Schwerpunkt zum Thema mit Analysen und Reportagen über Einwanderung und Integration, dazu Videoreportagen und Interviews, unter anderem über No-go-Areas und Kurse für Einwanderer
Der Emin, der sei ein schlauer Kerl, sagt der Vater und zeigt auf seinen Sohn. Keine zwei Jahre alt, und schon plappere das Kind ihm alles nach. Das Wort »Fernbedienung« verstehe der Junge dreisprachig – auf Türkisch, Kurdisch und Deutsch. Zum Glück hört das nicht Frau Demiral. Die sitzt drei Meter weiter auf dem Sofa und erklärt Emins Mutter gerade, was Eltern tun müssen, damit ihr Kind vernünftig sprechen lernt: Nicht ständig von einer Sprache in die andere wechseln und den Jungen nicht zu oft vor den Fernseher setzen.

Für die heutige Lektion im Haus der Familie Baydilli hat Demiral Kinderbücher auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet und einen Stoß Kopien mit Geschichten und Hinweisen aus dem kleinen Abc der Spracherziehung mitgebracht. In ihren türkischen Redefluss mischen sich deutsche Wörter wie »Hörkassette«, »Spielgruppe«, »Volkshochschule«.

Cemile Demiral gibt Nachhilfe, nicht Kindern, sondern deren Eltern. Die Arbeit der Stadtteilmutter beginnt dort, wo die Türkei in Deutschland anfängt. Wo die Satellitenschüsseln nach Istanbul gerichtet sind und Appelle von Behörden und Politikern an der Wohnungstür abprallen. Wo Eltern nicht wissen, dass ein Jahr im Kindergarten viel zu kurz ist, um vernünftig Deutsch zu lernen. Ihre Schüler findet Demiral in Berlin-Neukölln: Mütter, die seit Jahren in Berlin leben und ihren Stadtteil noch nie verlassen haben, außer zum Heimaturlaub in die Türkei; Väter, die den Erziehungszielen der deutschen Schule misstrauen, obwohl sie vielleicht sogar einen deutschen Pass tragen.

Gerade um solche Eltern und ihre Kinder muss es auf dem ersten Integrationsgipfel gehen, zu dem die Bundesregierung kommende Woche ins Kanzleramt lädt. Denn nicht nur das Leistungsgefälle zwischen ausländischen und einheimischen Schülern ist in Deutschland so groß wie sonst in keinem anderen Industrieland. Auch der Bildungsstand der eingewanderten Eltern ist hierzulande besonders niedrig. Beide Erhebungen, kürzlich von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlicht, hängen zusammen: Schon am ersten Schultag steht das Startkapital vieler Einwandererkinder tief im Minus.

Die Stadtteilmutter kennt die Gefühle der Heiratsmigrantinnen

Gerade viele türkischstämmige Eltern vermögen es nicht, ihre Kinder ausreichend zu fördern. So kommt es, dass selbst in Berlin geborene Kinder nur mit rudimentärem Deutsch zur Einschulung kommen, dass kleine Muslimmachos Lehrerinnen terrorisieren und islamische Mädchen dem Sportunterricht fernbleiben. »Die Migranteneltern sind der Schlüssel, um die Integrationsprobleme von morgen zu vermeiden«, sagt die CDU-Staatsministerin Maria Böhmer. Doch wie erreicht man Mütter und Väter, die selbst des Deutschen kaum mächtig sind?

Indem man ihresgleichen zu ihnen nach Hause schickt. Wenn Stadtteilmutter Cemile Demiral, angezogen mit Kopftuch, Rock und bunter Bluse, die Klingel läutet, gehen Türen auf, die einem deutschen Sozialarbeiter verschlossen sind. Demiral kennt das Leben der Einwandererfamilien, es ist ihr eigenes. Auch ihr Mann hatte sie einst aus der Türkei nach Berlin geholt, »als Heiratsmigrantin«. Sie lacht, als sie das sagt. Wie die meisten Neuankömmlinge sprach sie kein Wort Deutsch, eine Arbeit fand sie nie, obwohl sie in der Türkei studiert hatte. Nach acht Jahren – ihr Sohn ging mittlerweile in die Schule – hatte sie genug: »Ich wollte nicht länger zu Hause bleiben.« Die Stadtteilmütter befreiten sie aus der Isolation. Zehn Monate dauerte ihre Ausbildung zur Elterntrainerin inklusive Kitapraktikum, Kirchenbesuch und Tretbootausflug.

Heute spricht sie zum sechsten Mal bei Familie Baydilli aus Neukölln vor. Die Wohnung ist eng, in zwei Zimmern leben, schlafen und essen die Eltern mit ihren zwei Kindern. Emins bevorzugter Spielraum ist der Teppich vor dem Fernseher. Eine größere Wohnung könne er sich nicht leisten, sagt Herr Baydilli, der als Teilzeitkraft bei der Berliner Stadtreinigung arbeitet. In den vergangenen Sitzungen standen das deutsche Schulsystem und die Rechte von Frauen und Kindern auf dem Curriculum. Nun erklärt Frau Demiral, warum Chips und Coca-Cola nicht auf den Speiseplan gehören und Kinder Regeln brauchen. Emins Mutter quittiert jede Lektion mit Kopfnicken. Auch Herr Baydilli zeigt sich lerneifrig. Die Broschüren, die Frau Demiral mitbringt, hat er sorgfältig im Wandschrank gestapelt. Er zieht eine heraus, das Grundgesetz auf Türkisch.

Viele Deutsche glauben, Ausländereltern sei es egal, ob ihre Kinder in der Schule vorankommen. Das Gegenteil ist der Fall. Nach einer Umfrage des Zentrums für Türkeistudien streben mehr als drei Viertel der türkischstämmigen Mütter und Väter für ihren Nachwuchs das Gymnasium an, übrigens gleichermaßen für Sohn und Tochter. Das deutsche Bildungsmotto »Du sollst es einmal besser haben als wir« ist auch türkischen Eltern vertraut. Doch die Bildungsambitionen kollidierten in eklatanter Weise mit der Unkenntnis des deutschen Schulsystems und den geringen Ressourcen, um die eigenen Kinder zu unterstützen, sagt die Bremer Erziehungswissenschaftlerin Yasemin Karakasoglu.

So kennt das türkische Bildungssystem weder die Trennung in verschiedene Schulformen noch eine Mitverantwortung der Eltern am Lernerfolg. Gerade in ländlichen Regionen herrscht eine strikte Aufgabentrennung, die sich in dem Spruch ausdrückt: Das Fleisch gehört dir (dem Lehrer), die Knochen mir (den Eltern). Söhne und Töchter werden zur weiteren Erziehung der Schule übergeben. Immer wieder treffen die Stadtteilmütter auf Eltern, die davon schwärmen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter einmal Arzt oder Anwalt werden soll – und müssen ihnen erklären, dass ein mittelmäßiger Hauptschulabschluss dafür nicht die beste Voraussetzung ist.

Besonders verbreitet sind Unkenntnis und Bildungsarmut unter jenen, die nach Deutschland einheiraten. In Berlin soll jede zweite türkische Ehe auf diese Weise zustande kommen. Heiratsmigration bedeutet: Die Integration der Familie fängt bei einem Elternteil bei null an. Handelt es sich dabei, wie in den meisten Fällen, um die Mutter, wachsen die Kinder in den ersten Jahren wie in ihrer Heimat auf.

Auch Gökhan Baydilli hat sich seine Frau in der Türkei gesucht. »Mann und Frau müssen zueinander passen«, sagt er. Da spiele die Kultur eine wichtige Rolle. Baydilli zeigt auf seinem Computer Fotos: Steinhütten ohne Strom und Kanalisation. Aus diesem kurdischen Weiler stammen beide Familien. Hier ging Emins Mutter fünf Jahre lang in eine Dorfschule – und lernte nicht viel, was sie ihrem Sohn heute in Berlin mitgeben könnte.

Selbst wenn die Migranteneltern halbwegs Deutsch verstehen, bleibt ihre Distanz zu den Bildungseinrichtungen meist groß. Viele haben selbst schlechte Erfahrungen in der deutschen Schule gemacht, andere hemmt ihre Unsicherheit. »Migranteneltern beherrschen nicht den Code von Lehrern«, sagt die Wissenschaftlerin Karakasoglu, »gerade in Konfliktfällen fühlen sie sich unterlegen.«

Hinzu kommen unterschiedliche Werte in der Erziehung. Gehorsam, Familienehre, Gottesfurcht spielen in traditionellen türkischen oder arabischen Familien eine bedeutende Rolle. Körperliche Strafen gehören oft zum Alltag, nicht selten sogar Gewalt: Laut einer Untersuchung in Niedersachsen hat jeder vierte junge Deutschtürke mindestens einmal gesehen, wie seine Mutter vom Vater verprügelt wurde.

Viele Hemmnisse sind in der Tradition, nicht in der Religion begründet

In der deutschen Schule dagegen ist Gewalt tabu, Konflikte werden verhandelt. »Gerade türkische Jungen haben Schwierigkeiten, mit den Widersprüchen klarzukommen«, sagt Ahmet Toprak, Diplompädagoge bei der bayerischen Aktion Jugendschutz. Verwirrend sei für sie, dass sie im Elternhaus geradewegs dazu erzogen würden, weibliche Autorität zu missachten – um dann in der deutschen Schule auf Lehrerinnen zu treffen, die vieles vertragen, nur kein Machotum.

Von »Paschas, denen zu Hause jeder Wunsch erfüllt wird«, und »Machos, die jede Kritik als Ausländerfeindlichkeit bezeichnen«, berichteten Lehrerinnen kürzlich auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum zum Verhältnis zwischen Migranteneltern und Schule. »Mit einem Jugendlichen allein kann ich noch reden«, sagte die Lehrerin einer Förderschule. In der Gruppe jedoch, wo sich die Jungtürken glauben beweisen zu müssen, sei dies unmöglich, da gehe es um die Ehre: »Ich kann dieses Wort nicht mehr hören.«

Wie viele ihrer Kollegen meint die Lehrerin den Hauptgrund für derartige Erziehungsvorstellungen gefunden zu haben: den Islam. Tatsächlich ist das religiöse Interesse in vielen muslimischen Migrantenfamilien groß. Zwei Drittel der Eltern wollen ihre Kinder im Glauben erziehen. Das heißt aber keineswegs, dass die Religion für die Schulprobleme verantwortlich ist. So stellen die Neuköllner Stadtteilmütter kaum Unterschiede zwischen liberalen oder frommen Familien fest. Zudem versagen auch italienische Schüler im Unterricht, obwohl sie aus einem christlichen Land kommen (siehe Kasten).

Entscheidender als der Islam dürfte die Herkunft sein. Zahlreiche Einwanderer stammen aus Landstrichen Ostanatoliens, in denen bis heute archaische Sitten herrschen. »Viele Verhaltensweisen, die religiös begründet werden, sind reine Tradition«, sagt Ali-Özgür Özdil. Der Hamburger Islamwissenschaftler vermittelt zwischen Schulen und muslimischen Eltern, die ihre Kinder vom Schwimmunterricht abmelden möchten oder die Erlaubnis zur Klassenfahrt verweigern, weil sie die Ehre ihrer Tochter in Gefahr sehen. Manchmal helfe ein klärendes Gespräch, berichtet Özdil. Da erfahren die Eltern dann, dass Sexpartys nicht zum Programm einer deutschen Klassenreise gehören, und auch hier Jungen und Mädchen in getrennten Zimmern schlafen. In manchen Fällen einigt man sich darauf, dass muslimische Mütter als Anstandsdamen die Fahrt begleiten.

Wie mühsam es ist, die Schule für ausländische Eltern zu öffnen, erlebte die Heinrich-Otto-Schule in Hannover. Einmal, zweimal, dreimal luden die Lehrer die Mütter und Väter ein. Ohne Resonanz. Sie ließen die Kinder auf Türkisch übersetzte Briefe zu Hause abgeben – vergeblich. Erst Sprachkurse boten eine Chance, an die Eltern heranzukommen. Die Lehrer luden die Mütter, die sich vor dem Schultor langweilten, zum Tee ein. »Andere Mütter haben wir buchstäblich auf der Straße angesprochen«, berichtet Schulleiterin Beatrix Albrecht. Von Ausflüchten – »Ich habe gerade Besuch aus der Türkei« – ließ man sich nicht abschrecken. Aus dem unverbindlichen Plausch wurde ein Elterntreff. Einige Mütter begannen sich über Erziehungsfragen auszutauschen, andere bildeten eine Gymnastikgruppe. Vor kurzem erzählte eine Mutter der Schulleiterin stolz, sie habe sich die ersten Turnschuhe ihres Lebens gekauft.

Wahre Integrationswerkstätten könnten Ganztagsschulen werden. Dafür müssten sie freilich mehr unternehmen, als in der Kantine Essen ohne Schweinefleisch zu kochen oder ein islamisches Fest auszurichten. In Holland haben Lehrer in sozialen Brennpunkten ihre Schule zum Zentrum des Stadtteils gemacht. Die Brede School (Breite Schule) bietet nach dem Unterricht Computerkurse, Aerobic-Stunden und Sozialberatung an. Um die Männer zu erreichen, müssen die Pädagogen die Schule sogar verlassen, mit Moscheevereinen zusammenarbeiten oder in türkische Teehäuser gehen.

Lehrer allein können diese Aufgaben nicht schultern. »Die Schulen brauchen endlich Profis«, sagt Ertekin Özcan. Der Bundesvorsitzende der Föderation türkischer Elternvereine fordert, Lehrer und Sozialarbeiter einzustellen, welche die Sprache und Kultur der Migranten kennen. Sie sind in deutschen Lehrerzimmern bislang eine absolute Ausnahme. Ebenso fehlt eine Infrastruktur der Integration wie etwa in den Niederlanden. Wie alle Kinder gehen Migranten dort schon mit vier Jahren in die Basisschool. Um mangelnde Sprachkenntnisse noch früher zu beheben, baute man vor wenigen Jahren zudem ein dichtes Netz aus Mutter-Kind-Gruppen auf, in denen mittlerweile die Hälfte aller zweieinhalbjährigen Einwandererkinder Holländisch lernt.

Zwar gibt es auch in Deutschland eine unüberschaubare Zahl von Projekten und Programmen für Migranten. Reichweite und Lebensdauer sind jedoch begrenzt, vielen geht schon nach wenigen Jahren das Geld aus. Die Neuköllner Stadtteilmütter finanzieren sich aus vier verschiedenen Fördertöpfen, vom Bezirk bis zur EU-Kommission in Brüssel. Immerhin, Emins Zukunft wird das Geld verbessern helfen. Für den Herbst haben ihn seine Eltern auf Vorschlag von Frau Demiral in einer Kita angemeldet.

Hier finden Sie einen Schwerpunkt zum Thema mit Analysen und Reportagen über Einwanderung und Integration, dazu Videoreportagen und Interviews, unter anderem über No-go-Areas und Kurse für Einwanderer: www.zeit.de/integration