagen werden die Wiesenhof-Lastwagen neue Küken bringen, Ross 308 natürlich.

»Personal braucht man praktisch nur zum Ein- und Ausstallen«, sagt der Mäster. »Es gibt Räumkommandos, die auf diese Arbeit spezialisiert sind.« 37.000 Hähnchen zu verladen, das dauert halt seine Zeit, erst recht im Dunkeln. »Wenn man das Licht ausmacht, hocken sich die Tiere auf den Boden. Dann muss man sie nur noch einsammeln und in Plastikkörbe stecken.« So eine Halle voller Hähnchen ergibt vier Lkw-Ladungen, die dann meistens zur Wiesenhof-Schlachterei nach Lohne rollen, einer der größten in Europa.

Etwa 64 Cent bekommen die Mäster dort pro Kilo Tier, bezahlt haben sie die Küken mit 30 Cent pro Stück. Futter, Wasser, Strom, Heizkosten zu ihren Lasten. Krank werden sollten die Tiere nicht, denn in diesem Fall wären sie unverkäuflich. Was für Kritiker die Auslagerung des gesamten unternehmerischen Risikos auf die Mäster darstellt, ist für Paul-Heinz Wesjohann die bestmögliche Lösung. »Wegen der Gefahr von Tierseuchen sind viele kleine Ställe sinnvoller als wenige große«, sagt er. Außerdem bekämen selbstständige Mäster viel einfacher Baugenehmigungen auf dem platten Land als ein großer Agrarkonzern.

Die industrielle Fleischproduktion mag das Hähnchen in den Griff bekommen haben, nicht aber den Konsumenten. Die Käufer in den Industrieländern bevorzugen größtenteils das teure Brustfleisch. Doch weil Hähnchen trotz aller Zuchterfolge immer noch mit Schenkeln und Füßen auf die Welt kommen, ist ein munterer globaler Fleischhandel im Gange, bei dem die reichen Staaten versuchen, den ärmeren ihre Schlachtabfälle zu verkaufen.

Jeder Fetzen wird verwertet, selbst die Reste werden noch mit Maschinen vom Knochen geschabt. Mechanically deboned meat (MDM) heißt das in der Fachsprache, in Deutschland auch als Separatorenfleisch bekannt. Bei Rindern ist das verboten, bei Hähnchen erlaubt. »MDM-Fleisch geht vor allem nach Osteuropa, etwa in die Ukraine oder nach Bulgarien«, sagt Paul-Heinz Wesjohann, »und Russland ist der Hauptabsatzmarkt für Schenkel aus den Vereinigten Staaten.« – »Die USA versuchen, jedes Jahr etwa 17 Milliarden Hühnerschenkel loszuwerden, weil diese im eigenen Land niemand essen will«, sagt Forscher Clausen vom Borderstep Institut. Weil die Russen aber Angst um ihre eigene Geflügelindustrie haben, erlassen sie immer wieder Einfuhrverbote, die sie mit hygienischen Bedenken begründen – eine Ausrede, wie Insider vermuten. Tatsächlich gehe es darum, den Heimatmarkt abzuschotten. »Hühnerfüße stellen dagegen nur ein vergleichsweise kleines Problem dar«, sagt Clausen, »für sie gibt es in China ein schier unbegrenztes Aufnahmevermögen.«