Ist die Party nun vorbei? Die wichtigste Partie ist noch zu spielen, aber die deutsche Fußball- Nationalmannschaft wird nicht dabei sein beim Finale in Berlin. Die Autosuggestion, innerhalb von wenigen Wochen das Land und seinen Fußball an die Weltspitze führen zu können, endete Dienstagnacht um 23.26 Uhr. In der Verlängerung des Halbfinales ging der nationalen Euphorie und den deutschen Spielern die Puste aus. Sind wir nur Schönwetterfeierer, die sich allein am Erfolg berauschen? Oder haben diese intensiven Sommertage wirklich etwas verändert im Stillstandland der Großen Koalition? Es ist Zeit für die Frage, was bleiben wird von dieser Fußballweltmeisterschaft. BILD

Die 62 Spiele bisher haben zwar den Fußball nicht weitergebracht, aber all jene großen und kleinen Dramen (und mitunter auch nur die Kurzgeschichten) geliefert, die nicht einfach nur den Gesprächsstoff für den nächsten Arbeitstag liefern, sondern in denen Menschen überall auf der Welt etwas über sich selbst erfahren wollen. Es gab Bilder, Geschichten vom Triumph des Alters (Zidane) über die Jugend (Ronaldinho), von der Versöhnung erbitterter Konkurrenten (Kahn und Lehmann), von Hinterlist (die immer kunstvolleren Schwalben im Strafraum) und offener Brutalität (die Treterei zwischen Holland und Portugal), von Kunstfertigkeit (Lahms Schuss in den Winkel) und Spielfreude (Adebayors Flanke mit überkreuzten Beinen). Und all diese Geschichten kulminieren nun in den finalen 90 Minuten, auch die jahrelangen Vorbereitungen nicht nur der Gastgeber, sondern auch der rund 200 Nationalmannschaften, die ursprünglich angetreten waren, um einen Platz im Turnier und vielleicht sogar den Sieg zu erringen. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Mitunter gab es ja im Vorfeld die Befürchtung, die Fifa-Fußballweltmeisterschaft sei nur noch eine seelenlose Geldmaschine, in der große Gefühle allein als Schmierstoffe des Kommerzes noch gefragt seien. Aber selbst wenn der Überschwang von den Fahnen-, Ticket-, Bier-, Fernsehgeräte- und Panini-Bildchenverkäufern ausgebeutet wird – der Rausch war echt. Das Spiel ist zum Katalysator geworden für eine Sehnsucht nach fröhlichem Miteinander, das keinen Zwecken dient. Das ist ja die große Bewegung dieses Sommers: In der Welt der Ich-AGs und der an Kinderarmut zugrunde gehenden Nation von Ego-Shootern sehnen sich alle nach dem großen Ganzen, der Geborgenheit inmitten der Großfamilie auf der Fanmeile. Die Fernsehquoten zeigen, wie das in Dutzende von Kanälen zerfallene Medium noch einmal zum Lagerfeuer wird, um das sich die Nation schart.

Wieso diese in ihren Dimensionen letztlich ungeahnte Wirkung? So wie der Sieg bei der WM 1954 den Deutschen das zwiespältige Gefühl vermittelte, wieder wer zu sein, klatscht nun das Ausland durchweg wohlwollend, geradezu erleichtert Beifall: Endlich habt ihr euren Frieden mit euch gemacht! Das ist der diplomatische Triumph nicht des Organisationskomitees, sondern jedes einzelnen Bürgers, der sich und sein Auto beflaggt hat und der nichts anderes sein will als ein netter, mitunter selbstironischer, jedenfalls entspannter Gastgeber. Die Botschaft ist angekommen, denn die Welt verständigt sich in der Sprache des Fußballs. Sie ist die einzige, die wirklich überall auf dem Globus gesprochen und verstanden wird; nicht zufällig hat die Fifa mehr Mitgliedsländer als die Vereinten Nationen. Seht her, so sind wir, sagen die Mannschaften auf dem Platz sowie die Fans auf den Rängen und beim public viewing. Auch dieses Turnier war wieder der globale Stammtisch, an dem nationale Mentalitäten spielerisch ins Gespräch kommen.

Eindrucksvoll bestätigten die Argentinier das in ganz Südamerika verbreitete (Vor-)Urteil über ihren Hochmut, der eine Niederlage nicht verkraftet. Die Engländer spielten mal wieder in einem Elfmeterschießen tränenreich den Verlust ihres Weltreiches nach. Die Holländer wollten mit aller Gewalt weg vom Image der Schönspieler, denen der Biss zum großen Sieg fehlt – und scheiterten an den Portugiesen, die genau das Gleiche noch ein bisschen mehr wollten. Die Afrikaner schließlich führten erneut das unglaubliche Potenzial ihres Kontinents vor – und wie fahrlässig sie mit ihren Chancen umgehen. Die Italiener verdrängten gekonnt wie immer alle Skandale und Korruptionsaffären, um sich dickfellig bis ins Halbfinale zu mauern, wo sie dann plötzlich einmal andere sein wollten, offensiv wie selten zu Werke gingen und ins Finale stürmten.

Und die Deutschen? Mit dem Jürgen und dem Jogi gibt es endlich wieder ein exportfähiges Traumpaar, das erste seit Siegfried und Roy. Die beiden Schwaben unterwarfen die Mannschaft und den ganzen DFB ihrer Ideologie, die Rennen, Druckmachen und Vertrauen auf den Chef bis zum finalen Sieg vorsah – eine mitunter beängstigend martialisch aufgeladene Batterie, der erst im Halbfinale der Saft ausging. Zum Glück ist alles nur Fußball.

Die Spiele waren im Übrigen weit weniger begeisternd, als der kollektive Jubel vermuten lässt. Das Turnier ist ein Spiegelbild der Globalisierung: Die verschiedenen Welten und (Spiel-) Kulturen werden einander ähnlicher; Erfolgsmodelle werden gnadenlos kopiert. Zur Beruhigung der Massen wird ein Rest von Nationalfolklore gepflegt. Man kann auch das – wie fast alles im offenen Kunstwerk Fußball – symbolisch lesen: Die Verteidiger (sprich die Konservativen) kannten ihre Plätze und Aufgaben. Aber die Offensivabteilungen wirkten oft rat- und mutlos: Wie soll der Weg nach vorn, in die Zukunft aussehen?